Zeitung Heute : „Rückwanderung braucht Netzwerke“

-

Die Bundesregierung hat gestern drei Projekte zur Rückwanderung nach Ostdeutschland vorgestellt. Wie sehen die von Ihnen entwickelten Vorschläge aus, Frau Dienel?

Zum einen gibt es die Website „www.kontakt-ostdeutschland.de“. In einem Modellprojekt soll sie abgewanderten Magdeburgern die Möglichkeit bieten herauszufinden, wer in ihrer neuen Stadt auch aus Magdeburg stammt. Damit können sie sich untereinander vernetzen. Durch diese Vernetzung wird das Regionalbewusstsein gestärkt und damit auch die Chance erhöht zurückzugehen.

Aber lebt man sich dann nicht erst recht in der neuen Stadt besser ein?

Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass Abwanderung aus Sachsen-Anhalt entlang von sozialen Netzwerken stattfindet. Man geht eher dorthin, wo man schon Freunde hat. Aber auch Rückwanderung braucht Netzwerke. In dem Moment, in dem die Verbindungen zur Heimat gekappt sind, wandert keiner mehr zurück.

Ein Problem ist damit aber nicht gelöst: Invielen Teilen Ostdeutschlands fehlen die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Wie wollen sie da Anreize schaffen und Hilfe zur Rückwanderung bieten?

Das zweite, noch in der Planung befindliche Projekt ist eine Rückkehragentur nach dem Vorbild von „mv4you“ in Mecklenburg-Vorpommern. Hier sollen Menschen Hilfe bei der Arbeitsplatz- und Wohnungssuche, aber auch Informationen zu Studienangeboten, finden. Das dritte Projekt ist die „familienfreundliche Hochschule“. Wir wollen erreichen, dass sich mehr Menschen für ein Studium in Ostdeutschland entscheiden und möglichst auch nach dem Studium bleiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass Absolventen wieder gehen, ist viel geringer, wenn sie im Studium eine Familie gegründet haben. Derzeit befragen wir Studierende, Mitarbeiter und Professoren an den beiden Standpunkten Greifswald und Magdeburg, planen Aktionstage „Studieren mit Kind“ sowie Fortbildungen für Verwaltungsmitarbeiter. Wir hoffen, dass es einmal heißt: Die spezifische Qualität von Hochschulen im Osten besteht darin, dass man gerade als junge Frau den Lebensplan Karriere und den Lebensplan Familie parallel verfolgen kann.

Wie sieht denn der typische Abwanderer aus Ostdeutschland aus?

Der typische Abwanderer ist weiblich, ungefähr 23 Jahre alt und hat eine Berufsausbildung. Er oder sie geht vor allem weg, weil es nicht genügend qualifizierte Arbeitsstellen gibt, die die Möglichkeit zur beruflichen Weiterentwicklung bieten.

Es kehren auch Menschen nach Ostdeutschland zurück. Was haben sie für Beweggründe?

Viele kehren nach Abschluss einer Ausbildung oder des Studiums aus familiärer Verbundenheit oder wegen ihres Freundeskreises zurück. Ein zweiter Typus des Rückwanderers ist der, der zehn oder fünfzehn Jahre in der Industrie in Westdeutschland gearbeitet hat und mit Anfang oder Mitte 50 aus dem Arbeitsleben herausfällt oder bewusst ausscheidet.

Christiane Dienel ist Professorin für Europäische Politik und Gesellschaft an der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH).

Das Gespräch führte Meike Fries.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben