Zeitung Heute : Rothaarsteig: Germanien wie zu Römerzeiten - Deutschland im Urzustand

Gerhard Fitzthum

Der Endpunkt unserer Sieben-Tage-Wanderung ist erreicht - das Ende aller Mühen und Probleme. Könnte man meinen. Doch jetzt wird es noch einmal ernst: Wir wollen vom nahegelegenen Bahnhof nach Hause fahren, im Verkehrsbüro hat man aber keinen Abfahrtsplan der Züge. Man schickt uns in das Reisebüro in der Fußgängerzone. Auch dort hängt kein Fahrplan, aber man könne uns gerne einen Zug heraussuchen - für fünf Mark!

Wo sind wir? In der Service-Wüste Deutschland natürlich, dort zwar in der Provinz, aber nicht einmal auf dem Dorf, sondern in einem der politischen und wirtschaftlichen Zentren des Hochsauerlandkreises, in der einstigen Hansestadt Brilon.

Andere negative Erlebnisse können wir von unserer Wanderwoche allerdings nicht berichten. Unsere Route, der soeben eröffnete Rothaarsteig, erwies sich als professionelles Wanderangebot ohne die üblichen Mängel herkömmlicher Mittelgebirgsstrecken: Er führt nur selten über Teer und vermeidet es so gut es eben geht, einfallslose Holzabfuhrschneisen zu benutzen. Sieben Tage zu Fuß, sieben Tage Stille, nur die eigenen Schritte und das Zwitschern der Vögel im Ohr, entspannte Gespräche und ungestörte Gedanken. Nur selten hallt Straßenlärm aus den Talsohlen herauf.

Doch langsam. Fangen wir von vorn an - in Dillenburg, wo der Rothaarsteig beginnt und auch wir die Wanderstiefel geschnürt haben. Ein erster Blick auf die Wanderkarte lässt rund um den traditionellen Industriestandort eine kilometerlange Asphaltschlacht befürchten. Doch stattdessen werden wir schon wenige Meter vom Bahnhof entfernt auf Schleichwegen durch Parks und kopfsteingepflasterte Altstadtquartiere geführt. Autos müssen wir nirgendwo ausweichen, wir sind unter unseresgleichen - unter Fußgängern.

Vom Motorverkehr bleiben wir auch deshalb zunächst verschont, weil uns ein Umweg über den Burgberg zugemutet wird. Auf endlos erscheinenden Steintreppen geht es an der alten Stadtkirche vorbei steil hinauf. Oben genießen wir einen grandiosen Ausblick über das Tal und die Fachwerkhäuser der Altstadt. Auch stehen wir nun vor dem Wahrzeichen Dillenburgs, dem mächtigen, im 16. Jahrhundert von Wilhelm I. von Oranien erbauten Wilhelmsturm.

Freilich werden nicht alle Wanderer über solche Zusatzaufstiege erfreut sein. Wer es eher gemütlich will, hat mit dem Rothaarsteig ohnehin die falsche Wahl getroffen. Er ist kein Promenierweg für Sonntagsspaziergänger, sondern ein Fernwanderweg, der drei Bundesländer miteinander verbindet: Zwischen dem hessischen Dillenburg und dem nordrhein-westfälischen Brilon liegen ohne Varianten nicht weniger als 154 Wander-Kilometer. Und auch wenn die Werbebroschüre "Kammwege ohne größere Auf- und Abstiege" verspricht, pendelt man zwischen 300 und 840 Metern Meereshöhe.

Nichts für jedermann ist der Rothaarsteig auch deshalb, weil er seinem Namen zuweilen alle Ehre macht. Es geht dann auf kleinsten Pfadspuren durch den Wald, wo man wegen Bodenunebenheiten und rutschigem Wurzelwerk auf jeden Schritt achten muss. Einige Wegstücke haben geradezu alpinen Charakter, die Passage über den Ginsterkopf zum Beispiel. "Nur für Geübte!", steht auf dem Hinweischild am Abzweig - "Normalwanderer" sollten lieber auf dem harmlosen Forstweg des Sauerländischen Gebirgsvereins bleiben.

Natürlich steigen wir auf. Auf einer kaum zu erkennenden Pfadspur geht es über den zerklüfteten Kamm, ab und zu müssen wir die Hände zu Hilfe nehmen. Für die Strecke brauchen wir doppelt so viel Zeit wie erwartet, dafür haben wir das Gefühl eines wirklichen Draußenseins in der Natur.

Die Idee für eine erlebnisorientierte Wegführung stammt nicht aus den Kreisen der klassischen Wandervereine, sondern von Touristikprofis wie Thomas Weber aus dem Schmallenberger Sauerland. Um den Abwärtstrend bei den Übernachtungsgästen zu stoppen, hatten sie sich vor drei Jahren kompetente Fachberater zur Hilfe geholt. Es brauchte nicht einfach einen weiteren Wanderweg, sondern ein Angebot auf dem Stand der Zeit mit einem neuen und einheitlichen Design und einem klingenden Namen. Man wollte einen "Top-Trail" mit Markencharakter, der zum touristischen Imageträger einer ganzen Region taugt.

Doch der Anspruch der Initiatoren ist noch höher: Die neue Wanderroute durch Lahn-Dill-Bergland, Siegen-Wittgenstein und Sauerland soll eine ernsthafte Konkurrenz werden zu den schon legendären Kammwegen der Republik, dem Rennsteig im Thüringer Wald und dem Westweg im Schwarzwald. Rainer Brämer, der für die Projektidee verantwortliche Wander-Experte, hat es verstanden, den regionalen Entscheidungsträgern Mut zu machen. Ein langgezogener Höhenweg auf der Rhein/Weser-Wasserscheide mit prominenten Quellen wie Lahn, Sieg, Ruhr und Eder lasse sich optimal präsentieren und vermarkten. Das Gebiet um den Naturpark Rothaargebirge habe überdies das Glück, vom Ruhrgebiet und dem Rhein-Main-Ballungsraum gleichermaßen gut erreichbar zu sein. In puncto Aussicht sei der Rothaarsteig dem Rennsteig sogar überlegen, weil dieser fast ausnahmslos durch Wald führe. Dies rechtfertige den erheblichen finanziellen Aufwand, der nötig sein werde, das Angebot über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu machen.

Brämer argumentiert aber auch mit der "Idealität des Landschaftsbildes" und beruft sich dafür auf die Erkenntnisse der modernen Landschaftspsychologie: Die fragt nach den Determinanten, die den Erlebniswert geografischer Räume bestimmen. Als Positiv-Kriterien gelten Abwechslungsreichtum, sanft geschwungene Landschaftsformen, die Anwesenheit von naturnahen Gewässern, Technikferne und Stille. Aus der Vorhandenheit all dieser Merkmale folgert Brämer, dass das Bergland rund um den Naturpark Rothaargebirge "objektiv zu den schönsten Urlaubsregionen der Welt gehört."

Starker Tobak, denkt man im ersten Moment. Andererseits kann man der kessen Behauptung eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. Der Rothaarsteig bietet immer wieder ungeahnte Weitblicke über eine endlose Hügellandschaft, die völlig unberührt scheint. In den Alpen muss man inzwischen lange suchen, um noch derart zivilisationsferne Eindrücke zu genießen: Überall sind moderne Alpwege in die Hänge gefräst, irgendeine Bergflanke ist immer mit Lift- oder Stromleitungen verkabelt, irgendwo entdeckt man stets den Großparkplatz und die Talstraße, die das ganze Tal beschallt. Dagegen wirken die großflächigen Waldgebiete von Rothaargebirge und Westerwald geradezu archaisch. Statt in einem der dichtestbesiedelten Länder des Kontinents, wähnt man sich in jenem Germanien, das die Römer gesehen und beschrieben hatten - in einem Deutschland im Urzustand.

Massentouristische Erschließungen fehlen jedenfalls fast völlig. Einzig rund um Winterberg quert man immer wieder Skipisten und Schlepplifts und die Berge haben den typischen Irokesenschnitt. Von dieser Tummelzone abgesehen führt der Rothaarsteig durch abgelegene und stille Welten - durch ein Niemandsland, in dem man manchmal einen halben Tag lang keine Straße überqueren muss. Zu den Prunkstücken gehört die wildromantische Passage über den Langenberg, der mit 842 Metern höchsten Erhebung Nordrhein-Westfalens, und das Naturschutzgebiet Neuer Hagen. Es besteht aus einer ausgedehnten Heidefläche mitten im Gebirge, einer Traumlandschaft in mehr als 600 Metern Meereshöhe.

Zu den landschaftlichen Höhepunkten gehört auch das Quellgebiet der Eder. Über Kilometer windet sich der kleine Bach hier durch geschützte Moore und Auwälder. Am sonnigen Wegrand sitzend, sieht man in eine offene Landschaft mit vereinzelten Moorbirken und alten Hütten. Die Stille wird nur vom Plätschern des Wassers und den Schreien der Bussarde unterbrochen. Auf Holzstegen gelangt der Wanderer an den Rand eines Teiches oder ins Moor, ohne Trittschäden zu hinterlassen. Es gibt Schautafeln zu den Themen Wald und Wasser. Leider hat sich Rainer Brämer mit seiner Linienführung nicht überall durchsetzen können. So gibt es vor allem südlich der Haincher Höhe ausgesprochen langweilige Passagen. Mag sein, dass man auch hier von einer bezaubernden Landschaft umgeben ist, aber man sieht nichts von ihr: Stundenlang geht es durch dichten Wald, und noch dazu auf trostlos breiten Forstwegen. Dazu kommt der kalte Wind, der auch dort über den Kamm bläst, wo die Sicht von Bäumen versperrt ist. Man fragt sich, ob es nicht besser gewesen wäre, den Weg auf halber Höhe zu führen, zumal man dann etwas mehr von der bäuerlichen Kulturlandschaft und den graugeschieferten Fachwerk-Dörfer sähe - und auch gelegentlich einkehren könnte. Diese Probleme sind den Initiatoren allerdings nicht verborgen geblieben. Man plant nun ein Aussichtskataster und will gegebenfalls noch weitere Aussichtstürme bauen und Schneisen in den Stangenwald schlagen. Andere Mängel sind dem Rothaarsteig noch während der Projektphase zugefügt worden: Zwischen Kalteiche und der Burbacher Wasserscheide etwa verwandelte ein Forstpanzer mit einem Radstand von fast drei Metern den weichen Waldboden in eine Sumpflandschaft. Warum er dort durchgefahren ist, bleibt rätselhaft. Vor Ort vermutet man, dass da ein Forstarbeiter auf Abkürzungskurs war. Manchen Revierförster scheint es nicht die Bohne zu interessieren, ob ein Weg eine Wandermarkierung trägt oder nicht.

Kritik an solchen Schwächen fürchten die Initiatoren nicht. "Im Gegenteil", sagt Thomas Weber, der die Fäden des Rothaarsteigs in der Hand hält. "Nicht zuletzt der öffentliche Druck wird unser Produkt optimieren helfen", glaubt er. Die Rechnung könnte aufgehen. Grund für Pessimismus gibt es ohnehin nicht. Auch die stursten Gemeindeväter beginnen nun, den Rothaarsteig als Aushängeschild zu begreifen, mit dem man sich nicht blamieren will.

In einer zweiten Ausbauphase werden nun Themenwege mit zeitgemäßen Schautafeln und "Erlebnisschleifen" eingerichtet. Doch schon jetzt ist der Rothaarsteig ein zeitgemäßes Wegeangebot, das sich hinter seinem Vorbild, dem Rennsteig, nicht verstecken muss. Hat das Projekt den Erfolg, den es verdient, so könnte es eine Reformwelle für die Wegenetze der deutschen Mittelgebirge nach sich ziehen und eine neue Epoche in der touristischen Inlands-Vermarktung einläuten. Jedenfalls sieht es so aus, als sei den Wanderrevieren in den Alpen und in Übersee nun doch noch eine kleine Konkurrenz von dort erwachsen, wo man sie am allerwenigsten vermutet hätte - aus der deutschen Provinz.

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