Zeitung Heute : Ruf der Freiheit

Ein Berliner macht den 18.3.1848 zum Gedenktag

Nana Heymann

Volker Schröder ist empört. Er steht unter dem Brandenburger Tor, hebt seine Hand Richtung Himmel und deutet auf den Flaggenmast wenige Meter vor ihm. „Da – nicht beflaggt. Eine Unverschämtheit“, sagt er. Seine Stimme bebt, die Augen unter der schwarzen Hutkrempe sind wütend zusammengekniffen. Eigentlich sollten an diesem Sonntag an allen öffentlichen Gebäuden Berlins Deutschlandfahnen gehisst werden. „Wahrscheinlich waren die von der Verwaltung einfach nur zu faul, heute rauszugehen“, sagt Schröder, der an seinem senfgelben Mantel das Bundesverdienstkreuz trägt.

Seit 30 Jahren kämpft Volker Schröder, 65, früher mal Grünenpolitiker, immer Bürgerbewegter sowie Bürstenfabrikant, dafür, dass der 18. März 1848 zum nationalen Gedenk- und Feiertag erklärt wird. Er hat das Bündnis „Aktion 18. März“ gegründet, gibt eine Zeitung heraus und organisiert die jährlichen Treffen vor dem Tor. Trotz schlechten Wetters sind an diesem Nachmittag etwa 100 Menschen da; auch Bezirksbürgermeister Christian Hanke, sein Vorgänger Joachim Zeller, Brandenburgs Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg und Marianne Birthler. Auf dem Boden liegen Kränze, ein Mann greift zur Gitarre, stimmt ein Lied an: „Die Gedanken sind frei!“

Fragt man Schröder nach der Motivation für sein Engagement, sagt er: „Es geht mir um eine nationale Identifikation.“ Der 3. Oktober, ein „von der Politik festgelegtes Datum“, sei dafür längst nicht so geeignet wie das, was in der Märzrevolution 1848 geschah. Damals gingen in Berlin Tausende auf die Straßen und forderten Rede- und Versammlungsfreiheit. Aus Angst vor Ausschreitungen ließ König Friedrich Wilhelm IV. seine Truppen aufmarschieren, es kam zu Kämpfen – doch dann kapitulierte der König vor seinen Bürgern. „Das war die Geburtsstunde einer demokratischen Bewegung“, sagt Volker Schröder.

Mit seiner Initiative hat er schon viel erreicht: Zwölf Gedenktafeln weisen in Berlin auf die ehemaligen Barrikadenstandorte hin, seit 2000 heißt der Platz auf der Westseite des Brandenburger Tores „Platz des 18. März“, und im vergangenen Jahr beschloss das Abgeordnetenhaus die öffentliche Beflaggung.

Dennoch, kritisiert Volker Schröder, sei die deutsche Erinnerungskultur noch zu stark von den Ereignissen des Nationalsozialismus geprägt. „Dass es in Deutschland schon früh eine Zeit gegeben hat, in der für Demokratie und Völkerfreundschaft gekämpft wurde, wissen viele gar nicht mehr.“ Deshalb hat er auch eine Unterschriftenaktion initiiert, um den 18. März in den Gedenkkalender aufzunehmen. Viele hundert Befürworter hat er bereits. Gerade erst hat Bundestagsvizepräsident Hermann Otto Solms unterschrieben. Auf die Unterstützung von Edmund Stoiber wird Volker Schröder allerdings nicht bauen können. Der hatte bereits 1979 einen „kommunistischen Hintergrund der Kampagne“ vermutet.

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