Zeitung Heute : Rotterdam: Rotown magic

Rolf Brockschmidt

Mühsam schippert das kleine Boot durch die aufgewühlte Maas. Der Wind kommt von vorne und kleine Brecher gehen über das alte Holzboot. Der Bootsführer macht nicht viele Worte. Er hält Kurs, und sein einziger Gast staunt über die neue Skyline von Rotterdam.

Vor uns der Schwan der Erasmus-Brücke von Ben van Berkel, ein Meisterwerk elegantester Brückenbaukunst, die das Zentrum von Rotterdam mit dem Süden verbindet, wo nun Stararchitekten wie Norman Forster und Renzo Piano bauen. Ein ganzes Viertel mit mehr als 15 000 Wohnungen entsteht hier im Süden, dem "Kop van Zuid", dem Kopf des Südens. Mit dem Bau der Brücke hat sich der Traum verwirklicht, das Trennende der breiten Maas zu überwinden.

"Ja, es hat sich viel verändert", murmelt der wortkarge Bootsführer. Rotterdamer machen nicht viel Aufhebens um ihre Stadt. Das liegt ihnen nicht. Aber allmählich ändert sich diese Einstellung. Die Einheimischen beginnen, den Charme der eigenen Stadt zu entdecken und sind zunehmend stolz auf sie. "Jetzt fangen wir Rotterdamer allmählich an, selbst zu genießen", sagt Mark van der Veen, Stadtführer von "Rotterdam Roots". "Jetzt, wo es uns endlich wirtschaftlich besser geht, geben die Menschen hier auch mehr Geld für Essen aus." Es bestehe nicht mehr nur aus Beefsteak und Fritten.

Lange hat Rotterdam im Schatten der Erzrivalin Amsterdam gestanden, die mit ihrer historischen Innenstadt, dem Grachtengürtel und den schmucken Giebelhäusern die Touristen aus aller Welt in Scharen anzieht. Rotterdam ist dagegen ganz anders, erfüllt nicht die Sehnsüchte nach idyllischer Beschaulichkeit und einem Hauch von Goldenem Jahrhundert. "Rotterdam ist nicht zu filmen / Die Bilder wechseln zu schnell / Rotterdam hat keine Vergangenheit / und einen einzigen Treppengiebel" schreibt der berühmteste Dichter der Stadt, Jules Deelder, in seinem Gedicht "Rotown magic".

Nach den Verwüstungen durch das deutsche Bombardement 1940 hat die Stadt in den 50er und 60er Jahren ihren Wohnungsbau vorangetrieben, den Hafen ausgebaut, der damit weit vor die Tore der Stadt gewandert ist, und seit den achtziger Jahren mit einer großen Zahl ehrgeiziger Kulturbauten wie dem Niederländischen Architektur Institut, der Kunsthal Rotterdam unddem Martiem Museum Anschluss an die internatonale Entwicklung genommmen. Nicht ohne Grund ist Rotterdam in diesem Jahr ebenso wie Porto Kulturhauptstadt Europas. Rotterdam ist eine junge Stadt, dynamisch, ein Experimentierfeld für Architekten - in keiner niederländischen Großstadt kann man die Architekturgeschichte der letzten 50 Jahre so studieren wie in Rotterdam. Amsterdam mit seinem geschützten Baubestand wirkt dagegen museal.

162 Nationalitäten zählt Rotterdam und - es schlägt daraus Kapital. Die Internationalität seiner Bewohner ist im Straßenbild präsent. Wo kann man sonst so viele indische, surinamische, koreanische oder mexikanische Geschäfte und Lokale sehen? Das Nebeneinander und Miteinander der Kulturen funktioniert. Und nirgendwo wie in Rotterdam werden so viele Straßenfeste gefeiert, bei denen die verschiedenen Nationalitäten deutlich Flagge zeigen.

Noch etwas fällt dem Besucher nach einer gewissen Zeit auf. Rotterdam hat so gut wie keine Grachten, die man gerne als Charakteristikum niederländischer Städte betrachtet. Der Westersingel vom Bahnhof Richtung Erasmusbrücke führt zwar Wasser, doch ist er breiter angelegt als eine herkömmliche Gracht. Rasen und Bäume säumen den Kanal, und seit neuestem lädt eine breite Promenade mit Skulpturen namhafter Bildhauer zum Flanieren ein. Kein Radfahrer scheucht den Spaziergänger zur Seite, Autos und Straßenbahnen kommen den Fußgängern nicht in die Quere. Das ist es, was Rotterdam dem Stadttouristen zu bieten hat: Raum und Weite. Die Straßen sind breiter, es gibt mehr Fußgängerzonen, die Stadt wirkt nicht so hektisch wie Amsterdam.

Hinzu kommt die breite Maas, die durch die Stadt fließt und sich viel Raum nehmen darf. Zwar ist der Hafen inzwischen längst aus dem Herzen der Stadt verbannt und wurde Richtung Küste verlegt und in einen Containerhafen umgewandelt, doch findet man im Zentrum am Martiem Museum noch etwas von der Romantik vergangener Zeiten. Hier liegen ein alter Dampfer, historische Segel- und Feuerschiffe, hier kann man alte Verladekräne und Eisenbahnwaggons betrachten, die alle zusammen noch einen Hauch vergangener Tage der Seefahrt vermitteln. Hier steht man am Kai und lässt den Blick über die Maas schweifen - bis zur Nordsee. Hier kann man das Wassertaxi besteigen, ein elegantes Holzboot im Stil der Zwanziger Jahre, das einen über die Maas unter der Erasmusbrücke hindurch zum ungewöhnlichen Hotel New York schippert.

Neben dem neuen Büroturm von Norman Foster am Südufer der Maas, dem "Kop van Zuid", liegt das "New York". Der schmucke Bau der Jahrhundertwende mit seinen zwei Türmen war einst der Sitz der Holland-Amerika-Linie. Ein paar Blocks weiter findet man die Pier für Kreuzfahrtschiffe, wo immer mal wieder einer der großen Oceanliner andockt. Vor dem Hotel New York erinnert eine Skulptur aus zwei geneigten Schornsteinen an die legendäre Zeit der Luxusdampfer. Das Wassertaxi legt an der alten Pier an, geradewegs vor der Tür des Grand Cafés. Ein wunderbarer Ort zum Verweilen. Der Blick schweift über die Maas mit ihrem regen Binnenschiffverkehr, und man könnte Fernweh bekommen.

Rotterdam erschließt sich dem Touristen nicht auf den ersten Blick. Für diese Stadt muss man sich Zeit nehmen. Da gibt es das bei der Bevölkerung beliebte Geschäftszentrum um den Coolsingel, den Kralingse Bos als grünes Erholungsgebiet und eine Abenteuerwelt für Skater. Der Museumspark am Westersingel ist ein Muss. Das Gebiet um den alten Hafen sollte man durchstreifen und - natürlich - das Schifffahrtsviertel mit seinen neuen Restaurants am Fuße der Erasmusbrücke. Schließlich gibt es noch Delfshaven, das altniederländische Beschaulichkeit bietet: mit Windmühle, typischen, holländischen Häusern und sogar einer Gracht. Wie heißt doch das Motto der Kulturhauptstadt? "Rotterdam ist viele Städte."

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