Zeitung Heute : Rudi heißt jetzt Marek

Dutschkes Sohn will in den Bundestag

Sabine Beikler

Der graubärtige Mann schaut ihn fragend an. „Ich habe Ihren Vater in den 60er Jahren in Heidelberg kennen gelernt und mit ihm über meine Aufnahme in den SDS gesprochen. Sie sind also Hosea Che?“ „Nein, das ist mein Bruder“, sagt Marek Dutschke und zeigt mit dem Finger nach hinten. Der Mann dreht sich um: „Was, Rudi hatte gleich zwei Söhne? Das verblüfft mich.“ Marek und Hosea Che Dutschke fangen an zu lachen. Mit ihnen 30 Grünen-Mitglieder. Es wird die einzige entspannte Situation an diesem Abend bleiben.

Dienstag, 20 Uhr 15, Sitzungssaal im Rathaus Wilmersdorf. Marek Dutschke ist auf Wahlkampftour in eigener Sache. Er sitzt zwischen den grünen Parteifreunden und wartet auf seinen Auftritt. Am Sonntag will der 25-Jährige auf Platz zwei der Berliner Landesliste gewählt werden – und im September in den Bundestag ziehen. Der jüngste Dutschke-Sohn tritt gegen Wolfgang Wieland und Werner Schulz an, zwei profilierte Alt-Grüne. Seine Kandidatur hat die Parteifreunde geärgert. Gern hätten sie das unter sich ausgemacht.

Die Stimmung im Sitzungssaal ist angespannt. 24 Stunden zuvor hatte noch niemand hier mit Dutschkes Erscheinen gerechnet. Die grüne Basis hat keine Zeit für Diskussionen, sie muss Delegierte für die anstehenden Landes- und Bundesparteitage wählen. Das hat Priorität, die Stimmzettel werden verteilt. Marek Dutschke, beige Cordhosen, dunkelgrüne Jacke, ausgelatschte Turnschuhe, hört zu, schaut die Leute kurz an, blickt zur Seite und wartet auf eine Pause, in der er reden darf.

Er, der Kandidat von außen, aufgewachsen in Dänemark, Deutschland und die meiste Zeit in den USA, spricht von Transparenz in der Politik, von Europa und Bildung. Wie auswendig gelernt spult er die Themenblöcke herunter. Jemand murrt leise dazwischen. Dutschke lässt sich nicht unterbrechen. „Haben Sie vor, schon vorher eine Aussage zu treffen?“, wendet er sich mit einem eins zu eins übersetzten amerikanischen Satz scharf an den Zwischenrufer. Marek Dutschke sieht nicht nur aus wie sein Vater, blasses Gesicht, dunkle, schräg stehende Augen, die markante Nase. Er spricht auch wie er: kategorisch und sehr von sich überzeugt.

„Warum kritisierst du sieben Jahre rot-grüne Regierungspolitik, wenn du erst seit ein paar Jahren in Deutschland bist? Und bist du überzeugt davon, dass du es besser gemacht hättest?“, will eine Grünen-Stadträtin aus dem Bezirk wissen. Marek Dutschke, der mehrere Praktika bei den Grünen im Bundestag und Europaparlament absolviert hat, dreht einen Stift zwischen den Fingern. „Das ist eine schwierige Frage“, beginnt er. Er wolle niemanden diskreditieren, aber er kritisiere die Umsetzung von Hartz IV. Und er mag „Fischers Abgehobenheit“ nicht. Als Hospitant im Auswärtigen Amt war er mal mit Joschka Fischer einen Kaffee trinken. Fischer war nicht mit vielen Hospitanten Kaffee trinken.

Dutschke spricht von „Neuanfang“, von der „grünen Notwendigkeit“, selbst bei einem rot-grünen Wahlsieg „mit Volldampf“ in die Opposition zu ziehen. Die Kluft zwischen dem jungen Wilden, der „die Chance sieht, jetzt etwas zu bewegen“, bisher aber keine Kärrnerarbeit an der Basis geleistet hat, und den grünen Kommunalpolitikern im Sitzungssaal wird immer größer. „Hast du das Gefühl, dass es Menschen gibt, die dich unterstützen“, wird er gefragt. Marek Dutschke verzieht keine Miene. Er antwortet, dass ein Neuanfang nicht mit alten Führungspersonen funktionieren kann. Marek Dutschke kämpft weiter. Bis Sonntag.

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