Zeitung Heute : „Ruhe-Inseln für eine kleine Auszeit“

Bad Elster und Bad Brambach sind Kurorte mit Geschichte. Was Christian Kirchner aus ihnen machen will

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Herr Kirchner, seit zwei Jahren sind Sie Kurdirektor in Bad Elster und Bad Brambach. Was macht ein Kurdirektor eigentlich den lieben langen Tag?

Oh, das ist eine immer wieder beliebte Frage. Da gibt es vielleicht Vorstellungen . . .

. . . dann klären Sie doch mal auf.

Sehr gern, aber das wird so manches Klischee zerstören. Der Titel Kurdirektor wird verliehen. De facto ist man Geschäftsführer einer GmbH. In unserem Fall mit etwas mehr als 140 Mitarbeitern an zwei Standorten. Was ich mache, ist Bäder-Management beziehungsweise Kurort-Management. Dazu gehören neben der Gästebetreuung eine Vielzahl an Aufgaben aus dem Technikbereich, der Therapie, der Marketing-Abteilung, dem Gartenbetrieb, und, last but not least, habe ich mich um das liebe Geld zu kümmern, also die kaufmännische Abteilung.

Was haben Sie in Ihrer Amtszeit denn auf den Weg gebracht?

Wir sind heute auf dem Weg von einem traditionellen Kurort alter Prägung hin zu einem modernen gesundheitstouristischen Ort. In dessen Mittelpunkt sollen künftig medizinische Wellness-Angebote stehen. Das war in den vergangenen zwei Jahren mit zahlreichen Ausbauten und einer neuen Angebotsstruktur verbunden. Wir haben dabei den Anteil der Privatzahler von 20 Prozent auf knapp 65 Prozent gesteigert. Das ist noch nicht das Ziel, das wir erreichen wollen, aber es war allerhöchste Zeit, sich der Herausforderung zu stellen, dass sich die Krankenkassen mehr und mehr aus den Kostenübernahmen herausziehen.

Sie wollen mit Wellness-Angeboten auf die Einsparungen im Gesundheitswesen reagieren?

Auch. Natürlich bauen wir einerseits weiterhin auf unser Kurangebot. Andererseits sind aber Eigeninitiative, Sachverstand und Fantasie gefordert, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen. Ich glaube, dass wir noch genügend Nischen haben, die es für Kurorte zu erobern gilt. Die Kurorte in Deutschland sind sehr gut dazu geeignet, in unserer hektischen Zeit Inseln zu bilden, auf denen die Menschen die Möglichkeit haben, zu einer bewussten Entspannung zu kommen. Sie können dafür sorgen, den Menschen das wiederzugeben, was ihnen im Moment genommen wird, nämlich Zeit. Der Begriff der Entschleunigung wird in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Kurorte sind dafür der richtige Ort, gerade auch, wenn man nur mal zwei oder drei Tage Auszeit nehmen will.

Kommen wir zurück in die Gegenwart. Wellness ist doch ein Modebegriff geworden, mit dem auch viel Schindluder getrieben wird. Woran kann man als Laie erkennen, ob ein Angebot überhaupt etwas taugt?

Es gibt in der Tat eine Vielzahl an Wellness-Angeboten, die mehr Schein als Sein sind. Gerade im Sinne des Verbraucherschutzes wollten wir uns davon bewusst abheben und haben innerhalb der vergangenen zwei Jahre im Deutschen Heilbäderverband Richtlinien erarbeitet, die für die Kurorte gelten. Dieses „Wellness im Kurort“ wird jetzt als ein Gütesiegel des Verbandes an die Orte verliehen, die die hohen Qualitätskriterien erfüllen. Angebote die dieses Siegel tragen, sind medizinisch gegengecheckt.

Wer ist die Zielgruppe dieser Wellness-Angebote?

Im Grunde natürlich jeder. Die Kernzielgruppe, die wir uns für die Sächsischen Staatsbäder gesetzt haben, ist die Altersgruppe der 35- bis 50-Jährigen. Wir wollen also ganz bewusst die Berufstätigen ansprechen . . .

. . . gerade für diese Altersgruppe sind Kurorte nun aber nicht gerade angesagte Reiseziele.

Die Kur für kranke und ältere Menschen ist eine Erscheinung, die wir eigentlich erst in den vergangenen zwanzig Jahren beobachten konnten. Zuvor war die Kur eher auch ein gesellschaftliches Erlebnis. Man ging in einen Kurort, um auch vorbeugend etwas für sich zu tun. Und genau das wollen wir wieder in den Mittelpunkt rücken: die Prävention. Darüber hinaus bieten wir alleine mit der Chursächsischen Veranstaltungsgesellschaft und der Chursächsischen Philharmonie jährlich 1000 Veranstaltungen – von der Lesung bis hin zu Sinfonie-Konzerten. Mit unseren Spielstätten in beiden Orten können wir alle Genres bedienen: Theater, Oper, Operette.

Nun gibt es aber in Deutschland mehr als 300 Kurorte, die ihren Gästen viel zu bieten haben. Warum sollte man gerade nach Bad Brambach oder Bad Elster kommen?

Oh, da gibt es eine Menge Gründe. Im medizinischen Bereich etwa haben sich die einzelnen Kliniken spezialisiert. Wir haben hier Europas größte Naturheilklinik, die Köhler-Park-Klinik. Wir haben in Bad Brambach die stärkste Radon-Quelle der Welt. Bad Elster ist traditionell bekannt für seine Mooranwendungen. Die Paracelsus-Klinik ist hervorragend bei der onkologischen Nachsorge aufgestellt. Wir haben 2400 Klinikbetten in beiden Orten. Und darüber hinaus liegen wir mitten im Vogtland, wodurch wir als touristisches Ziel für alle, die Erholung suchen interessant sind. Außerdem braucht man von Berlin aus nur wenige Autostunden, um hierher zu kommen – das ist auch für einen Kurztripp interessant.

Nun war die DDR ja nicht gerade für ihre architektonischen Höchstleistungen bekannt. Sind Bad Brambach und Bad Elster Plattenbau-Kurorte?

Aber nein. Wir haben natürlich Hinterlassenschaften in Form von Plattenbauten. Die sind zum Glück so weit saniert. Auch für einige brachliegende Immobilien suchen wir noch ernsthafte Investoren. Im Großen und Ganzen sind wir aber sehr weit bei der Stadtbildpflege und Sanierung. Deshalb hängt uns dieses Erbe nicht übermäßig nach, es ist zum Glück auf einzelne Gebäude beschränkt. Die meisten Gäste erkennen heute gar nicht mehr, ob die Orte einst im Westen oder Osten lagen.

Wieviele Gäste haben Sie pro Jahr?

Knapp unter 50 000 mit insgesamt 850 000 Übernachtungen. In den Kliniken liegt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei 21 Tagen, in den privaten Unterkünften bei neun Tagen.

Wo sehen Sie die Region Vogtland in zehn Jahren?

Wir werden mit den Bädern in Westböhmen, in Bayern, Thüringen und hier in Sachsen eine der konzentriertesten Bäderregionen in Europa sein. Darunter werden Namen sein wie Karlsbad, Marienbad, Franzensbad. Daran arbeiten wir bereits. Wir wollen das ,Kurherz Europas’ werden.

Das Gespräch führte Roland Koch.

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