Zeitung Heute : Roter Rachen

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Hilfe bei Mandelentzündung

Hartmut Wewetzer

Die Mandeln sitzen tief in der Mund-Rachenhöhle, halb verborgen hinter dem vorderen Gaumenbogen. Beim genauen Blick in den Spiegel kann man sie dort entdecken. Und wohl jeder kann sich daran erinnern, wie die Gaumenmandeln einmal dick und vereitert waren. Wie man Fieber hatte, das Schlucken schmerzte, die Glieder müde und der Kopf benommen waren. Früher wurde bei eitrigen Mandelentzündungen, Angina oder Tonsillitis genannt, oft nicht lange gefackelt – schnell waren die Entzündungsherde entfernt.

Das hat sich geändert. Vor allem bei kleinen Kindern sind die Hals-Nasen-Ohrenärzte zurückhaltender geworden. Das liegt daran, dass die Gaumenmandeln zum lymphatischen System gehören. Das ist ein wichtiger Teil der Körperabwehr. Die ersten vier Lebensjahre sind eine intensive Schulzeit für die Körperabwehr, in der sie lernt, Freund und Feind kennen zu lernen und zu unterscheiden. Ohne Not sollte man diesen Lernprozess nicht stören.

Den Trend zur Zurückhaltung bei Mandeloperationen untermauert eine Untersuchung, die nun im Fachblatt „British Medical Journal“ erschienen ist. Anne Schilder vom University Medical Center Utrecht und ihre Kollegen in verschiedenen anderen Krankenhäusern behandelten 300 Kinder, die vergrößerte Gaumen- und Rachenmandeln („Polypen“) oder eher leichte Racheninfekte hatten. Entweder wurden diesen Kindern die Gaumen- und Rachenmandeln entfernt, oder man wartete einfach ab. Am Ergebnis änderte das herzlich wenig. Nach zwei Jahren hatten die Kinder in beiden Gruppen eine ganz ähnliche Lebensqualität und vergleichbar häufig Atemwegsinfektionen. Denn auch ohne Mandeln kann sich der Rachen noch entzünden.

Es ist also gut, sich nicht vorschnell zu einer Mandeloperation drängen zu lassen. Wenn man unsicher ist, sollte man einfach noch einmal einen anderen Arzt um Rat fragen. Aber es gibt auch klare, ja zwingende Gründe für einen Eingriff. „Wenn man häufig, also mindestens vier bis fünf Mal im Jahr eine eitrige Angina durchmacht, die man mit Antibiotika bekämpfen muss, dann sollten die Mandeln entfernt werden", sagt Friedrich Bootz, Leiter der HNO-Klinik an der Uni Bonn.

Ein zweiter Grund für die Operation sind stark vergrößerte Gaumenmandeln, die den Schlaf stören können – und bei Kindern sogar das Gedeihen, weil sie das Schlucken erschweren und damit die Nahrungsaufnahme erschweren. Im Extremfall berühren sich die Mandeln sogar („kissing tonsills“). Der Eingriff bringt in solchen Fällen oft schnelle Linderung: „Viele sind danach ganz andere Menschen“, sagt Bootz.

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