Zeitung Heute : Rudern in der Wüste

Ein Deutscher hilft Kindern im Gaza-Streifen

Frank Bachner

Fatima zog an diesem Morgen ihre rosarote Schlafanzughose gar nicht erst aus. Sie hatte etwas Besonderes vor, sie würde rudern lernen. Sollte sie vielleicht in ihrer kaputten Stoffhose dort auftauchen, an der Sicherheitsnadeln die größten Löcher zusammenhielten? Oder in ihren verschlissenen Jeans? Nein, die Schlafanzughose war schon in Ordnung. Fatima ist die Tochter eines Palästinensers aus dem Gaza-Streifen, der einen Eselskarren besitzt und sieben Kinder hat.

Fatima, die 13-Jährige, lief in der Schlafanzughose durch die Gassen des Flüchtlingslagers Al Shaati. Irgendwann stand sie vor dem heruntergekommenen Gebäude, das früher den UN gehörte. Hier warteten Männer, Trainer. Und in einem großen Raum standen diese Maschinen, die sie Ergometer nannten, oder Rudermaschinen. Man stemmt die Füße gegen eine Platte, greift Metallgriffe, zieht an einem Seilzug Gewichte und pendelt dabei den Oberkörper. So geht Trockenrudern.

Fatima war nicht die Einzige, die lernen wollte an diesem Tag im Mai 2003. 30 Kinder und Jugendliche starrten auch auf die Maschinen. Ein 14-Jähriger war dabei, er wog weniger als 30 Kilogramm.

Jetzt, ein Jahr später, sitzt Fatima an einem Ergometer, sie trägt ein neues T-Shirt und eine Sporthose. Auch die meisten anderen im Raum haben nun Shirts und Hosen ohne Löcher. Aber niemand zieht und pendelt mit so viel Gefühl wie Fatima. Sie ist jetzt 14, und sie ist der Stolz von Iradj El-Qalqili, 28. Trockenrudern im Gaza-Streifen, das ist vor allem sein Projekt. „Wir müssen den Kindern Abwechslung bieten, wir müssen sie Sport treiben lassen“, sagt er. Und dass er dabei, quasi nebenbei, jemanden wie Fatima entdeckt, das ist etwas Besonderes. „Sie ist ungewöhnlich talentiert, sie sollte unbedingt gefördert werden“, sagt er. Er ruderte mal für die deutsche Nationalmannschaft, er kann das einschätzen. Er hat einen deutschen Pass, lebt als Unternehmensberater in Potsdam und Philadelphia, sein Vater wohnt noch im Westjordanland.

Wer im Gaza-Streifen lebt, klebt vor dem Fernseher, wenn er die anderen Bilder nicht mehr erträgt. Rollende Panzer, israelische Soldaten, radikale Palästinenser, Kontrollstellen, Tote, Verwundete, heulende Sirenen. Und vielleicht nirgendwo ist es so trostlos wie in Al Shaati. 75 000 Menschen leben in Wellblechhütten oder in heruntergekommenen Häusern. Al Shaati hat keine Parks und keine Wiesen, die Schulen sind ohne Schulhof.

Hier muss dieses Projekt starten, beschloss El-Qalqili vor drei Jahren. Er arbeitete damals im UN-Auftrag als Berater des palästinensischen Ministeriums für Jugend und Sport. Irgendwann hatte er alles zusammen. Geld, das Menschen in Europa und den USA gespendet hatten. Ruderergometer, die El-Qalqili davon gekauft hatte. Ein Haus und Trainer, die er unter arbeitslosen Akademikern fand. Die Kinder tauchten ein in eine neue Welt. Sie durften plötzlich nicht mehr sagen: „Der Saddam Hussein ist ein toller Mann“, Saddam war 2003 Tagesthema in den Familien. El-Qalqili verbot das.

An den Wänden des Trainingsraums hängen Regeln. Sei pünktlich, achte auf die Ergometer, achte auf deine Kleidung. Die Kinder kommen fast jeden Tag, am Anfang machten sie vor allem Gymnastik. Ihre Körper mussten erstmal aufgebaut werden. Sechs Monate später veranstalteten die Trainer eine Ergometer-Meisterschaft. Jedes Kind erhielt Sportkleidung, bezahlt aus Spenden, und am Abend gingen Trainer, Kinder und Eltern im schönsten Hotel der Gegend essen.

Wer bei El-Qalqili trainiert, lernt Rücksichtnahme, Verantwortung und Gewaltlosigkeit. Aber er weiß auch, dass sein Ruderraum nie mehr sein kann als ein Symbol, ein Vorbild. Mehrere Wochen im Jahr ist er immer noch im Gaza-Streifen, im unbezahlten Urlaub. Er achtet darauf, dass alles funktioniert. Als er zum letzten Mal da war, wartete er sieben Stunden am Grenzübergang. Die israelischen Soldaten und die Palästinenser sind nervös. Und am israelischen Zoll blieben die Boote hängen. El-Qalqili hat neun Rennboote in China bestellt, für 90000 Dollar. Spendengelder. Er will mit den Kindern aufs Wasser. Es gibt eine 500 Meter lange Trainingsstrecke, in einem Hafen in Gaza.

„Das Wassertraining müssen wir wohl verschieben“, sagt El-Qalqili. Er hätte gerne gesehen, wie sich Fatima im Boot macht. Sie hat sich körperlich entwickelt, sie hat Spaß beim Training. Eigentlich. Aber Fatima sieht natürlich immer noch die Bilder von zerschossenen Häusern und blutenden Menschen im Fernsehen. Wirklich abschalten an den Maschinen können weder Fatima noch die anderen Kinder. „Sie alle“, sagt El-Qalqili, „sind derzeit völlig verstört.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben