Zeitung Heute : Rousseau im Bauch

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Von Stephan-Andreas Casdorff

Er hört auf mit der Politik? Schluss, nach 30 Jahren Bundestag? Kaum zu glauben. Norbert Blüm doch nicht. Er ist doch ständig zu hören, fast so oft wie Möllemann. Menschenrechte, Sozialpolitik und zwischendurch Kritik an Israel – Himmel, er ist wirklich ein Geist der Kontroverse.

Zur Ehrfurcht ist er nicht begabt. Das sagt er selber. Er ulkt über so vieles. Bis auf, wirklich, den „lieben Gott“. Und das sagt er auch genau so, hier in seinem bescheidenen Büro in der Berliner Wilhelmstraße, wo an der Wand hinter ihm ein Kruzifix hängt. Ja, der liebe Gott und Jesus, vor denen hat er mehr als Respekt. Jesus wird er in der Tat lieben: Wie er von ihm redet, auf eine fröhliche, einfache Weise, ganz direkt, gewissermaßen von Mensch zu Mensch. Es nimmt einen für ihn ein, dass er zugleich so ernsthaft wirkt. Und, nebenbei, an einen wohlbeleibten Klosterbruder erinnert.

Über seinen Glauben will er nicht streiten – aber sofort für ihn. Denn dazu gehört für ihn der Kampf ums Menschenrecht. Vor acht Wochen hat Blüm mit Bekannten in Ramallah, in Dschenin am Telefon gesprochen. Sie haben ihm von der Ausgangssperre berichtet, davon, dass bei 40 Grad Hitze die Fenster geschlossen bleiben müssten, weil sonst die israelische Armee hineinschieße. „Diese Menschen haben auch Rechte!“ Wassertanks würden zerstört und Olivenbäume umgefahren von Panzern. Israels Militär zertrümmere Telefon, Fax, das ganze Büro von Jassir Arafat, „und dann soll er das Land noch auf Vordermann bringen?“ Blüm redet sich leise in Wut: „Mit Passierscheinen lassen sich keine Wahlversammlungen abhalten.“ Und es soll ihn jetzt bloß keiner antisemitisch nennen. Jesus war ja auch ein Semit.

Fast sein ganzes Leben hat er in der Politik verbracht. Ein alter Kämpe. Und redet wie Möllemann von einem „Vernichtungskrieg“ der Israelis. Weiß er wirklich nicht, wie solche Worte wirken? Kaum vorstellbar, dass einer wie er vergisst, was er in Jahrzehnten gelernt hat. „Für Semantik bleibt keine Zeit, wenn Leute sterben“, sagt Blüm. „Wenn einer auf der Straße liegt und Hilfe braucht, schau’ ich nicht erst im Lexikon nach.“

Dass seine Semantik zuweilen vielleicht doch ein wenig überzogen sein könnte, sagt auch seine alte politische Mitstreiterin Rita Süssmuth. Aber sie sagt es so zurückgenommen, weil sie ihn nicht noch reizen will. Denn Blüm zu bremsen, wenn er sich im Recht sieht, wenn er etwas als ungerecht ansieht, fällt ohnedies schwer.

Hochdruck in der Stimme

Zum Beispiel damals, als Lech Walesa noch auf der Werft in Danzig arbeitete und „Solidarität“ mehr als ein vergessenes Wort war. Damals kämpfte die Gewerkschaft Solidarität in Polen um Freiheit und Demokratie. Vor der Kirche stand Norbert Blüm, mit dem kleinen, großen Arbeiterführer Walesa und dem Geistlichen Henryk Jankowski, und rief den Menschen zu: Marx ist tot, Jesus lebt! Er rief es nicht ganz so, aber so kam es an. Unvergesslich war es, für ihn und für Tausende, die es hörten. Noch heute redet der Christdemokrat davon. Und dann lacht er ansteckend, wie befreit. Ein bisschen Bub ist er geblieben. An diesem Sonntag wird er 67.

Manche, die so viel erreicht haben in ihrem Leben wie er, haben inzwischen mindestens ein bisschen Ehrfurcht vor sich selbst. Nein, Ehrfurcht will er nicht, kann er nicht ertragen, er ist doch nicht Jesus. Und museal? „Ich bin schon mit Seegras ausgestopft. Tut nicht weh.“ Blüm ulkt schon wieder. Sein großes, rundes Gesicht über der kleinen Brille strahlt Lustigkeit aus.

Respekt erwartet er trotzdem: vor seinen Leistungen. Bei allen Unterschieden in der Sache – die Anstrengungen, sozial gerecht zu sein, sollen anerkannt werden. Wehe, wenn nicht. Weggefährten wie sein langjähriger Sprecher im Bundesarbeitsministerium Ludger Reuber können Geschichten erzählen, wie wütend ihr „Nobbi“ immer schon werden konnte. Hochrot der Kopf, Hochdruck in der Stimme – das hat sich nicht geändert. Den Apothekern vergisst er nie, dass sie ihn öffentlich als Schaumstoffkopf präsentierten, auf den man draufhauen konnte. „Nur haben sie nicht bedacht, dass der sich immer wieder aufrichtet.“ Die Pharma-Industrie warf ihm im Streit um Kostendämpfung im Gesundheitswesen ein „Euthanasiegesetz“ vor. Das Wort musste sie zurücknehmen, damit er überhaupt wieder ein Wort mit ihren Vertretern sprach.

Hält Blüm jemanden für einen Totengräber der Solidarität, greift er ihn an. Auch wenn der zur eigenen Fraktion gehört. Da hat er jugendlichem Elan, noch heute. Und man hört seine Kritik bald täglich. Der Mensch in aktienrechtlichen Kategorien, „da dreht sich mir der Magen rum“.

Er sitzt in seinem engen Büro, an der Wand zum Ausgang das Foto einer Werkstatt, die so voller Schrauben und Schlüssel ist, dass sie unaufgeräumt wirkt. Nicht für Blüm. Er kann alles erklären, weiß, wozu was gehört und wie was zusammenhängt. Es ist die Werkstatt seines Großvaters, und die Scherze von damals mit Tuben, aus denen etwas herausspritzt, wenn ein Kind auf irgendeinen beliebigen Schalter drückt, erzählt er glucksend. Diese Werkstatt als Sinnbild seines Lebens – das bietet sich an. Und ist doch nur in Maßen zum Lachen.

Werkzeugmacher hat Blüm nach der Volksschule gelernt, bei Opel in Rüsselsheim, und sich dann hochgearbeitet. Die Abendschule in Mainz hat er absolviert, dann in Bonn studiert, Philosophie, Theologie, Geschichte und Germanistik. Er erzählt es alles so leichthin, in seinem jovialen Hessisch, das vergessen lässt, wie viel Anstrengung dahinter steht. Wie viel Lernen und Erkenntnis, auch seiner selbst, damit verbunden ist. Und wie viel Wille.

Blüm weiß Worte zu finden, die Wärme verbreiten. Er versteht, einen Ton anzuschlagen, der so wohltuend menschlich klingt, dass man die Härte, die er hinter sich hat, die er auch in sich hat, beim Erzählen vergisst. Zum Beispiel wenn er von Kilian Lauck spricht, dem Gesellen, der ihm bei Opel Feilen und Bohren und alles andere beibrachte, von Pädagogik vielleicht nichts verstand, aber „Rousseau im Bauch“ hatte. Wie Blüm heute. Der ihm half, eine Lösung zu finden, damit er, der Kleine, der „Bub“, an den Schraubstock gelangte: indem er ihm einen Holzblock hinstellte, der ihn größer machte, aber ihm die Geschicklichkeit abverlangte, nicht herunterzufallen. Ein Platz, der Disziplin und Ausdauer forderte. Wie launig das klingt und wie zufällig voller Sinn. Dabei schaut er auf seine Hände, die so schwer und derb aussehen, mit schwarzen Rändern unter den Nägeln. Die aber heute vom Pfeife stopfen kommen.

„Was bin ich“ ist mehr als ein Ratequiz

Er kann auch anders, der Doktor Norbert Blüm. Mit siebzehneinhalb hatte er die Lehrjahre bei Opel hinter sich, dann suchte er ein anderes Leben. In der Theologie in Bonn fand er den frühen Joseph Ratzinger vor, der heute als Kardinal streng die Glaubenskongregation im Vatikan leitet, damals aber noch ganz vom Geist des Konzils erfüllt war: Die päpstliche Autorität sei in die Brüderlichkeit der Bischöfe eingebunden, lehrte Ratzinger. Blüm gefällt der frühe Ratzinger besser.

Seine eigene Philosophie beschreibt er sehr genau. Wie er sie versteht, ist sie der unendliche Dialog der Selbstverständigung des Menschen. „Was bin ich?“ ist für ihn nicht nur das Ratequiz, bei dem er gerne auch im Herbst wieder mitmacht, sondern „die Frage, die uns vor Selbstvergessenheit bewahrt“. Nur vollzieht sich, findet Blüm, „der Dialog unter den Bedingungen begrenzter Existenz: Vita brevis. Wir haben nicht unendlich viel Zeit. Und deshalb ist der herrschaftsfreie Diskurs, den uns Habermas empfiehlt, ein esoterischer Luxus, für den die Welt leider keine Spielräume bietet.“ So ist er auch, so anspruchsvoll.

Philosophie und Politik, wie geht das zusammen? Blüm berichtet, dass er handeln musste unter Zeitzwang und den Bedingungen von Unsicherheit. Das ist sein Bild für diese Arbeit: Wenn der Damm bricht, ist keine Zeit, eine Enquêtekommission einzusetzen, die die Ursachen des Dammbruchs untersucht, „sondern es müssen Sandsäcke angeschleppt werden“. Und doch bleibt der Mensch ein extrem sinnbedürftiges Wesen. Er transzendiert sogar noch den Dammbruch. „Was hält den Laden zusammen? Diese Frage beantwortet weder der Nationalökonom noch der Jurist noch der Medienwissenschaftler.“ Aus seiner Sicht am ehesten: der Sozialpolitiker.

Vielleicht erklärt sich das alles am besten mit seinem Verhältnis zu Oswald von Nell-Breuning, dem Jesuitenpater und geistigen Vater der Soziallehre. Ein Soldat der Gesellschaft Jesu. Als 15-jähriger Opel-Lehrling und neu gewählter Jugendvertreter saß Blüm das erste Mal in der Katholischen Sozialschule Königstein vor ihm. Wenige Wochen vor seinem Tod besuchte er ihn in Sankt Georg, in Frankfurt. Ihn verehrt Blüm. Ihm verdankt er viel, auch politisch. Etwa den Vorschlag einer Familienkasse. Von Nell hat er viel gelernt. Auch das: Aus Furcht vor Pathos jede Feierlichkeit mit einer kalauerhaften Pointe zu durchbrechen. Um zu vermeiden, dass sich die Botschaft in Erbaulichkeit verflüchtigt. So war es bei Nell. Bei Blüm wird die Botschaft mitunter übertönt von Heiterkeit.

Aber er wäre kein Philosoph, wenn er nicht die Hoffnung hätte, im Prozess der Sprache die Erkenntnis weiterzutreiben. „Jedes wirkmächtige Programm arbeitet mit Parolen und Phrasen. Sie fressen sich ins Gehirn ein, bleiben als Narben auch dann noch zurück, wenn die Idee, die auszudrücken sie versprechen, längst verbraucht ist.“ Wie zum Beispiel Marx und seine Phrasen. Die Narben sind da, sie schmerzen – aber die Solidarität in Polen gewann: Marx ist tot, Jesus lebt. Frühmorgens, in der Badewanne, hofft er beim Hören des Kirchenfunks, dass „ungeschminkt und bodenlos ohne Hinterhalt“ von Jesus und mehr von Gottes „abgrundtiefer Barmherzigkeit“ geredet wird, damit er gelassener die Wanne verlassen kann.

„Rassismus pur“

Seine Freunde und seine Kritiker sagen: Er ist ein Herz-Jesu-Marxist. Er würde sagen: Ich bin ein Sozialpolitiker. Ein internationaler. Das Wort Solidarität hat er zu seinem Programm gemeißelt. „Solidarität heißt: Die Starken schützen die Schwachen“, ruft er aus und springt fast aus dem Stuhl. Die Schwachen, das sind für ihn auch die Palästinenser. Und er fragt: „Ist das demokratisch, Bush gegen Arafat?“

Die Worte, die alle so aufgeschreckt haben, auch in der eigenen Partei, und die Paul Spiegel vom Zentralrat der Juden „Rassismus pur“ nannte, haben ihre Logik in Blüms Weltbild, in seiner politischen Mission. In Chile stritt er sich mit Augusto Pinochet über Menschenrechte. Es gab eine Schreierei. Das war 1987, als er sich nach dem Schicksal einer jungen Frau erkundigte, Carmen Gloria, die von den Schergen des Regimes misshandelt und dann irgendwo, 18 Kilometer entfernt, abgeladen worden war. Sie sei die Strecke selbst gelaufen, gaben ihre Folterknechte an.

Der deutsche Sozialminister Blüm, Mitglied bei der IG Metall und Amnesty International, fragte nach diesem Fall, der chilenische Präsident Pinochet sollte antworten. Er hatte, wie Blüm, in seinem Büro ein Kruzifix an der Wand. Blüm erzählt, wie er darauf gezeigt und gesagt habe: „Dem Jesus müssen Sie es erklären, mir nicht. Der kennt jeden, mit n und Adresse.“ Pinochet habe voller Wut gerufen: „Ausgerechnet ihr Deutschen.“ Darauf habe er geantwortet: „Ja, Herr Präsident, deshalb.“ Blüm hält seither Kontakt zu Carmen Gloria. Jahre später hat er Südafrikas Präsident Botha dasselbe wie Pinochet gesagt. „Eine passive Vergangenheitsbewältigung halte ich für introvertiert“, sagt er. Introvertiert ist er in keinem Fall.

Im Bundestag hatte die Sache in Chile übrigens ein Nachspiel. Als über die Zustände dort debattiert werden sollte, ließ sich Blüm auf die Rednerliste setzen. Nur war, als er reden wollte, seltsamerweise schon alle Redezeit seiner Christenfraktion verbraucht. Da half ihm Hubert Kleinert aus, der damals Fraktionsgeschäftsführer in der Opposition war. Er spendierte Blüm sechs Minuten auf Kosten der Grünen.

16 Jahre war er Arbeits- und Sozialminister, 30 Jahre im Bundestag. Für manche ist er quälend konformistisch, manchmal eine Nervensäge, aber immer einer, der sich gerne für die gerechte Sache streitet. Wie er sie sieht. Ob er nicht der Sancho Pansa der christlich-sozialen Politik ist, der Knappe des Don Quichotte? Oder bloß ein Betonkopf? Da kann er nur lachen.

Jetzt wird Norbert Blüm aufhören – im Bundestag. „Es gibt keine Sozialpolitik, wenn die Menschen keine Rechte haben. Es gibt keine Rente eines Gehenkten. Über Krankenversicherung kann man nicht im Gulag reden.“ Das ist sein Credo. Ein bisschen Ehrfurcht hat er verdient.

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