ROYALES DRAMA„The King’s Speech“ : Reden ist Gold

Foto: Senator
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Erstaunlich, wie die familiären Verwerfungen des britischen Königshauses immer wieder guten Filmstoff abgeben. „The King’s Speech“ erzählt – unter leichter Modifizierung der historischen Tatsachen – die anrührende Geschichte von Prinz Albert, der als jüngster Sohn des britischen Königs George V. mit einer Sprachbehinderung zu kämpfen hatte.

Colin Firth verkörpert den unglücklichen Blaublüter, aus dessen Mund während der beklemmenden Eröffnungssequenz im vollbesetzten Wembleystadion statt einer Rede nur unverständliches Gestammel quillt. Firth verleiht dem Versagen das angemessen tragische Antlitz, in seinem Gesicht spiegeln sich anfänglicher Widerwillen, zunehmende Verzweiflung, schließlich Selbstaufgabe. Zu Recht hat Firth für seine einfühlsame, nie bloßstellende Darstellung den Golden Globe bekommen. Bei der Oscar-Verleihung gilt er als Favorit. Wie der ganze Film: Tom Hoopers Monarchenporträt ist großes Schauspielkino, bis in die Nebenrollen brillant besetzt, erlesen ausgestattet und mit unaufdringlicher Eleganz gefilmt – und für zwölf Oscars nominiert.

Zu den aussichtsreichen Kandidaten zählt auch Geoffrey Rush, der für den Nebenrollen-Oscar vorgeschlagen wurde. Rush spielt den australischen Sprachtherapeuten Lionel Logue. Wie der exaltierte Selbstvermarkter und gescheiterte Theaterdilettant den störrischen Albert unter Mithilfe von dessen Frau Elisabeth, der späteren Queen Mum (hinreißend: Helena Bonham Carter, auch für den Oscar nominiert) davon überzeugt, sich auf die unorthodoxen Methoden einzulassen und dabei über alle Standesunterschieden hinweg eine behutsame Freundschaft entsteht, gehört zu den schönsten Szenen des klugen und warmherzigen Films.

„The King's Speech“ wirkt authentischer und harmonischer als Stephen Frears’ „The Queen“, was daran liegen mag, dass man die Personen nicht mit lebenden Royals abgleichen muss. Hooper gelingt das entlarvende Gemälde einer dysfunktionalen Herrschersippe, die ihr vermeintlich schwächstes Mitglied noch im Erwachsenenalter hemmungslos schikaniert. Kaum zu glauben, dass dieser sich gegen alle Widerstände von seinem Handicap emanzipiert und zu dem beliebten König George VI. wird, dessen Rundfunkansprachen eines der moralischen Bollwerke im Kampf gegen Hitlerdeutschland bildeten. Manchmal ist das wahre Leben der beste Drehbuchautor. Großes Gefühlskino.Jörg Wunder

GB/AUS 2010, 118 Min., R: Tom Hooper, D: Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter, Guy Pearce, Michael Gambon, Derek Jacobi

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