Zeitung Heute : Rückzugvom Rückzug Mathias Reichhold soll der neue FPÖ-Vorsitzende werden

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Von Paul Kreiner, Wien

Es war kurz nach Mitternacht. Das FPÖ-Präsidium hatte seine stundenlange Suche nach einem neuen Parteichef beendet, die Mitglieder waren gegangen. Allein Mathias Reichhold harrte in dem dunklen Gebäude aus. Er wollte den Journalisten entkommen, die vor dem Haustor auf ihn warteten. Aber er hatte ihr Durchhaltevermögen unterschätzt. Als er schließlich ohne Licht durchs Treppenhaus huschte und dann zu seinem herbeibestellten Wagen vor die Tür flitzte, da erwischten sie ihn doch. „Werden Sie’s?“ „Kein Kommentar.“

Was hätte Reichhold auch sagen sollen in dieser Nacht? Wie den Rückzug vom Rückzug begründen? Noch vor zehn Tagen hatte Verkehrsminister Mathias Reichhold gesagt: „Ich habe mich entschieden. Ich werde meine politische Laufbahn beenden.“ Nun will er auf einmal an die Parteispitze.

Als einziger Kandidat wird er sich auf dem Bundesparteitag der FPÖ am Sonnabend zur Wahl stellen. Ob Reichhold sich lange hat rufen und drängen lassen, weil kein anderer wollte, oder ob geschicktes politisches Kalkül dahinter steckt, ist schwer zu sagen bei diesem Mann. Seitdem ihn 1983 Jörg Haider – typischer Beginn einer Karriere in „Jörgs Buberlpartie“ – aus dem Wirtshaus geangelt hatte, erfüllte „Hiasl“ immer klaglos die Pflichten, die ihm der vorwärts stürmende FPÖ-Chef auftrug: mal in Wien, mal in Klagenfurt, mal in Straßburg, je nach Haiders politischen und persönlichen Vorlieben. „Ich betrachte es als eine Ehre, Haiders Platzhalter zu sein“, sagte Reichhold einmal, und: „Meinen Vorn schreibe ich mit einem ,t’, außer der Jörg will es anders.“

Im März 2001 zog sich Reichhold aus der Kärntner Landespolitik auf seinen Biobauernhof zurück: „Ich habe einen neuen Traktor gekauft und warte auf die Lieferung von 2500 Küken.“ Elf Monate später war er Verkehrsminister in Wien, als dritter seiner Partei, seitdem die FPÖ das Ressort Anfang 2000 übernommen hatte. Mit Reichhold endlich, der humorvoll und mit unbekümmert ländlicher Frische auftritt, schien die FPÖ das überdimensionierte Ministerium in den Griff bekommen zu haben. Und Haiders Aufpasser richtete sich neu aus. Als im Sommer zwischen den beiden Flügeln der Partei, zwischen FPÖ-Chefin Susanne Riess-Passer und Jörg Haider, der große Streit ausbrach, sagte Reichhold unumwunden: „Ich bekenne mich zu Riess-Passer.“

Nun gilt Reichhold als die ersehnte Integrationsfigur für die in Auflösung begriffene FPÖ. Und anders als der zum Spitzenkandidat berufene Sozialminister Herbert Haupt, der sich noch vor einer Woche in fast stalinistisch anmutender Gefolgschaft als „Übersetzer und Erklärer von Haiders Ideen“ präsentierte, scheint Reichhold nun selbst der starke Mann sein zu wollen. Bevor er Ja sagte zu seiner Kandidatur, fuhr er nach Kärnten, um der FPÖ-Landesgruppe in Haiders Reich den „vollen und bedingungslosen Rückhalt“ abzufordern. Auch dürfe „niemand durch öffentliche Zurufe beschädigt werden“, verlangte Reichhold, und Haider, der dabeisaß, musste wissen, wer damit gerüffelt war.

Reichhold will die Rebellen um Haider draußen halten, die mit dem „Knittelfelder Putsch“ den FPÖ-Flügel um Susanne Riess-Passer hinweggefegt haben. Er werde es nicht zulassen, sagt er, dass beispielsweise Ewald Stadler bei den Neuwahlen für das Parlament kandidiere. Stadler, Ombudsmann, niederösterreichischer FPÖ-Vize, Lautsprecher des rechtsextremen Lagers und Intimfeind Riess-Passers, gilt als ein Drahtzieher der Rebellion. Auch ein anderer Putschist trat jetzt zurück: Oberösterreichs Landeschef Hans Achatz. Wer noch gehen muss, wird sich zeigen. Reichhold hat ein Vetorecht bei der Erstellung der Wahllisten.

Nun muss nur noch der Parteitag mitspielen. Reichhold will den 750 Delegierten seine Diagnose in aller Härte mitteilen: „Wir müssen nichts beschönigen. Die Partei steht vor einem Scherbenhaufen.“ Ob die „zerstörerischen Kräfte“ die ihnen abgepresste Ruhe auf Dauer einhalten, muss erst erprobt werden. Einen ruhigen Haider hat Österreich noch niemals erlebt. Daran aber hängt Reichholds Schicksal als Parteichef – und der Ausgang der Wahlen am 24.November. Womöglich kehrt der resolute Biobauer schneller zu seinen Küken zurück, als er sich das vorgestellt hat.

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