Zeitung Heute : Ruhig Blut

Umfragewerte schlecht wie nie, Laune bestens. Ein schwer angeschlagener Kanzler zeigt Zuversicht – und gibt damit Rätsel auf

Peter Siebenmorgen

Mittwoch, 18 Uhr 40, der Helikopter des Bundesgrenzschutzes hebt im Garten des Kanzleramtes ab, und die sechs Passagiere blicken auf den gut besuchten Biergarten im Spreebogen. „Die haben es gut“, findet der Bundeskanzler, sitzen da, während er arbeiten muss. Es ist der erste richtige Sommertag in diesem Jahr.

Rasch, gerade einmal zehn Minuten dauert das, geht es über Berlin hinaus nach Potsdam, wo die brandenburgische SPD für den Abend zu ihrem Sommerfest geladen hat. Parteitermine im Angesicht der katastrophalen Meinungsumfragen – am nächsten Tag wird gemeldet: nur noch 25 Prozent Zustimmung für die SPD bei der Sonntagsfrage –, Basisbegegnungen in Zeiten verheerender Wahlschlappen und düsterster Stimmung in den eigenen Reihen: Wenn das keine Arbeit ist, Schwerstarbeit.

Nach der Landung ein rascher Sprung in die bereitstehenden Limousinen, sieben Minuten später Begrüßung durch Matthias Platzeck, den brandenburgischen Ministerpräsidenten. Viele Kameras sind in solchen Tagen auf den Kanzler gerichtet, sehr viel mehr als sonst. Niemand will die nächste Ohrfeige für Gerhard Schröder – liegt sie nicht irgendwie in der Luft? – versäumen.

Nicht nur in Umfragen und bei Wahlen hagelt es ohn’ Unterlass. Auch bei den Traditionsverbänden der Arbeiterbewegung und den mittleren Kadern der Partei ist Feuer unterm Dach. Am Montagabend, beim Gewerkschaftsrat der SPD, war das besonders intensiv zu spüren. Franz Müntefering, der SPD-Vorsitzende, und DGB-Chef Michael Sommer, hatten mit Worten in die Begegnung der Partei- und Gewerkschaftsspitzen eingeführt, die eigentlich Brücke hätten werden sollen. Doch als wenig später Margret Mönig-Raane, Vize-Vorsitzende von Verdi, spricht und ihren mit allerlei angestaubten Sozialismen gefüllten wirtschaftspolitischen Instrumentenkoffer präsentiert, platzt Schröder das erste Mal an diesem Abend der Kragen. Frontal nimmt er die Funktionärin an, brüllt sie zusammen. Wenig später wiederholt sich das Spiel mit Sommer und IG-Metall-Chef Jürgen Peters. Ob die ihn schon abgeschrieben hätten, raus mit der Sprache, will er wissen. Wer vertritt hier denn Arbeitnehmervertreter-Interessen, ihr oder ich?, faucht der Kanzler hinterher.

Vorzeitig hat der Kanzler die Sitzung dann verlassen und betretene Gesichter zurückgelassen. Müntefering springt dem jetzt Abwesenden bei: „Mit euren Ausfällen gegen die SPD schadet ihr euch nur selbst!“ CDU und FDP seien der politische Gegner der Gewerkschaften „und nicht wir“.

Erstaunlicherweise spiegelt sich die deprimierende Stimmung bei den Basisbegegnungen kaum wider. Die vielen Unzufriedenen bleiben zu Hause, vielleicht sind sie doch nicht so verärgert, dass sie sich zu Störaktionen zusammenfänden. Zehn Tage vor dem Gewerkschaftsrat beispielsweise war Schröder in Herzogenrath bei Aachen auf dem Fest der Kreisjugendfeuerwehr. Überall nur freundliche Gesichter. Und ein Kanzler in Bärenlaune. Als die herangehende Feuerwehrjugend eine Geschicklichkeitsübung vorführt, wie man durch eine schmale Gasse einen Wasserschlauch zum Ausrollen auswirft, will der Ehrengast auch mal. „Mit der ruhigen Hand werfen!“, ruft ihm ein Zuschauer zu. „Die gibt es ja nicht mehr, die haben wir doch aufgegeben“, grinst der Regierungschef zurück. Dann wirft er mit einem gleichwohl ruhigen, konzentrierten Wurf den Schlauch aus, als hätte er das wochenlang geübt. „Naja, der Bundeskanzler ist ja auch ein bisschen Feuerwehrmann.“

An einem anderen Ort des Feuerwehrfestes stoßen sie Kugel. Im Schnitt kommen sie auf sechs bis acht Meter. Auch da will der Kanzler mitmachen, zieht die Jacke aus: „Lachen dürft ihr aber nur, wenn ich keine sechs Meter schaffe“, um die Kugel schließlich mit Kraft und wenig Technik auf acht Meter 90 zu schleudern.

Kraft und Ruhe, eine angesichts der politischen Konjunktur geradezu aberwitzig gute Verfassung – diesen Eindruck vermittelt Schröder derzeit nahezu allerorten. Zum Abschluss des Nato-Gipfels in Istanbul gibt er mit Außenminister Joschka Fischer, dem Grünen mit den hohen Meinungswerten und den nicht enden wollenden Wahlerfolgen, eine Pressekonferenz. Doch während Schröder wiederum den gut gelaunten, ausgeruhten Staatsmann gibt, sitzt sein Vize blass neben ihm, mal sein Brillenputztuch hin- und herfaltend, mal mit einem Stift herumnestelnd. Die Fragen der Journalisten beantwortet der Kanzler dann allesamt selbst. Bis eine Reporterin in englischer Sprache Auskunft begehrt. In ziemlich passablem Englisch antwortet der Kanzler, das mache besser der Bundesaußenminister, denn der „versteht Englisch besser als ich, ha, ha, ha“. Doch der wie aus dem Schlaf geweckte Fischer kann nur verwirrt um Wiederholung der Frage bitten: „Ich habe Sie nicht verstanden.“

Woher diese Stärke des schwer angeschlagenen Kanzlers kommt, kann keiner, der mit ihm tagtäglich zu tun hat, wirklich klären. Im Kanzleramt sagen sie, seit der Niederlegung des Parteivorsitzes sei Schröder wie befreit. Und mit der Agenda 2010 habe er zu einer Politik gefunden, von deren Richtigkeit er zutiefst überzeugt sei. Sollte er an seiner Partei scheitern, dann scheide er wenigstens ehrenhaft – verraten beim Versuch, das Vernünftige zu tun. Andere fügen zwei weitere Erklärungselemente hinzu: Wer in so viele Abgründe geschaut habe wie der Kanzler, den schrecke nichts mehr. Aber auch, dass Schröder fast schon den Eindruck mache, er kenne seinen Abschiedstermin ganz genau. Nicht weil er ein Angebot aus der Wirtschaft habe und demnächst hinwerfen werde. Vielleicht aber, weil er lange genug im politischen Geschäft sei, um zu wissen, wann es nicht mehr geht. Etwa nach einer verlorenen Landtagswahl, spätestens in Nordrhein-Westfalen.

Den Kanzler selbst kann man durchaus auf seine Zukunftschancen ansprechen. Ob er hinwirft? „Blödsinn!“ Ob er wirklich glaubt, die Wahl 2006 noch gewinnen zu können? „Schwierig, aber möglich.“ Ob er und seine SPD dafür nicht das Frühjahr 2006 lebend erreichen müssten? „Da liegt vielleicht das eigentliche Problem.“

Die Zuversicht, den richtigen Weg für sich gefunden zu haben, ist ein neuer Zug an Schröder. Aber wie seine Explosion beim Gewerkschaftsrat gezeigt hat, gibt es den alten Schröder auch noch, den, „der holzt, wenn er das Gefühl hat, man wolle ihm ans Leder“, wie das einer aus dem SPD-Vorstand, ein Weggefährte seit den 70er Jahren, ausdrückt. Und durch erste Erfolge seiner immer noch verfügbaren Ruppigkeit fühlt er sich bestätigt. Ganz kleinlaut haben die Gewerkschaftsbosse nach der Eskalation angerufen und um Gütetermine im Kanzleramt nachgesucht.

Dass die Stimmung gegen Schröder, wie sie die Umfragedaten ausweisen, möglicherweise doch nicht so nachhaltig ist, wie es auf den ersten Blick scheint, zeigt sich ein weiteres Mal beim brandenburgischen Sommerfest am vergangenen Mittwoch. Heiter wäre wahrlich zu viel gesagt, aber freundlich ist das Umfeld schon, in dem sich Schröder da bewegt. Das beweist zum Beispiel die Szene, als der Landesvater, der auch in Meinungsumfragen ausgesprochen populäre Matthias Platzeck, auf die Bühne geht und zu den Seinen spricht. Zehn Minuten macht er das, und die Besucher des Sommerfests reden währenddessen weiter, prosten sich zu, kauen ihre Rostbratwurst. Danach betritt der Kanzler das Podium. Jetzt unterbrechen die Menschen ihre Gespräche, stellen die Gläser ab, schieben die Wurst zur Seite. Mit ungeteilter Aufmerksamkeit lauschen sie Schröder.

Was erwarten sie? Wegweisung aus dunkler Zeit? Streicheleinheiten für die verletzte sozialdemokratische Seele? Oder wollen sie einfach nur sehen, wie sich ein Kanzler in der Krise geriert? Wie stets bei seinen öffentlichen Kundgebungen ist der linke Arm auf das Rednerpult gelehnt. Locker wie am Tresen steht er da, sieht man ihn von dieser Seite, und so wird es während des gesamten Auftritts bleiben. Die rechte Hand hingegen, zunächst in der Hosentasche vergraben, wird im Lauf der Rede immer aktiver: Erst findet sie den Weg auf das Pult, dann in die Luft. Gleich werden die Gesten energisch und schnell – eindringlich, kraftvoll sind die Bewegungen jetzt alle. Und passen damit zu den verbalen Botschaften. Ein Manko an sozialer Gerechtigkeit, das ihm die Gewerkschaften vorwerfen? „Gerecht ist derjenige, der in Deutschland dafür sorgt, dass die Welt ein wenig friedlicher wird.“ Irak, Afghanistan, Balkan – mit wenigen Stichworten skizziert Schröder das Bild der „Bundeswehr als Friedensmacht“. Der erste größere Beifall.

Dann: „Wer, wenn nicht wir?“ kann die beiden überragenden Probleme der Gegenwart meistern – die Globalisierung und die Probleme der Demografie. „Wenn man wie ich über 60 ist, freut man sich natürlich darüber“, dass die Menschen heute eine längere Lebenserwartung haben, „Manfred Stolpe auch.“ Aber auch „unsere Kinder haben ein Recht darauf, ein Stück Wohlstand für sich zu reklamieren“. Die Zustimmung wird reger, Schröders Hände werden es auch.

Es sei doch eine ganz gute Veranstaltung gewesen, sagt Schröder beim Rückflug nach Berlin. Mit Zustimmung darf man die Freundlichkeit, mit der er bei Betriebsbesuchen und Ortsterminen an der Parteibasis aufgenommen wird, indessen nicht verwechseln. Dafür sind die Umfragen viel zu eindeutig. Aber vielleicht ist es sogar mehr wert, was der Kanzler gegenwärtig ansammelt: Respekt dafür, dass er jetzt einen erkennbaren, einen geradlinigen, dass er jetzt seinen Weg geht. Beim Irak-Streit waren sich auch seine Unterstützer nicht im Letzten sicher, wie viel Überzeugung und wie viel Populismus in seinen Botschaften steckte. Bei der Agenda 2010 kann es da kein Missverständnis geben: Die ist alles, nur nicht populär.

Das Anwachsen solchen Respekts glaubt Schröder zu spüren. Er setzt darauf, allmählich auch im Widerspruch Anerkennung als „Charakterkanzler“ zu finden. Selbst würde er ein solches Wort nicht gebrauchen, wahrscheinlich auch, weil er sich schon immer für einen solchen gehalten hat, aber mit einer solchen Diagnose kann er gut leben. Nach einem Termin wie dem in Potsdam fühlt er sich bestätigt. Und auf dem Rückflug mischt sich noch einmal ein anderer Eindruck ins Bild. Im hellen Abendlicht dieses herrlichen Tages sehen die Villenkolonien des Berliner Südens – in Wannsee, in Nikolassee, in Schlachtensee – noch einmal prächtiger aus als an gewöhnlichen Tagen. „Schön hier“, sagt Gerhard Schröder beim Blick aus dem Fenster, und es klingt fast ein wenig melancholisch.

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