Zeitung Heute : Rückkehr ins geliebte Land

Ist das noch der alte Joseph Ratzinger, der oft eine interstellare Kälte ausstrahlte? Der Papst in Altötting und Marktl

Claudia Keller[Marktl] Mirko Weber[Altö]

Es ist wohl das letzte Mal, dass Joseph Ratzinger an diesen Häusern vorbeikommt. Der blaue Himmel, der sich an diesem Montag weit über das Inntal spannt, und der Schmuck an den Fassaden, die Fahnen, Trompeten und die vielen freundlichen Worte werden die Wehmut zudecken, die den Papst bei seinem Besuch in Bayern begleitet und die ihm vermutlich besonders nach Marktl am Inn folgt. Marktl ist sein Geburtsort und für Joseph Ratzinger noch viel mehr. Hier begann seine alles umfassende Beziehung zum Katholischen.

Wenige Stunden nach der Geburt am 16. April 1927 wurde er, der Sohn des Gendarms, in der kleinen Kirche gegenüber der elterlichen Wohnung getauft. Es war Ostersonntag, Joseph Aloisius Ratzinger war der erste Täufling, der mit dem frisch geweihten Wasser in Berührung kam. Sein Leben sei deshalb „von Anfang an ins Ostergeheimnis eingetaucht. Das konnte nur ein Zeichen des Segens sein“, schreibt er in seinen Lebenserinnerungen.

Er schreibt dort auch von einem anderen Ort, jenem, den er zuvor, am Montagvormittag, besucht. Altötting, Wallfahrtsort, gehörig zum „Traumland der Kindheit“.

Die Messe liegt hinter ihm, das Zwölfeläuten steht kurz bevor. Benedikt XVI. steht in der Gnadenkapelle, er schaut auf die Schwarze Madonna von Altötting, die im Arm eines Bruders ruht wie ein Kind. Dann geht sein Blick nach innen. Er sammelt sich noch einmal. Wie schon oft zuvor an diesem Morgen wischt er ein wenig Schweiß an den Schläfen mit dem Taschentuch weg, ganz mechanisch, seine Augenlider sind schwer, das Gesicht wirkt wächsern.

Der Papst ist müde. Für ein, zwei Minuten vielleicht lässt man ihn im stillen Gebet, das allein, wie er selbst es am Sonntag gesagt hat, näher zu Gott führe. Dann verlässt er die Kapelle. Wieder vergeht ein bisschen Zeit.

Hernach erscheint Benedikt XVI. auf der Straße, die ihn, wie es im fast auf die Minute geordneten Protokoll vorgesehen ist, auf allerschnellstem Weg zu den örtlichen Kapuzinern bringen soll, wo ein kleines Essen und anschließend Mittagsruhe vorgesehen sind. Nicht beabsichtigt ist ein ausschweifender Kontakt zur Bevölkerung, eine Direktive, die der Papst jedoch mit aller ihm zu Gebote stehenden Souveränität ignoriert. Er nimmt den Moment grad so, wie er kommt, das heißt, jede Menge Hände in die seinen, als wolle er sie gar nicht mehr loslassen. Grüßt hier und da, hört zu und streichelt Köpfe. Verblüffend ist, dass man, eher zufällig in die Nähe geraten, erstmal meint, es mit einem Doppelgänger zu tun zu haben: Ist das der Papst von gerade eben? Und überhaupt: Ist das noch der vormalige Joseph Ratzinger, welcher auch immer eine Art interstellarer Kälte ausstrahlen konnte?

Schon am Sonntag in Riem, als er manchmal ein wenig wehmütig ins Weite zu schauen schien, wo dann aber doch keine Berge auftauchten, sondern nur eine flache Scholle im Münchner Osten sich zeigte, bevölkert mit 250 000 Menschen, hatte man mitunter das Gefühl, dass der Papst womöglich dabei sein könne, über die Liturgie hinaus auch ans eigene Leben zu denken. Sehr wahrscheinlich sind solche Gedanken dann nicht anders geartet als die anderer Erdenbürger auch in einem solchen Augenblick: Was war? Was kommt? Wo habe ich gefehlt? Was darf ich hoffen? Und immer wenn er an seinem Siegelring rückte, wie um zu prüfen, ob er noch da sei, schien es, als rufe Benedikt XVI. den Joseph in sich dann doch wieder zur Ordnung.

Altötting jedenfalls erlebt den Papst doch sehr stark als Menschen und tatsächlich als einen von uns, wie es auf Plakaten häufig heißt: Hier ist er nicht – wie zu Beginn der Reise – weit weg; hier zelebriert er unter freiem und nun schon fast selbstverständlich weiß-blauem, sonnigem Himmel eine Messe wie in einer Privatkapelle: Als seien da nicht 70 000 Menschen, die Altötting schon seit Sonntagabend in einen hier noch nicht erlebten Ausnahmezustand versetzen.

Zwar ist es nichts Neues für die hiesigen Bewohner, dass sich jährlich insgesamt eine Million an Pilgern durch die engen Gassen drücken, aber dass sie sich schieben, ohne wirklich voran zu kommen, während bereits am späten Nachmittag zuvor ein Mariengesang den anderen am Kapellplatz ablöst, das ist dann doch selbst für Wallfahrtsveteranen gewöhnungsbedürftig.

Bärbel und Anne, zwei Endvierzigerinnen aus München, sind, was die Marienverehrung angeht, eher Novizinnen, doch erzählt ihre kleine Geschichte vielleicht ganz gut, was die Menschen manchmal umtreibt, die hierher kommen. Sie sitzen abends bei Cesare, einem kleinen Italiener mit ganz unbayerischem, eher römischem Hinterhofcharme und essen Pizza, wobei man sagen muss, dass eigentlich nur Bärbel sie isst und Anne sie pickt, denn Anne hat Krebs. Womöglich habe sie ihn vorübergehend besiegt, sagt sie, aber man sieht an den Augen, dass es nur eine kleine Hoffnung ist.

Beide sind sie Katholikinnen, mäßige bis nachlässige, wie die meisten. Zur Schwarzen Madonna zu pilgern, die seit jeher von Menschen in Not angerufen wird, war da nicht unbedingt selbstverständlich. Die Aktion ist auch ein geistiger Rettungsanker. Manchmal greift so etwas und wird dann auf Tafeln in der Gnadenkapelle mit einem schlichten „Maria hat geholfen“ vergolten; manchmal greift es nicht. Es ist ein Versuch, dem Tod mit dem Vertrauen auf das Leben und auch das Leben nach dem Tod zu begegnen. Darüber hinaus hoffen die beiden durch den Papst auf noch etwas mehr von dieser – wie soll man sagen: Ermutigung, vielleicht. Am Ende sagt Bärbel wie schon öfter während der Unterhaltung „Komm Madel“ zu Anne; da ist es Zeit zu gehen.

Aus dem immer auch ein bisschen unnahbar wirkenden Mann von einst scheint ein Kommunikator geworden.

Immer wieder kommt der Papst in Altötting auf Maria zurück. So auch am Nachmittag, als er sie bei der Vesper in der Basilika St. Anna vor Ordensleuten und Seminaristen in den Mittelpunkt seiner Erwägungen stellt: Sie habe, sagt der Papst, „ganz im Mitsein mit Jesus gelebt“ und sei deswegen „auch ganz für die Menschen“ da gewesen, ja, sei es bis heute. Noch einmal schließt sich ein Kreis im Leben des Joseph Ratzinger, dessen Familie oft nach Altötting kam, um des dort heilig gesprochenen Bruder Konrad zu gedenken, als er dessen Grab aufsucht. Konrad hatte auf ein großes Erbe verzichtet und übte sich in der Nachfolge als demütiger Pfortenbruder. Weniger konnte man nicht sein in der Hierarchie.

Dass man in den Augen vieler Mitbürger wiederum mehr nicht sein kann als Papst, dessen wird Benedikt XVI. wieder gewärtig, als ihn am Abend sein wegen einiger ungeschickter Kommerzialisierungsideen etwas in Verruf gekommener Geburtsort Marktl am Inn erwartet.

Hundertschaften Polizisten, hunderte Journalisten, 2700 Marktler, die Erwartungen, die Nervosität stieg stündlich. Dann, 18 Uhr 30, rollt das Papamobil durch die Straßen, der Chor singt, die Menge klatscht. Vor der Pfarrkirche St. Oswald steigt ein alter Mann in weißem Talar, spitzenbesetzter Rochette und einem roten Kurzmantel darüber aus. Er hat ein erwartungsvolles Lächeln auf dem Gesicht, das ihn die nächsten Minuten nicht mehr verlassen wird.

Die Hände gefaltet, geht der Papst durch die leere Kirche, nur ein paar Kardinäle eilen hinter ihm her. Vor der Nische mit dem Taufstein, seinem Taufstein, über den er vor 79 Jahren gehalten wurde, kniet Benedikt auf einem Holzbänkchen nieder. Er senkt den Kopf, betet lautlos. Vor den Taufstein haben sie eine weiße Rose gestellt. Eine Minute, zwei Minuten? Die Zeit scheint zu stehen. Dann steht er auf, geht zwei Stufen hoch, noch näher zum Taufstein hin. Dort verharrt der Papst, vielleicht vier Minuten darf er ganz bei sich sein. Dann ist er wieder ganz Amt, funktioniert, wird beschenkt, zu einem Wandrelief geführt, das an ihn erinnert.

Doch während der Kopf nun schon wieder ganz anderen Würdenträgern zugewandt ist, der Mund antwortet, erlauben sich die Augen noch einmal einen Ausflug. Sie wandern über die Wände der Kirche, hin zur Maria mit dem Kind, die auch hier bei ihm ist, dann zum Altar, kurz ein Schwenk über die Bänke. Vielleicht kommt ihm die Familie in den Sinn, die Eltern, die hier jeden Sonntag beim Gottesdienst in der Bank saßen.

Vor dem Altar trägt sich der Papst mit schwarzem Füller ins Goldene Buch der Stadt ein. Der Bürgermeister reicht ihm noch ein Buch, in dem die Marktler ihre Wünsche aufgeschrieben haben. „Herr, segne die Welt, auf dass sie gescheit wird“, hat jemand geschrieben. Dann ist das Gefolge mit dem Herrn an der Spitze schon wieder aus der Kirchentür hinaus.

Im Papamobil fährt er 50 Meter zum Geburtshaus. Was der Bürgermeister, der Pfarrer, alle gehofft hatten, wird wahr: Benedikt steigt aus, geht um eine bronzene Säule herum, es ist die „Benedikt-Säule“, die die Marktler für ihn hier aufgestellt haben. Er berührt die Säule, er lacht jetzt. Der Privatsekretär steht ungeduldig daneben, die Zeit drängt.

Es ist kurz nach 19 Uhr. Joseph Ratzinger hat sich verabschiedet von seiner „lieben, schönen Heimat“. Vielleicht auch von Deutschland. Am Tag zuvor hat er den Deutschen noch einmal ins Gewissen geredet, nicht nur Technik und kalte Vernunft sollen sie in die Welt bringen, sondern Herzlichkeit und ihren Glauben an Gott, an die Kirche. Nur so lasse sich der Wettbewerb um die Herzen der Afrikaner und Asiaten gewinnen, hat er gesagt. Als das Papamobil um die Ecke biegt, verschwindet gerade die Sonne hinter seinem Geburtshaus.

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