Rügen : Sein Kindergeld

Wenn eine Grundschule schließt, werde auch der Ort geschlossen, sagt eine Studie. Wie ein Bürgermeister auf Rügen um sein Dorf kämpft.

Jana Haase[Rügen]

Der Abschied aus Berlin schmerzt ihn noch immer. 17 Jahre lang war Michael Burmeister Cellist in der Staatskapelle der Staatsoper unter den Linden. An den Tag, an dem er zum Vorspielen an das führende Opernhaus der damaligen DDR kam, erinnert er sich bis heute. Als seine Sehnen 1991 nicht mehr mitmachten, musste er mit seinem Beruf auch eine Berufung aufgeben. Gemeinsam mit seiner Frau zog Burmeister weit weg von Berlin, von seinem Musikerdasein, in ein kleines Dorf auf der Insel Rügen. „Das ist mit so einem Beruf wie bei einer Scheidung, man muss einen Schlussstrich ziehen“, sagt der 69-jährige schmale Mann mit den blitzenden blauen Augen und dem kurz geschnittenen grauen Haar. Über die Berliner Zeit spricht er nicht mehr gerne, winkt dann immer wieder mit seiner linken Hand ab. Die rechte ist wegen einer Operation gerade wieder verbunden. Er hat ein zweites Leben begonnen, hier in Poseritz, als Selbstständiger mit ein paar Ferienwohnungen. 1999 wurde Burmeister Bürgermeister seiner Gemeinde, ein ehrenamtlicher Job, im vergangenen Jahr ist er zum dritten Mal wiedergewählt worden.

Nun haben ihn zwei Orchesterkollegen aus Berlin wieder angerufen. Und nicht nur die. Journalisten aus der ganzen Republik wollten wissen, ob es wirklich stimmt. Klamme Gemeindekassen gibt es in vielen Städten und Kommunen, aber einen Bürgermeister, der deshalb in seine Privattasche greift, wahrscheinlich nur in Poseritz. Für jedes neugeborene Kind will Burmeister insgesamt 500 Euro zahlen, aus eigenen Mitteln. Das Geld bekommen nur Eltern, die ihre Kinder in Poseritz in der Kita oder bei der Tagesmutter anmelden.

„Frohe Zukunft“ verheißt das Schild einer Gartensparte am Ortseingang des 1100-Einwohner-Dorfes auf der Ostseeinsel. Dahinter drängen sich die Häuser, einige noch mit den traditionellen Reetdächern, um den Hügel mit der roten Backsteinkirche. Der einzige Plattenbau im Ort wird abgerissen, darin befand sich die Grundschule. Das Land habe sich gegen deren Erhaltung entschieden, die Schule musste dichtmachen, erklärt Burmeister und klingt verärgert. Weil er ahnt, dass sie das im Dorf auch ihm anlasten. Ohne Schule sei Poseritz noch unattraktiver für Familien. Nun müssen nicht mehr nur die Eltern täglich zur Arbeit pendeln, sondern auch die 93 Kinder zur Schule, sechs Kilometer nach Garz oder 15 Kilometer nach Stralsund. Das Berlin-Institut hat es in einer Studie über den demografischen Wandel einmal so formuliert: „De facto wird ein Ort geschlossen, wenn die Grundschule schließt. Dann hängt ein unsichtbares Schild am Ortseingang: ,Aufgegeben!‘ Dann kommen keine neuen Familien und die verbleibenden packen eher die Koffer.“

So weit will es Burmeister nicht kommen lassen. Er sitzt an einem Ecktisch im leeren Wirtshaus „Lindenkrug“, wo ihm die Wirtin ungefragt eine Tasse Kaffee hingestellt hat, türkisch aufgebrüht, und spricht über die ungewöhnliche Maßnahme, die er im Februar angekündigt hat. „Die größten Diskussionen gab es mit meiner Frau“, sagt Burmeister. Reich ist das Ehepaar nicht, der pensionierte Musiker lebt mit einer Rente von „nicht viel mehr als 1000 Euro“. Das ausgelobte Babygeld will er von der monatlichen Bürgermeister-Aufwandsentschädigung absparen. 700 Euro bekommt er dafür, dass er Feuerwehr und Winterdienst koordiniert, Bauherren berät, bei der Amtsverwaltung in Bergen für die Umsetzung der Gemeinderatsbeschlüsse sorgt, Projektmittel für kommunale Bauvorhaben auftut oder Jubilaren zur goldenen Hochzeit gratuliert. Rund um die Uhr ist er auf seiner Privatnummer zu erreichen. Nun will er auch sein Privatgeld in die Gemeinde stecken. Eine Schnapsidee?

Skeptische Blicke trafen ihn schon einmal, als er mit seinem Instrument beim Vorspiel in der Staatsoper erschien – in Uniform. Fast 40 Musiker wollten die Stelle, Burmeister konnte immerhin auf Engagements beim Sinfonieorchester Schwerin und im Symphonieorchester der DDR-Armee verweisen. Für die Jury hatte er eine Cellosonate von Camille Saint-Saëns vorbereitet. Und zum letzten Mal die Uniform angezogen, obwohl er das „Erich-Weinert-Ensemble“ der NVA schon vor Monaten verlassen hatte. Weil er sich weigerte, Parteimitglied zu werden, gab es für Burmeister dort keine Zukunft. Zwei Jahrzehnte später sind es dann die Sehnen gewesen, die ihm eine Zukunft als Musiker vereitelten. Das Cello darf er nicht spielen, die Staatsoper hat er seit seinem Abschied nicht mehr betreten. In Poseritz gibt es Wichtigeres zu tun.

Tatsächlich hat Mecklenburg-Vorpommern, haben insbesondere die ländlichen Regionen, ein erhebliches Problem mit dem Nachwuchs. „Die Geburtenrate liegt mit 1,3 Kindern pro Frau deutlich zu niedrig“, erklärt Thomas Deiters vom Städte- und Gemeindetag des Landes. 2008 starben jeden Monat fast 400 Mecklenburger mehr als geboren wurden, gleichzeitig gingen pro Monat rund 800 Mecklenburger mehr weg als zuzogen. Die Bevölkerungsprognose des Landesamtes für Statistik zeichnet ein düsteres Bild für das Jahr 2030: Statt 1,65 Millionen Einwohnern gibt es dann nur noch 1,45 Millionen, und die sind im Durchschnitt mehr als acht Jahre älter als heute. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen hat sich seit der Wende bereits halbiert, der Trend wird sich fortsetzen. Die mecklenburgischen Kommunen wollten vor allem mit ihrer Kinderbetreuungspolitik dagegenhalten, erklärt Deiters – sie tragen die Hälfte der Kitakosten. Trotzdem seien Krippengebühren von monatlich 300 Euro noch „abschreckend hoch“, sagt er und hofft auf die Novellierung des Kitaförderungsgesetzes. Ein Babygeld bezahlen mehrere Gemeinden im Land – „aber nur dann, wenn sie sich das leisten können“, sagt Deiters.

Ganz neu ist Burmeisters Idee also nicht. Vor allem in den neuen Bundesländern haben etliche Kommunen an die DDR-Tradition vom „Kinderbegrüßungsgeld“ angeknüpft. Im sächsischen Zwickau oder in Bernau bei Berlin etwa gibt es 100 Euro für jedes Neugeborene, die thüringische Stadt Eisfeld und das Rügenbad Binz zahlen 250 Euro, die Gemeinde Gremersdorf in Schleswig-Holstein lässt sogar 1000 Euro für den Nachwuchs springen und unterstützt die jungen Eltern außerdem mit einem Baukostenzuschuss. Dass solche Geldgeschenke helfen, wird von Kritikern bezweifelt. Wer garantiere denn, dass es den Kindern zugute komme und nicht nur in die Vergrößerung der Bildschirmdiagonalen fließe?

Dem will der Poseritzer Bürgermeister vorbeugen. Er zahlt die 500 Euro in 100-Euro-Raten jeweils zum nächsten Geburtstag. Und er zahlt die Prämie selbst, weil der Poseritzer 1,2-Millionen-Euro-Haushalt so desolat ist, dass die Kommunalaufsicht zusätzliche „freiwillige Aufgaben“ nicht genehmigt. 90 000 Euro weniger bekomme Poseritz in diesem Jahr vom Land, erklärt Burmeister, wegen der Krise seien auch die Gewerbesteuereinnahmen zurückgegangen. Gleichzeitig müsse das Dorf wegen der neuen Tarifabschlüsse 30 000 Euro mehr für die Verwaltung bezahlen.

Dass für den Kampf gegen den demografischen Wandel größere Veränderungen an ganz anderen Stellen nötig wären, kümmert Burmeister wenig. „Man hat als Bürgermeister auch eine Vorbildfunktion“, sagt er und hofft darauf, dass sein Beispiel Schule macht. „Die Eltern sollen das Gefühl bekommen, die Entscheidung zur Familiengründung wird anerkannt und wertgeschätzt.“

Die erste Empfängerin des Babygeldes in Poseritz war Nicole Scheuner: Die 27-jährige Mutter, die erst 2009 ins Dorf gezogen ist, brachte Mitte Februar Zwillinge zur Welt. Das Geldgeschenk hat sie auf Sparbüchern für die Kinder angelegt. „Das ist eine nette Sache“, sagt sie. Auch ihr ist wichtig, dass die Unterstützung an den Besuch der örtlichen Kita geknüpft ist. Deren Leiterin schätzt die Zahlung realistisch ein: „Einen Babyboom wird das nicht auslösen.“ Burmeister geht von fünf bis zehn Kindern pro Jahr aus. „Es könnte auch teurer werden“, sagt er. Dann wäre seine Rechnung aufgegangen.

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