Zeitung Heute : Rückfall ins Flapsige

Nach den Kabinettsbeschlüssen – Gerhard Schröders längste Pressekonferenz

Markus Feldenkirchen

Ich begrüße auch alle Italienurlauber in dieser Runde“, sagt der Kanzler um kurz nach halb zehn. Aber damit hat es sich dann auch schon ausgespaßt für den Rest der zweieinhalb Stunden. Einige aus seiner Ministerriege sind frisch aus Berlusconi-Land an den ovalen Kabinettstisch zurückgeflogen, die Herren Schily, Fischer und Steinmeier etwa oder Heidemarie Wieczorek-Zeul. Schröder wollte eigentlich auch nach Italien fliegen, ist dann aber in Hannover geblieben. Deshalb ist seine Begrüßung lustig. Man lächelt kurz. Dann geht es zur Sache.

Formal sitzen sie zusammen, um die 28. Kabinettssitzung in dieser Legislaturperiode zu absolvieren. Dass heute aber etwas anders ist, verraten allein, die Aktenhügel vor jedem Ministerplatz. Knapp 2000 Blatt Papier pro Person. Gemeindewirtschaftssteuer, Haushaltsbegleitgesetz, Hartz drei und vier, Reformvorhaben, die unverdächtig klingen, laut Schröder aber „eine der größten Anstrengungen in der Geschichte des Landes“ darstellen. Sie zu beschließen ist folglich ein „Kraftakt“. Ein Teilnehmer erzählt später, dass er Schröder selten so straff und konzentriert eine Sitzung habe leiten sehen. Vor allem Innenminister Otto Schily, der schräg gegenüber vom Kanzler sitzt, bekundet mit seiner aufmerksamen Sitzhaltung und dem regelmäßigen Einsatz von Kopfnicken Zustimmung zu dessen Führungsstil. Gegen Mittag sind die 2000 Seiten plötzlich mehr wert. Sie sind beschlossen. Das Kabinett geht dann zum Teil wieder zurück nach Italien. Der Kanzler geht vor die Presse.

Die Bräune ist dezent genug, um bei niemandem Neid zu wecken. Das Hemd ist weiß, der Schlips sehr bunt und das Sakko zu Hause geblieben. Die Haare liegen glatt, die manchmal zur Knittrigkeit neigenden Gesichtszüge schön straff. Außerdem sitzt dort ein wahnsinnig belesener Kanzler. Er habe in seinem Urlaubsort diesmal nicht das Problem gehabt, sich Zeitungen nachschicken lassen zu müssen. Deshalb habe er alles sehr genau mitbekommen. Hannover muss sowieso einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen haben. Immer wieder kommt er darauf zurück, verfolgt von 18 Fensehkameras und doppelt so vielen Fotografen.

Ähnlich wie im Kabinett ist Schröder auch hier ganz zur Sachlichkeit entschlossen. Zu Beginn hält er einen Vortrag, an dessen Sprache man allein das krampfhafte Bemühen um gesteigerte Ernsthaftigkeit erkennen kann. Statt des saloppen Schrödersprechs neigt der Vernunftkanzler zur Substantivierung, fast zu Bürokratendeutsch. „Wir haben zudem beschlossen, die personelle Ausweitung der Gewerbesteuer zu verbreitern“, sagt der Kanzler zum Beispiel ein wenig doppelt gemoppelt. Es wimmelt nur so von Worten, die die schwere Stunde des Landes deutlich machen sollen. Es ist viel von „Notwendigkeiten“, „ökonomisch Verantwortbarem“, und „einzig Vernünftigem“ die Rede. So hat er auch schon vor der Sommerpause gesprochen, hat damit seine Wandlung vom Sprunghaften zum Geläuterten illustrieren wollen.

Doch jetzt, nach Hannover, trifft Schröders Bemühen auf ein anderes Klima. Auch er kann nicht leugnen, dass das Stimmungsbarometer für seine Regierung vor der Hitzewelle weit höher lag als momentan. Damals, als der Geist von Neuhardenberg noch durch das Land spukte, der ein guter war und irgendwie ein Gefühl von Aufbruch streute. Dass inzwischen wieder die Kritik das Lob für Schröders Truppe überwiegt, erklärt der Kanzler, zusammengefasst, in etwa so: Wenn man Beschlüsse verkündet ist das sexy, weniger sexy ist es, wenn man sie tatsächlich umsetzt. Das habe dann sehr viel mit „Details“ zu tun, mit „hochkomplizierten Details“ sogar. Und da stecke man jetzt nun mal drin.

Er lässt sich scheinbar nicht aus der Konzentration bringen, nicht von einem Handy, das durch den Saal klingelt, nicht von einer Kamera, die plötzlich vom Ständer purzelt. Und auch seine Lust an der Inszenierung ist anfangs kaum zu erkennen. Nur einmal hält er zur Illustration des Gesagten den rechten Zeigefinger in die Luft, merkt dann wie alle Kameras losklicken, findet Gefallen dran und lässt den Finger noch eine ganze Weile in der Luft – auch wenn er inzwischen bei einem ganz anderen Thema gelandet ist.

Nun haben die Journalisten und der Kanzler an diesem Mittwoch jedoch ein kleines Problem miteinander. Um 13 Uhr 17 Uhr sagt der Regierungschef: „Ich will niemanden überfordern. Aber ich habe bis 16 Uhr Zeit.“ Damit jedoch überfordert Schröder vor allem sich selbst. Denn die Rolle des hyperseriösen Vernunftkanzlers kann er kaum über einen so langen Zeitraum durchhalten. So schleichen sich recht rasch Flapsigkeiten und die von Schröder geliebten Aber-das-nuram-Rande-Scherze ein.

Als es um die LKW-Maut geht, deren Einführung ja peinlicher Weise wegen fehlender Bordcomputer erst kürzlich verschoben wurde, nimmt der Kanzler seinen Verkehrsminister Manfred Stolpe ganz entschieden in Schutz: „Der kann die Dinger ja nicht selber zusammenbasteln.“ Also ist Stolpe unschuldig und der Kanzler trotzdem gewillt, die Kritiker am deutschen Maut-System bald persönlich zu beruhigen. Den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi etwa, mit dem er sich demnächst in Verona zu einem gemeinsamen Kulturbesuch verabredet hat. „Ich rede bei jeder Gelegenheit, selbst bei Carmen“, sagt der Kanzler und fügt grinsend hinzu: „Nicht dass da jemand falsche Verdächtigungen daran knüpft: Das ist eine Oper!“ Der historischen Stunde im Kabinett folgte eine der längsten Pressekonferenzen Gerhard Schröders, an deren Ende er doch wieder bei sich selbst landete.

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