Zeitung Heute : Rot und Wasser

Sie wollte bei den römischen Regionalwahlen antreten, ein Gericht hat es ihr verboten. Deshalb fing die Faschistin Alessandra Mussolini an zu hungern – und erhält Hilfe von ganz links

Paul Kreiner[Rom]

42 Jahre alt, Europaabgeordnete, drei Kinder, blonde Mähne und – so spotten ihre einstigen Freunde – „bald noch viel schöner, weil sie wieder schlanker wird“: Alessandra Mussolini hat einen Hungerstreik begonnen. Die Enkelin des „Duce“ protestiert seit Montag dagegen, dass sie laut Gerichtsurteil nicht in Rom bei den Regionalwahlen antreten darf. Zu viele Namen auf den Unterstützerlisten – ohne die Unterschriften von mindestens 3500 Unterstützern wird niemand zur Wahl zugelassen – waren gefälscht. Sogar Tote sollen die Kandidatur der Faschistin befürwortet haben und Menschen, die an einem 31. Februar geboren sind.

Alessandra Mussolini hat sich ein Wohnmobil gemietet, im Campingstuhl empfängt sie vor dem Verwaltungsgerichtsgebäude in Rom. Sie hat Berufung gegen das Urteil eingelegt, nichts essen wolle sie so lange, bis darüber entschieden ist, sagt sie. Wackere Hausfrauen aus dem Viertel kommen vorbei und bieten  – vergeblich – das Beste aus der Küche an. Höchstens drei Cappuccini genehmigte Mussolini sich jeweils an den ersten drei Tagen, Cappuccino kommt ihr mittlerweile „zu den Ohren raus“, ihr Magen ist schon übersäuert, sagt sie. Und allen, die es wissen wollen, teilt Mussolini ihren Zorn mit. Weiträumig die Frage umredend, wer denn die Listen zu ihren Gunsten erstellt haben könnte, sieht sie einzig im Ausschluss von den Wahlen einen Skandal. Bestimmt hat Francesco Storace, ihr einstiger Parteifreund und Präsident der Region Lazio, das Gericht dazu gedrängt: „Ich mach’ ihn zu Kleinholz!“

Und nun, als Märtyrerin, findet Mussolini  Freunde am entgegengesetzten Rand des politischen Spektrums. Massimo D’Alema, Chef der Linksdemokraten, rügt die „Riesenfalle“, welche die Rechten ihr aufgestellt hätten; „wahre Feindseligkeit“ sei das, sagt Livia Turco, eine andere führende Linke. Sogar die kommunistische Zeitung „Il Manifesto“ spricht von einer „Ungerechtigkeit der Spitzenklasse“.

Andere Linke, Gemeinde- und Stadträte zumeist,  geben freimütig zu, für die Erzgegnerin Mussolini auf „echte“ Unterschriftensammlung gegangen zu sein: „Das gehört doch zur Demokratie. Am Ende entscheiden sowieso die Wähler und nicht wir.“

Mussolini führt die rechtsextreme Sammelbewegung Soziale Alternative an. Sie hat sich abgespalten von der Alleanza Nazionale, als deren Chef Gianfranco Fini die einstigen Faschisten in eine salonfähige, rechtskonservative Partei verwandelte. Die Bemühungen wurden sogar von der israelischen Regierung honoriert,  und als Fini bei einem Besuch in Jerusalem den Faschismus als das „absolute Böse“ bezeichnete, kehrte ihm Mussolini voller Zorn den Rücken. Sie sah nicht nur das Andenken ihres Großvaters Benito beschmutzt, sie sagte auch: „Die Prinzipien des Faschismus behalten ihre Gültigkeit.“ Die Alleanza Nazionale jedenfalls – zumindest die Parteispitze – ist froh, Mussolini los zu sein, schon des belastenden Familiennamens wegen.

In Lazio, der Hauptstadtregion, kandidierte Mussolini denn auch aus Rache. Sie wollte ihrem früheren, zum „Verräter“ gewandelten Parteifreund Francesco Storace Stimmen abjagen. Den Linken war das ganz recht: Je weniger Stimmen auf den machtbewussten Storace entfallen würden, desto wahrscheinlicher wäre ein eigener Wahlerfolg. Mit dem Ausschluss der Sozialen Alternative von der Wahl indes sinken diese Chancen wieder, und das erklärt zum Teil, warum die Linken sich so für Mussolini einsetzen.

Gianfranco Fini indes – er ist inzwischen Außenminister – hat sich Vorwürfe von Ministerpräsident Silvio Berlusconi eingehandelt. Ganz und gar nicht begeistert vom Drang der gewendeten Faschisten in Richtung politische Mitte, lastet er Fini an, den „rechten Rand zu vernachlässigen“ und dadurch das  gemeinsame Regierungsbündnis in Gefahr zu bringen. Schließlich wird Mussolinis Soziale Alternative in den Umfragen auf vier bis neun Prozent taxiert, bei einem voraussichtlich knappen Wahlausgang wäre das ein womöglich entscheidendes Quantum.

Gegen den Widerstand Finis hat Berlusconi versucht, Mussolini als Spitzenkandidatin des nationalen Mitte-Rechts-Bündnisses in Neapel zu installieren. Für die Parlamentswahlen im nächsten Jahr soll es sogar schon eine Absprache zwischen den beiden geben. Danach würden die ungewendeten Faschisten, auf Listenplätze der Berlusconi-Partei Forza Italia gesetzt, zu 30 Mandaten kommen. Berlusconi hält seine Art der Stimmenmaximierung für unbedenklich: „Alessandra zu erniedrigen wäre ein großer Fehler“, sagte er.

Und für Francesco Storace, ihren Widersacher in Lazio, wird es eng. Denn aufgedeckt hat den Unterschriftenschwindel einer seiner engsten Gefolgsleute, und ein befreundeter römischer Stadtrat hat zusammen mit einer Art Schnelleingreiftruppe die amtlichen Melderegister durchwühlt, nachts und von Computern der Regionalbehörde aus. „Ich durfte das“, verteidigt sich der Mann. „Ich habe das Passwort.“ Storace selbst sagt, er sei unschuldig: „In der Nacht? Da schlafe ich.“

  Die Stadt Rom dagegen hat Ermittlungen gegen die Computerhacker auf den Weg gebracht. Und mancher erwägt schon, ob nicht die Wahlen in Lazio verschoben werden sollten. Wegen der Fälschungen und wegen der rechtlich dubiosen Aufdeckung des Schwindels. Nur die Lawine, die man damit losträte: Auch in der Toskana hat Mussolini nahezu komplett gefälschte Listen vorgelegt, in Mailand war jede einzelne der 2800 Unterschriften erfunden. Und abgesegnet hat die faschistische Liste ein linker Stadtrat. Mittlerweile ermittelt die Polizei in fast allen Regionen.

Freitagnachmittag kommt das Urteil im Berufungsverfahren von Rom, der endgültige Ausschluss. Alessandra Mussolini sagt: „Jetzt haben diese Wahlen keinen Wert mehr für das italienische Volk.“

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