Zeitung Heute : Rote Socken und schlaflose Nächte

Die Unabhängigkeit des Berliner Verlags Klaus Wagenbach hat ihren Preis – und doch hat er schon 40 Jahre durchgehalten

Gregor Dotzauer

Nein, keine Feierstunden mit Schlips und Dichterweihrauch. Keine Veteranentreffen mit dem Stolz auf alte Kriegsverletzungen und der Sehnsucht nach Jugendsünden – auch nicht zum 40. Geburtstag des Verlages. Stattdessen: ein forscher Blick in die Zukunft des Büchermachens aus Leidenschaft, schon um die eigenen Anflüge von Kulturkonservatismus zu überspielen. Und, nach dem Verklingen der Sektflöten auf der Leipziger Buchmesse nächste Woche, die Aussicht auf ein Sommerfest im Literarischen Colloquium am Wannsee in Berlin. Dann, wenn der August am tiefsten ist, die Zeit für weit aufgeknöpfte Hemden und wehende Kleider günstig, und die Luft fast italiänisch riecht, wie man mit dem hausüblichen Quäntchen Imaginations- und Vokalvergewaltigung sagen könnte.

Der aufgekratzte Ton macht im Verlag Klaus Wagenbach seit Anfang an einen Großteil der Musik. Und auch zum Jubiläum liegt dem im Herzen West-Berlins, in Wilmersdorf, beheimateten Verlag nichts ferner als deutsches Pathos. Der Wagenfisch, neben dem Haken schlagenden Karnickel eines der Wagenbach-Signets, ruft einem schon vom Umschlag des Frühjahrskataloges zu: „Auch Ihnen alles Gute!“ So viel Fröhlichkeit wirkt ansteckend – und soll es sein.

Im Sound des Verlages, der von den Verlautbarungen seines Spiritus rector bis zu den Depeschen aus der Presseabteilung reicht, wird gerne jeder Satz ein bisschen aufgepfeffert. In der Anrede heißt es zum Beispiel hübsch altfränkisch „Werthe Collegae“, und in die anschließenden Gedanken zur politisch-kulturellen Verfassung des Verlages und der Republik wird ein ganzes Säckchen aufmüpfiger Ausrufezeichen und Gedankenstriche gestreut (ein paar freche Klammern nicht zu vergessen, die besagen, dass alles im Leben eine Lust sei, die an den Widerständen wächst, und der Hedonismus die einzige lohnende Lebenseinstellung).

Das Ganze kommt mit einer Empfehlung, der sich auch das traurigste Mauerblümchen und das schlappste Salatblatt nicht verschließen können. Wagenbach ist „der unabhängige Verlag für wilde Leser“: ein Anspruch, den einst, links theoretisierend und nach allen Richtungen fabulierend, Bücher von Ulrike Meinhof, Erich Fried, Peter Brückner oder Johannes Bobrowski einlösten. Später waren es die Werke von Djuna Barnes, Natalia Ginzburg und Pier Paolo Pasolini, vor allem mit seinen legendären „Freibeuterschriften“. Heute halten ihn der römische Philosoph Paolo Flores d’Arcais oder die schottische Erzählerin A.L. Kennedy hoch, der Star des nicht nur aus Sentimentalität vergangenheitsbewussten Hauses: Über die Hälfte des Jahresumsatzes von rund zwei Millionen Euro stammt aus der Backlist. Und den nächsten intellektuellen Kampfplatz hat Wagenbach schon ausgemacht: „Glaubenskriege!“

Ausführlich steht das alles in dem knallroten Lesebuch „Warum so verlegen?“, das sich der Verlag zum Geburtstag geschenkt hat und das Klaus Wagenbach dem Besucher in Fortsetzung des fußwärts in die unvermeidlichen roten Socken mündenden corporate design stolz entgegenhält. „Wer kein Kapital hat, streicht sich rot an“, sagt er, was zumindest kleidungsmäßig auch seine Frau Susanne Schüssler beherzigt hat, die seit zwei Jahren die Geschäfte führt, zusammen mit seiner Tochter aus erster Ehe: Nina Wagenbach wacht über den Vertrieb.

Wie das war, als er 40 Jahre alt wurde? Da kommt Klaus Wagenbach auf dem Sofa in seinem Arbeitszimmer richtig ins Schleudern und kramt und kramt in seinem Gedächtnis und rechnet aus, dass das 1970 gewesen sein muss: er ein glühender Anhänger des verlegerischen Kollektivismus und... Gut, dass Sie mich das nicht fragen, springt ihm Susanne Schüssler bei und erklärt, dass sie 27 Tage vor ihrem 40. Geburtstag die Leitung des Verlages übernommen habe.

Hinter dem Sofa, auf dem die beiden sitzen, ragt Franz Kafka als Pappkamerad in Lebensgröße auf, als viertes, in mehreren Büchern des ausgewiesenen Kafka-Forschers Wagenbach präsentes Familienmitglied, das die Unabhängigkeit des Verlages sichern hilft. Ob sie sich nicht schon öfter ins Knie gebissen hätten, an dieser Unabhängigkeit um jeden Preis festzuhalten? „Ich hatte nie einen Knieschaden“, sagt Klaus Wagenbach. Und Susanne Schüssler erklärt: „Die Frage müsste heißen: Wie oft haben Sie deshalb schon schlaflose Nächte verbracht?“

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