Zeitung Heute : Rot bedeutet volltanken

Eine „Ampel“ soll helfen, Elektroautos optimal mit Strom aus erneuerbaren Energien zu laden.

Paul Janositz

Den Autofahrer der Zukunft erwartet ein lustiges Farbenspiel. Ihm leuchten nicht nur an der Ampel, sondern auch auf dem Parkplatz Rot, Gelb, Grün entgegen – jedenfalls wenn er ein Elektrofahrzeug fährt und wenn sich die Vorstellungen von Georg Erdmann verwirklichen. Der Professor für Energiesysteme an der TU Berlin hat mit seinem Team überprüft, ob Strom aus Windkraft ausreicht, die Batterien von Elektrofahrzeugen aufzuladen, die während einer achtstündigen Schicht auf einem Betriebsparkplatz abgestellt sind. Konkret handelt es sich um eine Studie für die BMW-Fabrik in Dresden. Dort werden „Megacity Vehicles“, Elektrofahrzeuge mit Kunststoffkarosserie, hergestellt. Das Aufladen der Batterien soll hauptsächlich mit Windenergie und Sonnenstrom gelingen. „Das lässt sich relativ gut bewerkstelligen“, sagt Erdmann.

Die Beschäftigten stellen morgens ihre Autos auf den Parkplatz, wo diese an Ladestationen neue Power erhalten. Hauptlieferant der regenerativen Energie ist eine auf dem Werksgelände installierte Windkraftanlage mit vier Rotoren. Doch der Wind weht unregelmäßig. Eine zusätzliche Photovoltaikanlage kann die Stromlücken zwar etwas ausgleichen, aber sie ist ebenfalls wetterabhängig. Darum müssen Methoden gefunden werden, mit denen die Nachfrage nach Strom dem aktuellen Angebot angepasst werden kann. So ersannen die Berliner Forscher ihre Farbenlehre.

Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass Pkw in Deutschland täglich 35 Kilometer im Durchschnitt bewegt werden. Die Reichweite einer vollgeladenen Batterie beträgt jedoch je nach Wetter- und Fahrbedingungen 80 bis 150 Kilometer, so dass nicht jedes Fahrzeug täglich voll aufgeladen werden muss. Dazu verfügt das Parkplatzfeld am Werksgelände über rote, gelbe und grüne Felder. Rot bedeutet „vollständig laden“, gelb „bis 60 Prozent auffüllen“. Wer auf Grün fährt, möchte die Batterie nur dann aufladen, wenn aktuell Strom durch regenerative Energien erzeugt wird. Mit der Entscheidung des Fahrers wird es möglich, für den Ladevorgang sehr viel regenerative Elektrizität einzusetzen.

Nicht immer, aber innerhalb von drei Tagen sind erneuerbare Energien verfügbar, da sich Wind und Sonne gut ergänzen, fanden die Wissenschaftler heraus. Das gilt fast für das gesamte Jahr. „Windstill ist es meist im Sommer, wenn viel Solarenergie zur Verfügung steht“, erläutert Erdmann. „Im Herbst, wenn die Sonne seltener scheint, gibt es dafür mehr Wind.“ Das Aufladen der Batterien muss allerdings intelligent geregelt werden. Die Leitwarte muss dazu den Ladezustand sowie die verfügbare regenerative Strommenge kennen. Die darauf aufbauende Ladestrategie gehört zu den Konzepten, die Erdmanns Team entwickelt.

Um Elektrofahrzeuge in Berlin betreiben zu können, benötige man keine flächendeckende öffentliche Ladeinfrastruktur, sagt der Experte für Energiesysteme. Es genügen zunächst einfache Schukostecker an Carports und Garagen im Privatbereich sowie in öffentlichen Parkhäusern. Auf der anderen Seite sieht der TU-Wissenschaftler die Batterien aber noch recht kritisch. Sowohl bei der Zuverlässigkeit als auch bei den Kosten müsse noch vieles besser werden, sagt Erdmann. Doch insgesamt überwiegt Optimismus: „Die Elektromobilität ist mit hohen erneuerbaren Stromanteilen erreichbar, Kohlekraftwerke braucht man dazu nicht.“ Paul Janositz

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