Zeitung Heute : Rückzug auf Raten

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Schon wiederholt hatte er es angekündigt, doch nun scheint es ihm ernst: Nach über 60 Jahren will der Dalai Lama als politisches Oberhaupt der Tibeter zurücktreten. Bereits bei der am Montag beginnenden Sitzungsperiode des Exil-Parlaments im indischen Dharamsala will er entsprechende Änderungen vorschlagen, um seine Befugnisse an einen gewählten Regierungschef abzugeben. Der 75-Jährige bleibt aber spiritueller Führer seines Volks und wird auch weiter durch die Welt touren, um für die Sache Tibets zu werben. „Ich werde nicht in den Ruhestand gehen“, versicherte er. Doch seine Ankündigung versetzte viele Tibeter in Schock – für sie wäre es das Ende einer Ära. Es seien Tausende Bitten eingegangen, dass er seinen Rückzug verschiebe, sagte der derzeitige Exil-Premierminister Samdhong Rinpoche. Auch er zeigte sich hochbesorgt. Die gewählte Regierung und die Tibeter fühlten sich noch nicht reif genug, die Führung selbst zu übernehmen, meinte er. Er schloss auch nicht aus, dass sich Widerstand gegen den angekündigten Rückzug formieren könnte. Es sei unklar, ob das Exil-Parlament den Plänen des Dalai Lama zustimmen werde, sagte er.

Den Zeitpunkt für seine Ankündigung hatte der Dalai Lama offenbar mit Bedacht gewählt. Sie fiel zusammen mit dem 52. Jahrestag des Aufstands in Tibet gegen China. Anfang der 50er Jahre hatte sich Peking das im Hochland gelegen Tibet gewaltsam einverleibt und im Jahr 1959 einen Aufstand der Tibeter blutig niedergeschlagen. Das 1965 gegründete autonome Gebiet Tibet umfasst als chinesische Verwaltungseinheit etwa die Hälfte des tibetischen Kulturraums und liegt im Süden. Die Gebiete im Norden und Osten gehören zu verschiedenen chinesischen Provinzen.

Mit seinem Schritt will der Mönch offenbar sein politisches Erbe regeln. Bisher hatten die Tibeter ihn immer wieder bekniet, seine Ämter zu behalten. Nun will er sie offenbar zwingen, allmählich auf eigenen Füßen zu stehen, indem er die politischen Kompetenzen klar und demokratisch regelt. Es ist kein Geheimnis, dass der 75-Jährige gesundheitlich angeschlagen ist. Er will offenbar verhindern, dass nach seinem Tod ein Machtvakuum entsteht, das der kommunistischen Regierung in China in die Hände spielt. Er fürchtet, dass China versuchen könnte, einen Dalai Lama von Pekings Gnaden als Reinkarnation zu lancieren, um die tibetische Freiheitsbewegung zu enthaupten. Bereits früher hatte er deshalb erklärt, er werde nicht in einem unfreien Land wie China wiedergeboren werden.

Dass seine Sorge nicht unbegründet ist, zeigte Chinas Reaktion, das umgehend giftete, der Dalai Lama sei ein „Wolf in Mönchsrobe“. „Was er sagt, zählt nicht“, sagte der chinesische Regierungschef in Tibet. „Ich glaube nicht, dass man die Reinkarnation einfach abschaffen kann. Die historischen Institutionen und religiösen Rituale des tibetischen Buddhismus müssen befolgt werden.“ Die Nachfolge durch Reinkarnation ist eine Besonderheit des tibetischen Buddhismus.

Dagegen erklärte der Dalai Lama, es sei allein Sache der Tibeter, zu entscheiden, ob die Institution des Dalai Lama und die Reinkarnation weiterbestehe oder nicht. „Bereits in den 60er Jahren habe ich betont, dass die Tibeter einen frei gewählten Führer brauchen, dem ich die Macht übergeben kann.“ Nun sei dieser Zeitpunkt gekommen. Bereits bei der am Montag beginnenden Sitzung des Exil-Parlaments werde er die Verfassungsänderungen vorschlagen. Er wolle sich nicht aus der Verantwortung stehlen, sagte der Friedensnobelpreisträger vor rund 2000 Mönchen und Tibetern in der nordindischen Stadt. „Es ist nicht, weil ich entmutigt bin.“ Vielmehr werde sein Rückzug den Tibetern langfristig nutzen.

Tendzin Gyatsho, so der Mönchsname des 14. Dalai Lama, war während des Tibetaufstandes nach Indien geflüchtet, das ihm seitdem Exil gewährt. Hochburg der Exil-Tibeter ist die Himalaya-Stadt Dharamsala, wo auch die Exil-Regierung ihren Sitz hat, die jedoch von keinem Land anerkannt ist. Seitdem kämpft der Dalai für eine gewaltlose Lösung in Tibet, dafür wurde er 1989 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Bis heute genießt „Seine Heiligkeit“ unangefochtene Autorität unter den Tibetern, was Peking erzürnt.

Der Dalai Lama fungiert derzeit als „Staatsoberhaupt“ der Exil-Tibeter, berät die Exil-Regierung und beruft die Sitzungen ein. Doch seine politische Rolle reicht weit darüber hinaus. Die Funktion als Staatsoberhaupt will er nun abgeben, die gewählte Regierung und das Parlament sollen künftig die politische Macht besitzen. Er werde jedoch religiöser Führer der Tibeter bleiben und sich in dieser Rolle weiter für die „gerechte Sache Tibets“ einsetzen, sagte er. Er weiß, dass die Tibeter es vor allem ihm zu verdanken haben, dass ihr Anliegen weltweit Gehör findet. Die tibetische Bewegung könnte sich nun schnell in Grabenkämpfen zerreiben.

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