Zeitung Heute : "Ruf mich an": Die Zeit der 0190er-Nummern geht zu Ende

Christian Röwekamp

Viele der Nackedeis, die zu nächtlicher Stunde im Fernsehen "Ruf mich an" stöhnen und dann eine mit 0190 beginnende Telefonnummer nennen, müssen demnächst ein neues Sprüchlein aufsagen. Die Zeit der 0190er-Nummern neigt sich dem Ende zu. Unter anderem zum Zweck der internationalen Rufnummern-Harmonisierung werden die so genannten Premium-Rate-Telefondienste künftig unter der Vorwahl 0900 angeboten. Ab 01. Oktober werden keine neuen 0190er-Nummern mehr vergeben. Spätestens Ende 2003 gilt der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) in Bonn zufolge dann auch für die existierenden 0190er-Hotlines: "Kein Anschluss unter dieser Nummer".

Bei den 0190er-Nummern ist es so, dass anhand der fünften Ziffer erkannt werden kann, wie teuer der Anruf wird. Beginnt die Rufnummer mit 01901, liegen die Kosten bei 1,21 Mark pro Minute, bei der 01908 sind es dagegen 3,63 Mark. Ob eine solche Staffelung auch bei der 0900 eingeführt wird, kann RegTP-Sprecher Harald Dörr noch nicht sagen. Grundsätzlich werde die neue Vorwahl "frei tarifierbar sein", weiß Peter Knaak von der Stiftung Warentest.

Gefahr durch neue Tarife

Verbraucherschützer raten daher zu Vorsicht, wenn die ersten 0900er-Vorwahlen in der Werbung auftauchen, denn "frei tarifierbar" heißt: Der Betreiber der "Hotline" kann so viel berechnen, wie er möchte. Kurztelefonate von wenigen Sekunden könnten dann 50 oder 100 Mark kosten. Sinnvoll wären solche Gebühren etwa für den Fall, dass die Telefonrechnung verstärkt zum Abrechnen von Einkäufen genutzt werden sollte. Der in der Illustrierten-Anzeige angepriesene Gartengrill könnte dann nicht nur per Telefon bestellt, sondern mittels einer 0900er-Vorwahl auch gleich bezahlt werden.

Dass es solche Überlegungen in der Industrie gibt, bestätigt Ulf Hannemann von der in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift "connect". Doch "was passiert, wenn man sich verwählt und statt der gewünschten Sex-Hotline plötzlich das Bestelltelefon für den Gartengrill in der Leitung hat?", fragt sich Hannemann. Das Geld könne dann abgebucht werden, obwohl gar kein Grill bestellt wird. Auch Warentester Peter Knaak hat Zweifel, ob die Einkaufsabrechnung per 0900er-Vorwahl funktioniert: "Viele Leute bekommen schon jetzt ihre Telefonrechnung nicht mehr von der Telekom, sondern von anderen Netzbetreibern" - mit denen sich die Telefon-Shopping-Anbieter dann erst einigen müssten.

Dass es in der Anfangszeit der 0900er-Nummern dazu kommt, dass Anbieter aus Profitstreben die Verpflichtung zur Preisauszeichnung unterlaufen, hält Knaak für unwahrscheinlich: "Das würde sofort zu Sanktionen der Regulierungsbehörde führen und den Bestand des betreffenden Unternehmens gefährden." Ganz sicher werde es jedoch "schwarze Schafe" geben, die die Unkenntnis vieler Menschen auszunutzen versuchen.

Wie die 0900er-Vorwahlen angenommen werden, wird stark von ihrem Image in der Anfangszeit abhängen. Ulf Hannemann rechnet damit, dass die 0900 da weitermacht, wo die 0190 aufhört: bei Gewinnspielen für Fernsehshows und natürlich bei den Sex-"Hotlines". Bei den seriösen Info-Anbietern weise der Trend dagegen seit einiger Zeit in Richtung der 0180er-Nummern, die - je nach Zeitpunkt des Anrufs und der fünften Ziffer der Rufnummer - vier bis 24 Pfennig pro Minute kosten.

Von "Service" könne man aber auch bei vielen 0180er-Nummern nicht sprechen, sagt Wilhelm Hübner, Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Post und Telekommunikation in Offenbach. "Bei einer 01805 liegt der Gesprächspreis bei 24 Pfennig pro Minute. Wer dagegen ein normales Ferngespräch führt, kann mit Hilfe günstiger Provider mit deutlich geringeren Kosten auskommen. Wer telefonisch Informationen abfragen will, sollte sich daher erkundigen, ob es nicht eine reguläre Telefonnummer gibt.

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