Zeitung Heute : Rückzug in die stille Welt

Der Liebe zu Lafontaine opferte sie ihre Karriere. Jetzt ist Christa Müller Chefin einer Großfamilie – und kämpft für Frauen in Afrika

-

Am Ende wird sie sagen, dass sie ganz gelassen bleiben will. Dass sie einfach mal abwartet, was passiert. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sie ihren Mann im Fernsehen anschauen muss, und es wäre auch keine Premiere für Christa Müller, ihn zu entlassen aus dem Nest, das sie um ihn herum gebaut hat. Aber ein Opfer, sagt sie, wäre es schon.

Christa Müller ist die Frau von Oskar Lafontaine, das muss man noch immer dazusagen, denn ohne ihn wäre auch sie nicht, wer sie ist. Christa Müller, das war mal die Vorbotin einer neuen Zeit, eine linke Intellektuelle mit atomblondem Kurzhaarschnitt, die an der Seite des damaligen SPD-Kronprinzen die politische Arena betrat und all die muttchenhaften Politikergattinnen ziemlich alt aussehen ließ. 1999 verschwand sie mit ihrem Mann von der Bildfläche, und jetzt, da er zum Comeback an der Spitze eines linken Bündnisses ansetzt, könnte auch sie zurückkehren. Vorausgesetzt, es gäbe so ein Zurück.

Christa Müller ist eine andere geworden, auch wenn sie sich äußerlich nur wenig verändert hat. An einem kühlen Mittwochmorgen kreuzt sie in einem dünnen Sommerkleid in der Altstadt von Saarbrücken auf, parkt ihren verbeulten Kleinbus vor der Ausländerbehörde, um dann an Asylbewerbern vorbeizusegeln, hinauf in ihr Büro. In einer winzigen Teeküche unterm Dach warten vier Kolleginnen mit Papier und vielen Fragen. „Lasst euch nicht abwimmeln“, wird Christa Müller ihnen sagen, und dass man beim Spendensammeln ruhig mal etwas lauter anklopfen darf bei den Begüterten der Nation.

Sie ist jetzt fast zehn Jahre Vorsitzende des Vereins „Intact“ und kämpft gegen die Beschneidung von Mädchen in Afrika. „Intact“ arbeitet mit Nicht-Regierungsorganisationen zusammen, die Sozialarbeiterinnen durch die Dörfer schicken und über die Folgen von Genitalverstümmelung aufklären. An die 200000 Mädchen sterben jedes Jahr in Afrika, sagt Christa Müller, weil man ihnen unter katastrophalen hygienischen Bedingungen die Klitoris abschneidet und was übrig bleibt, zusammenflickt. Wer lebend davonkommt, kämpft oft mit Schmerzen und bösen Infektionen. Wer Pech hat, verblutet auf der Stelle.

Christa Müller trägt das ganz nüchtern vor, als könnte professionelle Kühle sie schützen vor der Wut, die sie manchmal packt über die Langsamkeit der Dinge. Längst hat sie sich angewöhnt, ihren Verein als Firma zu betrachten, die Gelder mobilisiert und Kredite für ausstiegswillige Beschneiderinnen beschafft – und jetzt ihren ersten großen Erfolg melden konnte.

Vor ein paar Wochen stand Müller auf dem staubigen Festplatz von Natitingou in Benin und feierte mit Hunderten von Menschen den Abschied des Landes von der Beschneidung. Damals sprach sie von einem „historischen Tag“. Jetzt, unter den Dachschrägen ihres Vereinssitzes, sagt sie, dass sie noch längst nicht am Ziel ist und es auch in Benin immer wieder heimliche Beschneidungen geben wird. „Aber zu glauben, dass den Leuten in Afrika solche Traditionen nicht auszureden sind, das halte ich für richtig rassistisch.“

Sie schaut auf die Uhr, springt auf, muss los. Christa Müller ist schließlich nicht nur ehrenamtliche Vereinschefin und Pensionärsgattin, sondern auch Mutter einer Großfamilie. Sie tritt dann recht kräftig aufs Gaspedal, steuert den Wagen auf die Autobahn und zu diesem kleinen Schloss, das neben einem rostigen Stahlwerk in den Saarauen liegt. Früher wurden hier mal die Kinder französischer Stahlbarone unterrichtet. Heute lernen die Nachkommen deutscher Sozialisten hier Französisch.

Carl-Maurice geht jetzt in die dritte Klasse, seine Mutter holt ihn jeden Tag von der Schule ab, und mit Fremden spricht er nicht so gern. „Wie war’s, Mäuschen?“, fragt sie. „Gut“, sagt er nur. Dann fahren sie schweigend hinauf in dieses Dorf, in dem man kaum Menschen sieht und so viel Landschaft, dass die Welt dahinter zu versinken scheint.

Es wäre vielleicht übertrieben, das Haus der Christa Müller einen goldenen Käfig zu nennen. Von außen jedenfalls wirkt es ein wenig isoliert, wie eine große, honigfarbene Kolonialvilla. Drinnen lebt es sich stilvoll zwischen alten Stichen, und als Christa Müller nach den Flammkuchen abserviert hat und Oskar Lafontaine sich zurückzieht, erzählt sie von ihrem neuen Leben.

Sie ist jetzt Hausfrau und Altenpflegerin und versorgt hier nicht nur Mann und Sohn, sondern auch „die Omas“: ihre Mutter, die ist 87, und ihre Schwiegermutter, die ist 89. Die Omas wohnen im Seitenflügel des Hauses, Christa Müller kocht für sie, kauft ein und betreut die Hörgeräte. Sie tut das aus „moralischen Gründen“ und vielleicht auch, weil der Sozialismus manchmal gar nicht so weit weg ist von der christlichen Nächstenliebe.

Dass sie jetzt festgebunden ist hier, dass Urlaube fast unmöglich geworden sind, damit scheint Christa Müller sich abgefunden zu haben. Ihr Status aber, der macht ihr zu schaffen. „Ich habe ein Problem mit den Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft“, sagt sie. „Warum ist man keine ernst zu nehmende Frau, wenn man keiner Erwerbsarbeit nachgeht?“ Dass der Staat die „dumme Hausfrau“ für die häusliche Pflege von Angehörigen nur mit einem Taschengeld abspeist, ist das eine. Die Geringschätzung aber ist das andere.

Es ist der chronische Mangel an Anerkennung, der an dieser Frau nagt. Was kein Wunder ist, wenn man bedenkt, wo sie herkommt. Christa Müller wurde vor 48 Jahren im hessischen Frankfurt geboren, in einer Familie sehr katholischer Hoteliers, die sie früh haben anpacken lassen. Dass sie Volkswirtschaft studierte, fand die Mutter überflüssig, und dass sie hoch hinauswollte, haben die Jusos bald bemerkt: Sie ging zur EG nach Brüssel, in die hessische Staatskanzlei, dann in die „Baracke“, die Bonner SPD-Zentrale. „Ich war gewohnt, dass es voranging“, sagt Christa Müller. „Bis dann Schluss war.“

Es war die Liaison mit Lafontaine, die ihrer Karriere den Garaus machte. Aus der talentierten Frau Müller wurde – zumindest in den Augen der Öffentlichkeit – die attraktive Frau Lafontaine, der man nahe legte, sich aus dem Büro ihres Mannes zu entfernen. Sie ging in die Friedrich-Ebert-Stiftung, und es dauerte Jahre, bis sie begriff, dass sie der Liebe den Aufstieg geopfert hatte. Doch, sagt sie und nickt, „das hat mir unheimlich zugesetzt“.

Die Frau an der Seite eines Politikers, das war mal eine Rolle, die Christa Müller neu definieren wollte. 1998, als sie mit ihrem Mann ein Buch darüber schrieb, dass es „Wohlstand und Arbeit für alle“ geben könnte, wenn das Geld richtig verteilt würde, erklärte sie selbstbewusst in einer Talkshow, die Banken gehörten schärfer kontrolliert. Damals gab es einen Aufschrei, vom „System Christa“ war da die Rede und von den Machtgelüsten einer Frau, die es wagte, mitzureden.

Christa Müller fängt an, Pillen in kleine Kästchen zu sortieren, die Wochenration für ihre Omas. Sicher, wird sie irgendwann zugeben, ihr Beruf fehlt ihr. Sehr. Natürlich. Aber es ist auch ein Zeichen von Reife, auf Dinge verzichten zu können. Sie hat sich diesem Leben ganz verschrieben und will nichts davon hören, in die Mutti-Falle geraten zu sein. Fragt jemand, ob sie eigentlich arbeitet, sagt sie: „Ja. Von 7 bis 21 Uhr.“ Und ärgert sich, aber möglichst heimlich.

Nein, eine Feministin kann man diese Frau nicht nennen, die für die Freiheit afrikanischer Mädchen kämpft und gleichzeitig für ein Frauenbild, das ihrer eigenen Mutter wohl zu konservativ gewesen wäre. Wo andere die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf fordern, plädiert sie für das Recht auf ungestörte Mutterschaft. Früher saß sie Texte tippend neben der Wiege, heute hält sie das für einen „Riesenfehler“. Sie hatte mal ein Kindermädchen, jetzt warnt sie davor, Kinder unter drei „wegzuorganisieren“. Christa Müller redet sich in Rage, sie erzählt von gestörten Kindern und diesen „Systemfehlern“, die Frauen in die Berufstätigkeit zwingen, statt sie fürs gute Erziehen zu bezahlen.

Es gibt einen Moment in diesem Gespräch, da wirkt er plötzlich Lichtjahre weit weg, der Kosmos der Erwerbsarbeit, in dem so viele Mütter um ihre Jobs fürchten müssen und sich oft nichts sehnlicher wünschen als ins Büro zurückzukehren. Braucht Deutschland das wirklich, die Aufwertung der Hausfrau?

Christa Müller winkt ab, wenn man sie daran erinnert, dass nicht jede Frau finanziell so weich gebettet ist wie sie. Darum geht es ja gerade, meint sie, was fehle, sei die Chance, sich fürs Daheimbleiben entscheiden zu können – ohne der Not und dem Spott anheim zu fallen.

Hat sie selbst eigentlich eine freie Wahl getroffen? War es nicht ein Prozess klammheimlicher Anpassung, der sie zum Abschied von der Politik genötigt hat und zum Rückzug in diese stille Welt, die sie um die Bedürfnisse ihres Mannes und ihrer Familie herumgebaut hat?

Christa Müller wird etwas einsilbig, wenn man sie fragt, was eigentlich war, als ihr Mann 1999 nach Hause zurückkam, enttäuscht von seiner Partei und politisch erledigt. Er habe sie gebraucht, sagt sie nur, und dass sie versteht, warum er jetzt wieder aufbrechen will. Später dann platzt es so nebenbei aus ihr heraus: dass Politik krank machen kann und süchtig nach Macht. Jedenfalls, wenn man ganz oben mitschwimmt.

Sie wird jetzt einen Kaffee kochen, ein paar Vokabeln abhören und die Gäste ihrer Omas empfangen. Wenn ihr Mann geht demnächst, wird sie hier bleiben. Es wird dann etwas stiller werden im Haus. Mal sehen, was passiert, sagt sie und lacht. Es ist das Lachen einer Kämpferin.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!