Zeitung Heute : Roter Sand

Frischer Zander unter pampiger Sauce

Elisabeth Binder

Fischrestaurant Roter Sand, Kurfürstenstr. 109, Schöneberg, Tel. 213 66 41, täglich von 11.30 bis 22.30 Uhr. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Zu den häufigeren Fragen, die mir von Lesern gestellt werden, gehört die nach einem guten Fischrestaurant. Meistens verweise ich auf einen guten, in der Regel gehobenen Italiener, der natürlich nicht nur, aber auch Fisch im Angebot hat. Denn es gibt trotz immer mal wieder aufkeimender Ansätze leider kaum richtige Fischrestaurants in der Stadt. „Roter Sand“, benannt nach einem berühmten Nordsee-Leuchtturm, ist eine Ausnahme. Das Lokal existiert schon seit Jahrzehnten, und als mich letztens eine Quelle meines Vertrauens darauf hinwies, es sei viel besser und auch äußerlich viel hübscher und luftiger geworden, gab es quasi kein Halten mehr.

Das Restaurant hat eine offene Küche und einen Raum mit wenig Schnörkeln. Glatter Holzfußboden, Holztische mit Papierservietten, in der Nichtraucherabteilung verbreiten Leuchter mit brennenden Kerzen eine stimmungsvolle Atmosphäre, während sich die Raucher mit einem an die Wand gemalten Leuchtturm begnügen müssen. Die Küche verspricht Hummer und Austern, auf schwarzen Schiefertafeln wird Fischfondue annonciert. Ein paar Busladungen täten der Größe des Raumes wahrscheinlich gut. Wenn es eher leer ist hier, dominiert der Charme gehobenen Kantinenwesens.

Das Angebot auf der umfangreichen Speisekarte klingt verlockend und wäre ein Indiz dafür, dass der Fisch beim Italiener als Alternative doch nicht reicht. Es gibt eigene Abteilungen für „Schollengerichte“, „Fisch exotisch“, „Süßwasserfische aus der Region“, „Meeresfrüchte“ und „Heringsgerichte“. Die klare friesische Fischsuppe, die nicht lange auf sich warten ließ, war sogar ganz in Ordnung und enthielt nicht nur die versprochenen Kräuter und Gemüsestreifen, sondern auch einige Fischbrocken (2,50 Euro). Dagegen war die Fischsuppe à la Bouillabaisse, „gekocht nach französischer Art“, eine Enttäuschung. Was nur zum Teil daran lag, dass sie wahrscheinlich zu lange vorgekocht worden ist. Die Fischstückchen hatten eine Konsistenz, die an zu lang gebratene Schnitzel erinnerte (4,20 Euro). Zu beiden Suppen gab es jeweils eine Scheibe Baguettebrot. Das halte ich angesichts der knapp kalkulierten Preise für vertretbar. Auch die Getränke sind vergleichsweise günstig. Mit 22,50 Euro steht der gute Sancerre schon ganz oben in der angebotenen Preisskala. Entsprechend feierlich wird er serviert.

Das Zanderfilet schmeckte frisch, saftig und zart und war begleitet von bleichen Kroketten. Die „frische Champignonsauce“ war nach einem Rezept aus Omas Gruselköfferchen bereitet, pampig und fade (11,90 Euro). Noch erschreckender waren die Saucen, die unter dem „Fisch Dreierlei“ angerichtet waren: eine laffe, seltsam künstlich wirkende rote Pfeffersauce und eine dunkelgelbe, geschmacksarme Currysauce von unattraktiver Konsistenz. Das war schade, denn die Filets von Lachs, Zander und Heilbutt waren auch bei diesem Gericht einwandfrei, wobei dem Lachs ein etwas kürzerer Pfannenaufenthalt gut bekommen wäre. Dazu gibt es Reis und passablen Blattspinat (13,50 Euro). Den Umgang mit Pfannenfisch beherrschen die Köche offenbar.

Es gibt eine ganz gute Dessertauswahl, die allerdings an unserem Abend nicht vollständig vorhanden war. Egal, die Rote Grütze war für den Preis von drei Euro natürlich nicht aus handverlesenen Früchten frisch gekocht worden, dafür gab es viel davon, sie schmeckte auch nicht zu süß und die Vanillesauce dazu nicht zu vanillig. Die vier gebackenen Apfelküchle waren ganz in Ordnung, obwohl der Teig drumherum ruhig weniger fettig hätte sein können (3,60 Euro).

Schade, dass die Küchenpraxis den Verlockungen der Speisekartentheorie noch hinterherhinkt. Fisch ist so ein perfektes Gesundheitsessen, es wäre also schön, wenn zwischen Nordsee-Imbiss und der gehobenen Preisklasse das Angebot breiter werden könnte. Im Roten Sand würde sich ein Köche-Coaching, das mit dem Studium moderner Rezeptbücher beginnen könnte, unbedingt lohnen.

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