Zeitung Heute : royal Chili

Er schwärmt vom Braten seiner Mutter Camilla. Und mit Prinz Charles verbindet ihn die Liebe für Biowurst – der Gastroautor Tom Parker Bowles.

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Von Susanne Kippenberger Englands Internate sind berühmt: als Folterkammern für sensible Jungs. Prinz Charles hat sie gehasst, diese Kasernen, die aus Kindern Kaltduscher machen. Auch sein Patenkind (und demnächst Stiefsohn) Thomas Henry Charles Parker Bowles wurde mit acht Jahren aufs Internat geschickt. Und hat dort seine Liebe zum Essen entdeckt.

Nicht dass es dort so delikat gewesen wäre, im Gegenteil. Auch dafür sind die feinen Schulen berühmt: für ihre ungenießbare Kost. Und das, erinnert sich der Sohn von Camilla Parker Bowles, ging mit dem Frühstück los. Pappiger Toast und bleicher Speck, Spiegeleier mit FischGeschmack und dazu glitschige Würstchen. Mit knorpeligem Hackfleisch und klumpigem Kartoffelbrei ging’s mittags weiter, abends gab’s Schweinefleisch, das mehr E’s als Schwein enthielt. Der Abgrund aber war das, was der kulinarische Höhepunkt einer englischen Kindheit sein sollte – Sunday lunch. Das Fleisch, schreibt der heute 30-Jährige in seinem gerade erschienenen Buch „E is for Eating“, schwamm in einer ekelhaften Pisse; von welchem Tier es stammte, konnte man allenfalls an der Farbe ahnen: „Schlamm-Braun war Rind, Grau war Lamm und Beige war Schwein.“

„H wie Hunger“ heißt das Kapitel, in dem der Autor seinen Horror äußerst anschaulich schildert. Kaufen durfte der Knabe sich nichts, also klaute er (konfiszierte Schokoriegel) oder ging in die Bibliothek, um sich an Fotos sattzusehen: exotische Hochzeitsgelage in „National Geographic“, Speisen aus aller Welt in der Time Life-Kochbuchserie. „Gastro-Onanie“ nennt Parker Bowles diese Ersatzbefriedigung, die ihn nur noch gieriger werden ließ. „Essen wurde zum Zentrum meines Lebens.“

Und schließlich zum Beruf. Parker Bowles hat eine wöchentliche Kolumne im Magazin der „Mail on Sunday“, eine weitere in der monatlich erscheinenden Zeitschrift „Tatler“, einer Art „Gala“ für feine Leute; gelegentlich schreibt er für das Magazin von Waitrose, dem besten unter Englands Supermärkten, und er ist zuständig für Essen und Trinken bei „Quintessential“, einem exklusiven Service-Club für vielbeschäftigte und gutverdienende Menschen, denen die Mitarbeiter Plätze in ausgebuchten In-Restaurants verschaffen und Klempner besorgen.

Hiesige Zeitungsleser werden Camillas Sohn, wenn überhaupt, wegen härterer Kost kennen. Als 20-Jähriger wurde er festgenommen, als er mit Canabis und Ecstasy aus einem Nachtclub kam; 1999 machte „der missratene Sohn von Camilla Parker Bowles“ („Stern“) Schlagzeilen, als er einer Reporterin in Cannes erklärte, wie sie an Kokain komme. Von Patenonkel Charles, so war in den Zeitungen zu lesen, holte er sich daraufhin eine ordentliche Strafpredigt, zumal er ein enges Verhältnis zu Prinz William haben soll, für den er wie ein großer Bruder sei; die beiden werden am Freitag bei der Hochzeit ihrer Eltern auch deren Trauzeugen sein.

Dabei ist es eigentlich weniger erstaunlich, dass Parker Bowles Junior Drogen genommen hat, als dass er heute als Aufklärer in Sachen guten ehrlichen, industriell unbearbeiteten) Essens auftritt, als Advokat von Biospeck und alten Apfelsorten. Denn die Veröffentlichung der Camillagate-Tonbänder (Ich will dein Tampax sein...), Charles’ Geständnis der jahrzehntelangen Affäre mit Toms Mutter, die Schlammschlachten der englischen Boulevardpresse, all das fiel in dessen Schulzeit. Die abgebrühten Kaltduscher unter seinen Mitschülern machten ihm nur zu gern das Leben madig. Als Student in Oxford nannte er sich dann auch lieber Tom Bowles.

Damals, als Englisch-Student, hat er nach eigenen Angaben kochen gelernt. Und er hat es gelernt. Nigel Slater, renommierter Gastro- und Kochbuchautor, hat ihn im Auftrag des „Observer“ dabei zugeguckt. Mit größter Skepsis gekommen, stellt Slater erstaunt fest, dass der berühmte Sohn nicht nur das beste Olivenöl kennt, sondern es auch tatsächlich benutzt, und mit welcher Begeisterung er kocht, übers Essen spricht und alles zum Thema liest. Die Küche, so Slater, sieht am Ende wie ein Schlachtfeld aus, aber vom Ergebnis, dem blubbernden Shepherd’s Pie und dem Salat dazu – Wasserkresse, junger Spinat und Bio-Rucola – ist er entzückt. Tomaten und Chili baut Parker Bowles selber im Londoner Blumenkasten an, neben dem Clo liegt das Biobauern-Magazin, und im Wohnzimmer mit den vielen Buchregalen steht ein angeknabberter spanischer Schinken herum – so schreibt eine Journalistin vom „Daily Mirror“, die sich ebenfalls gern von ihm bekochen ließ.

Unverfälschtes, auch ungekünsteltes Essen, „comfort food“, ist das, was Parker Bowles, Enkel eines Weinhändlers, Urenkel eines Autors diverser Bücher über Essen und Wein, am liebsten preist. Das, womit er wohl auch zu Hause aufgewachsen ist. Gern schwärmt Camillas Sohn vom Sonntagsbraten seiner Mutter. Desserts seien nicht ihre Spezialität, aber ihre Brathähnchen und ihre Lammkeule – mmh. Das Gemüse kam aus dem Gemüsegarten, das Fleisch vom Dorfmetzger, die Äpfel vom Baum: Ohne dass Bio auf den Kochtöpfen drauf stand, war Bio drin. Und wenn man den Klatschtanten glauben darf, ging es am ländlichen Mittagstisch und auf der Picknickdecke der Familie Parker Bowles tatsächlich so gesellig und entspannt zu, wie es der Sohn beschreibt.

Was den heutigen Ess-Kolumnisten am Grundschul-Internat (in Eton wurde es offenbar etwas besser, die Freiheiten größer) bis heute so erregt, ist nicht nur die Geschmacklosigkeit des Essens dort – sondern die Lieblosigkeit im Umgang mit Lebensmitteln, ja, die Respektlosigkeit gegenüber Natur und Kreatur. So versucht er heute, seine Leser zur Liebe zu erziehen, sie auf den guten Geschmack zu bringen; dabei bläut er ihnen wieder und wieder ein, dass ein Essen nur so gut sein kann wie seine Zutaten. Parker Bowles ist Sprössling einer Gesellschaft, in der der Labrador zur Grundausstattung des feinen Landlebens gehört, so wie das Tweedjackett; nächste Woche wird er Stiefenkel der britischen Königin, von der es heißt, dass sie ihre Corgis immer lieber gehabt hätte als ihre eigenen Kinder. Und dieser Mann erklärt seinen Lesern, sie sollten sich bloß nicht so haben, wenn die Chinesen Hunde äßen. Erstens sei Toleranz gegenüber anderen Kulturen angesagt, zweitens sollten sie sich lieber mal angucken, was sie sich selbst auf den Teller klatschten. Billig-Geflügel zum Beispiel, das zu Lebzeiten grausam behandelt und eingepfercht werde – das sei wahrhaft barbarisch.

Jede Woche füllt Parker Bowles eine Seite im Magazin der „Mail on Sunday“. Lobt einen Supermarkt im englischen Norden, der vor allem Lebensmittel aus der Region anbietet. Lässt sich Bioschokolade auf der Zunge zergehen, lobt Biobirnensaft und umweltfreundlich gefischte Jakobsmuscheln, empfiehlt Bücher über Honig und Oliven. Sein geht ihm über Schein: Am letzten Sonntag zum Beispiel erklärte er, wie albern er die Mode der Baby-Gemüse finde, erklärte aber auch, wie sie angepflanzt werden und dass er kleine Pastinaken und Artischocken durchaus delikater findet als ihre großen Genossen.

Täte er all dies in einer Zeitung wie der „taz“, es wäre nicht weiter bemerkenswert. Regionale und saisonale Küche, artgerechte Tierhaltung, Spinat ohne Pestizide, das ist heute gängige Kost. Aber er tut es in der „Mail on Sunday“, einer Boulevardzeitung, die ein Bildungsbürger nur mit spitzen Fingern anfasst (und die sich eifrig an der Berichterstattung über Camilla, Ladi Di und Prinz Charles beteiligt hat). In einer Zeitung mit einer Auflage von 2,2 Millionen. Insofern kommt Parker Bowles, auch wenn er kein genialer Schreiber ist, eine nicht zu unterschätzende Rolle als populistischer Pionier zu – nicht unähnlich der von Onkel Charles, dem künftigen Stiefpapa. Der Prinz hat vor 16 Jahren mit der organischen Landwirtschaft begonnen, seine Lebensmittelmarke „Duchy Originals“ hat Bioprodukte im Supermarkt hoffähig gemacht; was mit Haferkeksen anfing und mit Marmelade weiterging, umfasst inzwischen von der Suppe über Würstchen (mehrfach preisgekrönt) bis zu Eiskrem und Käse so ziemlich alles, was man essen mag.

Parker Bowles weiß dadurch aber auch, was er riskiert: wie Prinz Charles als Warmduscher verhöhnt zu werden. Es ist rührend mitanzusehen, wie der Verlobte einer Moderedakteurin sich manchmal besonders jungenhaft in seinen Essgewohnheiten gibt, sich zu seinen Hamburger-Eskapaden bekennt, den Saufgelagen mit Döner-Unterfütterung, seiner Leidenschaft für Chilis, die er sein kulinarisches Kokain nennt. Aber er schlägt sich tapfer, bekennt sogar, er habe Vegetarier tolerieren, ja, verstehen gelernt – als Sohn und Enkel passionierter Jäger keine Selbstverständlichkeit. Er selber hat ein besonderes Faible für üppige Südstaaten-Barbecues mit ihren Fleischbergen und süßscharfen Saucen, hasst Quiche und Ziegenkäse und das kürzeste Kapitel in seinem kulinarischen Alphabet ist der Margarine gewidmet. Es erschöpft sich in einem einzigen Wort: „Why?“

„E is for Eating. An Alphabet of Greed“, Long Barn Books, Gloucestershire, 176 Seiten, 9,99 Pfund. Produkte von „Duchy Originals“ gibt es in Berlin z.B. im KaDeWe und bei Broken English in Kreuzberg, Körtestraße 10.

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