Zeitung Heute : Rot-weiß-rote Kängurus

Markus Huber

Aller Wahrscheinlichkeit nach sind in der Geschichte der Bekleidungsindustrie selten hässlichere T-Shirts produziert worden, aber für den Österreicher als solchen sind sie, nun ja, wichtig: Die Teile sind gelb, sie kneifen unter den Achseln, und auf der Brust ist ein durchgestrichenes Känguru zu sehen. Darunter steht in dicken Lettern: "In Austria, we have no Kängurus." Es soll da ja zurzeit Verwechslungen geben mit einem Land ganz unten, dessen Name im Englischen so ähnlich klingt wie der von Felix Austria.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Kaum ein Österreicher würde jemals zugeben, dass er so ein T-Shirt besitzt, aber rätselhafterweise gehen die Dinger weg wie die warmen Semmeln. Man muss kein sensibler Psychologe sein, um daraus messerscharf den einzig richtigen Schluss zu ziehen: Wir Österreicher haben allesamt einen Minderwertigkeitskomplex.

Jeder Österreicher, der schon einmal einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hat, weiß das - die dort drüben wissen gar nicht, wo wir herkommen. Je besser der Österreicher Englisch kann, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er bei den Amerikanern für einen Australier gehalten wird - und wenn er gar nicht Englisch kann, für einen Aborigine mit Pigmentstörung.

Nur alle paar Jahre, wenn es Winter wird, ist das anders. Man kennt uns als Wintersportnation, darauf sind wir stolz, und davon lebt zum Großteil unsere Fremdenverkehrsindustrie. Salt Lake City sollte wieder mal so ein Glanzpunkt werden, den wir nach Haider und Co. auch bitter nötig haben - und jetzt das. Schon mal auf den Medaillenspiegel geguckt? Dienstagnachmittag lagen wir auf Platz 13. Einmal Gold, dreimal Silber, neunmal Bronze.

Wenn nicht die Biathleten und die Langläufer wären, die in Österreich normalerweise einen ähnlich hohen Stellenwert haben wie Curling-Profis in Kenia, würde es noch düsterer aussehen. Unsere hochgehypten Skispringer haben es immerhin zu Platz vier im Teamspringen geschafft, die alpinen Skidamen, diese Problemhasen, rutschen dem Feld ebenso, zumindest nach österreichischen Maßstäben betrachtet, hinterher. Und unsere Helden, das "Austrian Power Team"? Naja, im Fußball würde man von einer durchwachsenen Leistung sprechen. Gold in der Abfahrt, aber ansonsten nur die Trostpreise hinter einem alternden Norweger namens Aamodt.

Viel wird sich daran auch nicht mehr ändern, denn unsere stärksten Disziplinen sind durch, und alles, was noch kommen kann, hängt von Typen wie dem Skeleton-Fahrer Martin Rettl ab. Der ist zwar amtierender Weltmeister, aber irgendwie auch so ein kenianischer Curler.

Schlimm? Ja. Schlimmer? Oja. Eine Katastrophe? Sicher sogar. Vor Salt Lake City träumte der Wiener "Kurier", dessen Sportredaktion so etwas wie das Sprachrohr des österreichischen Fans ist, von 25 Medaillen. Mit 13 Stück sind wir da noch ein ganzes Stück weit entfernt. Wir schmollen, und zwar mit Recht. Seitenweise wird nach den Gründen für die Pleite gesucht, und am vergangenen Sonntag war man kurzfristig fündig geworden. Stephan Eberharter hat gegrantelt. Eberharter ist der Mann, der als würdiger Vertreter des Hermann Maier mindestens zwei goldene Medaillen um den Hals haben sollte. Nun hat er nur Bronze und Silber in der Tasche stecken und grantelte nach dem zweiten Platz im Super-G über die Trainer. Die hatten ihn seiner Meinung nach nicht ausreichend über Funk von den Schwierigkeiten auf der Piste aufgeklärt. Die Medien waren auf seiner Seite. Irgendwer muss ja schuld sein.

Neun Bronzemedaillen. Kann man sich darüber freuen? Nicht wirklich, und vor allem - wer redet jetzt über uns. Gut, dass es wenigstens Jörg Haider gibt, der am Wochenende, als sich das Debakel in Salt Lake City abspielte, in altbewährter Form für Unruhe in der Regierung gesorgt hat. Herr Haider weiß eben am besten, was die Österreicher brauchen. Und wenn sie es schon nicht auf die Sportseiten der internationalen Blätter schaffen, dann zumindest in die Außenpolitik.

Und, falls Haider mal die Ideen ausgehen, hier noch ein Vorschlag: Vielleicht könnte man den österreichischen Athleten ein paar Känguru-T-Shirts nach Salt Lake City schicken. Das wäre gar kein schlechter Hinweis. Denn seit Montag liegt Australien mit zwei Goldmedaillen im Medaillenspiegel vor Austria.

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