Rote-Khmer-Tribunal : Die Richter und der Henker

"Er hält den Kopf erhoben. Schämt er sich gar nicht?", flüstert eine Frau im Gerichtssaal. Nach 30 Jahren wird einem Massenmörder in Kambodscha der Prozess gemacht. Er ist geständig. Das Rote-Khmer-Tribunal hat begonnen.

Moritz Kleine-Brockhoff Ulrike Scheffer[Phnom Penh]
Kambodscha
Völkermord-Gedenkstätte in Kambodscha. -Foto: dpa

Kaing Guek Eav, genannt Duch, sitzt ruhig hinter seinem Anwalt. Manchmal lehnt er sich zurück, hört zu, was Richter und Staatsanwälte sagen. Dann greift er zur Brille, schlägt ein Buch auf und liest. Offenbar hat Duch seine Bibel mit in den Gerichtssaal gebracht. Sie liegt vor ihm in einem feinen Stoffumschlag mit Reißverschluss, die Seitenränder sind vergoldet. Einige Sätze sind mit einem gelben Stift markiert. Vielleicht sollen ihm diese Stellen besonders helfen. Duch muss damit zurechtkommen, dass er als ehemaliger Gefängnischef für Folter und Tod von mehr als 12 000 Häftlingen mitverantwortlich ist. Er gesteht seine Rolle ein. „Die Menschen, die starben, waren gute Menschen. Wir töteten sie wie Hühner. Mir machte meine Arbeit keinen Spaß. Es tut mir leid“, sagte Duch, als man ihn festnahm. Jetzt, nach zehn Jahren Untersuchungshaft, steht er vor Gericht. Die Verbrechen liegen mehr als 30 Jahre zurück.

Damals kamen in Kambodscha unter den Roten Khmer bis zu zwei Millionen Menschen um. Duch ist der erste Rote Khmer, der sich vor Gericht verantworten muss.

An der Saaltür steht Reach Sambath, der Tribunalsprecher, ein kräftiger Mann mit weicher Stimme. Sambath verlor unter den Roten Khmer beide Eltern und drei Brüder. „Viele Kambodschaner haben 30 Jahre lang auf den Tag gewartet, an dem jemand zur Rechenschaft gezogen wird. Es ist ein wichtiger Tag für die Toten und für die Überlebenden“, sagt Sambath ernst.

Phnom Penh, Rote-Khmer-Tribunal, Dienstagmorgen, kurz vor neun Uhr. Der Gerichtssaal sieht aus wie ein kleines Theater. Nur ist die Bühne nicht offen, sondern durch Panzerglas vom Zuschauerraum getrennt. Vor den Scheiben hängt ein blauer Vorhang. Langsam öffnet er sich. Podeste mit Tischen stehen da, dahinter Sessel. Links sitzen Staatsanwälte, Nebenkläger und ihre Anwälte. Hinten, unter den Emblemen des Königreichs Kambodscha und der Vereinten Nationen, nehmen die Richter Platz. Rechts sitzen Duch und seine Verteidiger.

„Ich erkläre die Erstanhörung im Fall 001 gegen Kaing Guek Eav alias Duch wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, schweren Verstoßes gegen die Genfer Konvention von 1949 sowie Mord und Folter unter dem Strafgesetz Kambodschas von 1956 für eröffnet“, sagt Richter Nil Nonn. Als dieser Satz fällt, ist es ganz still im Zuschauerraum. Die meisten Besucher starren nach rechts, zum Angeklagten. Duch trägt ein hellblaues Hemd, eine beige Bundfaltenhose, weiße Strümpfe und Lederschuhe. 66 ist er jetzt, seine Haare sind grau und dünn geworden. Gefasst sitzt er da, konzentriert. „Duch hält den Kopf erhoben. Schämt er sich gar nicht? Wie kann ein Massenmörder sich nicht schämen?“, flüstert im Zuschauerraum eine Frau.

Nil Nonn erklärt, dass es heute nur um Verfahrensfragen gehen wird. Noch ist offen, wie viele Nebenkläger zugelassen und wie viele Zeugen später gehört werden. Also kommen die mutmaßlichen Verbrechen, die der Angeklagte weitgehend eingesteht, heute noch nicht zur Sprache.

Duch leitete von 1976 bis 1979 das S 21 – ein Foltergefängnis, eine Stätte des Todes. Er erklärte Ermittlern, dass es im S 21 nicht um Schuld oder Unschuld der Häftlinge gegangen ist. Ihre Festnahme durch den Staatsapparat galt schon als Nachweis dafür, dass sie Staatsfeinde waren. „Wer verhaftet wurde, musste sterben. Das war die Linie der Partei“, sagte Duch in einem Interview.

Seine Aufgabe im S 21 war, alle Häftlinge zu schriftlichen Geständnissen zu bringen und sie dann hinrichten zu lassen. Gefangene wurden verhört und mussten unterschreiben, Spione von Auslandsgeheimdiensten zu sein. Und sie mussten andere belasten. Ein Dokumentationszentrum in Phnom Penh hat 5000 solcher Geständnisse aufbewahrt. „Wer zu Verhören geführt wurde, konnte Folter in der Regel nicht vermeiden“, sagte Duch Staatsanwälten. Schläge, Elektroschocks, simuliertes Ertränken und simuliertes Ersticken seien üblich gewesen. Duch gibt laut Klageschrift auch zu, Hinrichtungen organisiert zu haben. „Duch entschied, wie lange ein Häftling lebte. Er ordnete ihre Exekution an. Mehr als 12 380 Häftlinge wurden hingerichtet“, schreibt die Staatsanwaltschaft. Erschlagen mit Eisenstangen, Kehlen durchschneiden – das sollen die üblichen Methoden gewesen sein.

Die Klageschrift zitiert Zeugen, die über Herausreißen von Nägeln bei Folter berichten und über Babys, die von Balkonen geworfen worden seien. Ein Zeuge sagte aus, 1000 Häftlinge seien durch Ausbluten getötet worden. Das Blut sei an Krankenhäuser gegangen. Duch sagte Ermittlern: „Im medizinischen Bereich gab es drei Formen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit im S 21: Autopsien an Lebendigen, Blutabnahme und medizinische Tests.“

Weil es grundsätzlich keine Entlassungen aus dem S 21 gab, überlebten von den vielen tausend Häftlingen nur wenige. Einige von ihnen sind heute zum Gericht gekommen. In der ersten Zuschauerreihe sitzt der Künstler Vann Nath, ein würdevoller Mann mit schneeweißen Haaren. „Zum Gebrauch behalten“, lautet auf einem S 21-Dokument ein Rotstift-Vermerk neben Naths Namen. Zunächst war er fast an der Folter gestorben, dann sollte er Porträts von Pol Pot malen und tat das. Das rettete ihm das Leben. Ein Jahr lang hörte Nath im S 21 die Schreie der Gefolterten. „Ich würde Duch so gerne fragen, was er damals dachte und fühlte“, sagt Nath.

Andere S 21-Überlebende – die bereits vom Gericht zugelassenen Nebenkläger – sitzen jetzt oben auf der Bühne hinter ihren Anwälten, vielleicht 15 Meter entfernt von Duch. Bou Meng, auch ein Maler, ein alter Mann mit großer Brille, rutscht unruhig auf seinem Sessel herum. Neben ihm Chum Mey, der im S 21 Reparaturen erledigen musste. Vor seinen Augen erschossen die Roten Khmer seine Frau und seinen Sohn. Mey sieht müde aus, schaut oft auf den Boden. 78 Jahre ist er jetzt alt, und er versteht das alles immer noch nicht. „Warum ich, was habe ich falsch gemacht?“, hat er sich tausend Mal gefragt. Damals, im S 21. Bis heute.

Chum Mey führt mittlerweile Besuchergruppen durch sein Gefängnis, zuletzt vergangene Woche. S 21 ist heute ein Museum. Mey trägt Badelatschen beim Rundgang, ein kariertes Hemd und eine blaue Kladde, an der er sich festzuhalten scheint. Die verbliebenen weißen Haare hat er an den Seiten nach vorn gekämmt.

In den beiden dreistöckigen Gebäuden rund um den mit Palmen bepflanzten Innenhof war ursprünglich eine Schule untergebracht. Die Turnstangen stehen immer noch auf dem Hof. Gleich daneben errichteten die Roten Khmer einen Foltergalgen, an dem Gefangene an ihren auf dem Rücken zusammengebundenen Armen aufgehängt wurden. Chum Mey wurde im Oktober 1978 hierhin verschleppt, damals arbeitete er als Traktorenmechaniker. „Niemand erklärte mir, warum ich ins S 21 gebracht wurde“, sagt er. Ruhig, fast unbeteiligt berichtet er dann, was ihm hier widerfuhr. „Zwölf Tage haben sie mich beinahe ununterbrochen verhört.“ Fußnägel seien ihm herausgezogen worden, mehrmals hielten ihm Wächter Stromkabel ans Ohr. „Dann wurde ich ohnmächtig.“ Zwischen den Verhören musste er angekettet in einer kaum zwei Quadratmeter großen Einzelzelle still am Boden sitzen.

„Wenn die Wärter merkten, dass sich jemand rührte, war es um ihn geschehen.“ Dann sei derjenige auf einen der Todestransporte gekommen, die jeden Tag um Mitternacht zur Hinrichtungsstätte abfuhren, zu den Killing Fields. „Unser einziges Ziel war es, bis Mitternacht durchzukommen, denn dann hatten wir weitere 24 Stunden gewonnen.“ Länger als sechs Monate schaffte es jedoch niemand. Chum Mey überlebte, weil vietnamesische Truppen am 7. Januar 1979 in Phnom Penh einmarschierten. Als die letzten Gefangenen aufs Land verlegt werden sollten, geriet der Trupp unter Artilleriebeschuss, Mey konnte fliehen.

Lange glaubte man, dass nur sieben Häftlinge S 21 überlebten. Seit ein paar Wochen geht man von mindestens elf aus. Im Dezember tauchten Filmaufnahmen auf, die vietnamesische Journalisten machten, als sie im Januar 1979 nach der Flucht der Roten Khmer S 21 betraten. Auch sie sind jetzt nach Phnom Penh gekommen. „Es stank fürchterlich nach Leichen, wir mussten Masken anziehen“, erzählt Kameramann Ho Van Tay, „wir fanden fünf Kinder, die sich versteckt hatten. Sie waren schwach, konnten nicht mehr stehen, eines starb.“ Eines der vier Kinder, die durchkamen, hat sich jüngst beim Tribunal gemeldet, Norng Chan Phal, heute 35 Jahre alt, ein schüchterner Mann mit dunkler Haut. Phal sitzt im Zuschauerraum, in einer Pause erzählt er von seiner Mutter: „Ich sah sie im zweiten Stock von S 21, sie schaute mich durch das Fenster ihrer Zelle an. Am nächsten Tag war sie nicht mehr da. Ich habe sie nie wieder gesehen.“ Von den anderen S 21-Kindern, die sich verstecken konnten, soll eines in Deutschland adoptiert worden sein.

Bewegung im Gerichtssaal, Richter Nil Nonn hat 15 Minuten Pause gewährt. Duch bleibt an seinem Platz. Er schaut kurz in den Zuschauerraum, dann liest er wieder in dem Buch, das wie eine Bibel aussieht. Duch war früher Buddhist, seit 13 Jahren bezeichnet er sich als „wiedergeborener“ Christ. Er wollte ein neues Leben beginnen, und bestimmt das alte vergessen. Duch behauptet, er sei widerwillig Gefängnischef geworden und habe oft versucht, von seinem Posten zu fliehen. Aber es sei ihm nie gelungen. „Ich trat den Roten Khmer bei, um mein Volk zu befreien. Aus mir wurde sowohl ein Krimineller als auch eine Geisel des Systems“, sagte er Staatsanwälten bei einer Vernehmung. Später soll Duch auch vor Gericht aussagen. Sein erster Verhandlungstag geht ohne Beschlüsse zu Ende.

Die Richter legen nicht einmal das Datum der Fortsetzung fest.

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