Zeitung Heute : Rot sehen

Susanne Kippenberger

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Wenn Berlin nicht so schön wäre – vielleicht wäre ich am Wochenende nach Venedig gereist und hätte dort zu Mittag gespeist. Eine Einladung hatte ich nämlich, zum Presselunch im Garten des Hotels Gabrielli Sandwirth, zu Ehren von sauerbruch hutton architects. Ich hab mich schon lustwandeln gesehen, hab das Wasser plätschern gehört, die Pasta geschmeckt, die Sonne genossen… Aber weil Berlin so schön ist, hab ich mal wieder Besuch bekommen; und weil Berlin so schön billig ist, hab ich mir die Reise nach Venedig gespart und statt der Architektur-Ausstellung die Architektur angeguckt: the real thing.

Die Besucher der Biennale in Venedig, die am Wochenende eröffnet wurde, können die Projekte von sauerbruch hutton nur als Ausstellungsobjekte bewundern. In Berlin stehen ihre schillernden Gebäude einfach so herum: in der Kochstraße das GSW-Hochhaus, in Adlershof das Photonikzentrum, ein bisschen außerhalb das Rathaus Henningsdorf und mittendrin und brandneu: Feuerwache und Polizeistation im Regierungsviertel. Feuerwehr, das ist ja eigentlich was für Jungs: die Action, das Tempo, die Gefahr, das haben die furchtbar gern. Aber diese Feuerwehr ist auch was für Mädchen: ästhetisch und heiter. Gegenüber vom Bundeskanzleramt, neben dem Biergarten gelegen, leuchtet die Wache einem durch die Kastanienbäume entgegen: rot, rosarot, orange, purpur, dunkelrot; weiter hinten, bei der Polizei, geht’s grün weiter.

Allerdings hatte der junge Feuerwehrmann, der bei der Eröffnung letzte Woche durchs Haus führte, auch allerlei zu schimpfen: dass das Linoleum im Gemeinschaftsraum schon jetzt zerkratzt sei. Dass es dunkel ist, wo er gern Licht hätte und ihm der Sichtbeton nicht gefällt. Dass sich unter der Fensterverkleidung die Wärme staut und er sich klatschnass spritzt, wenn er den Wasserhahn richtig aufdreht. Und dass er bei Alarm die Treppen runterstolpern müsse. Wo gibt’s denn so was, eine Feuerwache ohne Stange zum Runterflutschen?! Gut, dass ich keine Feuerwehrfrau bin. So zeige ich einfach meinen Besuchern die neue Sehenswürdigkeit, genieße den Anblick – und sinniere über die Kluft zwischen Architekten und Nutzern.

Feuerwache an der Moltkebrücke, Alt-Moabit 143/145, www.sauerbruchhutton.com.

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