Zeitung Heute : ruht Ball Wo der

Jürgen Klinsmann ist gern zu Hause in den USA. Dafür ist er oft kritisiert worden. Wie aber sieht sein kalifornischer Traum aus? Ein Besuch in Newport Beach.

Wolfram Eilenberger

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Es ist ein erhebendes Schauspiel. Menschen, die auf Wellen tanzen. Hunderte, vielleicht tausende Körper glitzern in der Sonne. Doch selbst den Cracks, die etwas weiter draußen in der Brandung lauern, gelingt es nur in den seltensten Fällen, ihre Welle bis ans Ende zu surfen. Zu kraftvoll schließen sich die Wogen, und, einmal im Tunnel, gibt es nur noch diese eine dünne Linie, die kein Abweichen und kein Zittern duldet. Jeden Morgen das gleiche Schauspiel. Jeden Tag des Jahres.

Das ist er also, der Traumstrand, von dem aus Jürgen Klinsmann den deutschen Fußball revolutionieren wollte, der Ort, den er so ungern verlässt. Keine Stunde von Los Angeles entfernt, den Highway 405 Richtung Süden, liegt Huntington Beach. Hier, in der „Surf City“, so wird es seit Jahren in Deutschland verbreitet, hat Jürgen Klinsmann mit seiner Familie eine neue Heimat gefunden. In einem schmucklosen Reihenhaus, vermelden die einen. In einer prachtvollen Villa am Hang, schreiben andere.

Huntington Beach ist keine offensichtliche Wahl. Schließlich stand Klinsmann damals, im Jahre 1998, als er seine Profi-Karriere überraschend für beendet erklärte, tatsächlich die ganze Welt offen. Doch er zog nicht zurück in seine Villa am Comer See, nicht in den mondänen Zwergstaat Monaco, dessen luxuriöse Gelassenheit er schätzen lernte, nicht in die Weltstadt London, die ihm einst zu Füßen lag, die er mit seinen Toren verzückte und auch nicht zurück in die gedrängten Gassen seiner geliebten Heimatstadt Botnang in Schwaben. Klinsmann brach auf in eine neue Welt, in eine schmucklose Siedlung am Pazifik, die sich auf Tagestourismus spezialisiert hat; ein Leben zwischen zahllosen Schnellrestaurants und Strandfummeln im permanenten Sonderangebot. Als größte Attraktion vermerkt Huntington Beach einen Walk of Fame, in dem sich jedes Jahr die Surf-Weltmeister verewigen.

Auf der pittoresken Holzpier von Huntington, die eine halbe Meile in den Pazifik ragt, pflegt Klinsmann handverlesene Journalisten zum Fototermin zu empfangen. Dort schwärmt er dann von der befreienden Normalität seines kalifornischen Alltags. Davon, wie er am Vormittag, die Kinder sind zur Schule gebracht, in einem Starbucks-Café den Laptop öffnet, um seiner Arbeit als Bundestrainer nachzugehen. Wie er drahtlos E-Mails versendet, Präsentationen entwickelt, Trainingspläne ausheckt oder per DVD die Laufwege von Michael Ballack analysiert. Unerkannt, ungestört, voll konzentriert, die Sonnenbrille ins T-Shirt gesteckt. Eine ungewöhnliche, eine höchst neiderzeugende Vorstellung, eine Vorstellung, die Jürgen Klinsmann in diesem Winter um ein Haar den Arbeitsplatz gekostet hätte.

Tatsächlich erweist sich der deutsche Bundestrainer in dieser Stadt als unbekannte Größe. Niemand weiß von seiner Existenz. Nicht die Friseuse, die leidenschaftlich auf Governor Schwarzenegger schimpft, nicht der Polizist, der den VW-Bussen der Surfer jeden Morgen seine Strafzettel an die Windschutzscheibe heftet, nicht einmal die Lokaljournalistin des „Huntington Beach Independent“. Selbst im Bürgermeisteramt zieht die Tourismusbeauftragte erstaunt die Augenbrauen hoch. Soweit sie wisse, seien in Huntington Beach überhaupt keine Prominenten ansässig, und von diesem Klinsmann und seiner amerikanischen Frau Debbie habe sie noch nie gehört. Die Vermutung, im Falle eines Titelgewinns könne die Stadt eine Art Wallfahrtsort für deutsche Fußballfans werden, ist ihr immerhin eine Notiz auf dem Arbeitsblock wert.

„Wo, sagten Sie, soll er wohnen?“

„In einer Villa in den Hügeln.“

„Es gibt aber keine Hügel in Huntington Beach.“

Da hat sie Recht. Es gibt auch keine Reihenhäuser in Huntington Beach. Seltsam.

Auf dem Fußballplatz weiß man auch in Kalifornien mehr. Die Tribüne des Fred-Kelly-Stadions ist halb gefüllt, das Spitzenspiel um die High-School-Meisterschaft steht in der Verlängerung und die Soccer-Mummies mit den dicken schwarzen Sonnenbrillen werden sich schnell einig. Klinsmann, der Name sagt ihnen etwas. Eine der Damen will sogar mit Mrs. Klinsmann zu Mittag gegessen haben. „Very nice people“ seien das. „Die wohnen drüben, in Newport Beach, aber am besten fragen sie Zak, der kennt ihn nämlich persönlich.“

Zak steht unten am Spielfeldrand. Ein massiger Typ mit dunklem Teint, die Arme verschränkt, den Zahnstocher im Mund. Zak Abdel war früher Ägyptens Nationaltorhüter und ist mittlerweile Torwarttrainer im Hauptberuf. Zuletzt arbeitete er für das Profiteam der Los Angeles Galaxy, bei dem auch Klinsmann über Jahre als sportlicher Berater tätig war. Zak erinnert sich gern an die Zeit mit seinem „very good friend Jurgen“. Natürlich hat auch er von den Schwierigkeiten des Bundestrainers gehört. Ob Zak sich vorstellen könne, Ägyptens Nationalteam hier von Kalifornien aus zu coachen? Der Gedanke scheint ihm keiner Erwägung wert. Allerdings müsse man es erst einmal mit eigenen Augen gesehen haben, dies Haus in den Hügeln von Newport Beach, in der Klinsmann „jedes Fußballspiel dieser Erde live empfangen könne“.

„Klinsmann wohnt also in Newport Beach?“ „Ja, Newport, ganz sicher.“

Es sind nur 20 Kilometer den Highway Number One Richtung Süden – und doch scheint hier eine andere Welt zu beginnen. An der Stadtgrenze wird der Besucher nicht etwa von einem simplen Ortsschild begrüßt, sondern von einem imposanten Triumphbogen. Die erste Ausfahrt führt zum Golf-Club, die zweite zum Yachthafen. Beim Ferrari-Händler blinken die Cabrios in der Sonne. Auf einer Verkehrsinsel sitzen zwei übergewichtige Schwarze auf Campingstühlen und halten ein „Marriot Suites – Illegal working conditions“-Transparent in die Luft.

„Newport Beach“, räumt Bürgermeister Don Webb ein, „ist kein gewöhnliches Städtchen.“ Man könne es als wohlhabend bezeichnen, genau genommen handle es sich um „eine der zwei, drei reichsten Gemeinden in den gesamten Vereinigten Staaten.“ Von einer besonderen Religiosität seiner Mitbürger würde er nicht sprechen, aber das Adjektiv „konservativ“ treffe es schon. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen erhielten die Republikaner hier zwei Drittel der Stimmen – das war deutlich über dem kalifornischen Landestrend.

Webb hat dafür eine einleuchtende Erklärung: „320 Tage Sonne im Jahr, extrem niedrige Kriminalität, 85 Prozent Weiße – Republikaner lieben einfach solche Orte.“ Womit der durchschnittliche Newporter so seinen Lebensunterhalt verdiene? „Das“, bekennt Webb, „frage ich mich auch des Öfteren.“ Eine Antwort hat er bisher aber nicht gefunden.

Auch Bürgermeister Webb hört den Namen „Klinsmann“ heute zum ersten Mal. Aber wenn es sein müsse, ließe sich ja nebenan im Verwaltungsbüro leicht feststellen, ob dieser Soccer-Star tatsächlich hier wohne. „Klinsmann, Juergen?“ Die Dame hinter dem Computer nickt. Die Adresse dürfe sie natürlich nicht mitteilen, aber ja, ein Herr dieses Namens zahle in Newport Beach seine Wasserrechnung.

Das ist aber auch schon fast alles, was diese Stadt vom deutschen Bundestrainer zu berichten weiß. In acht Jahren Gemeindeleben ist es der Familie offenbar gelungen, keine Spuren zu hinterlassen. Einzig beim edlen Herrenausstatter Gary’s pflegt man persönliche Erinnerungen. Ludwig, ein charmant näselnder Verkäufer, der zwar Amerikaner ist, aber fließend Deutsch spricht, erzählt von einem blonden, attraktiven Mann um die 40, der nach einem Blick in die Kundendatei als deutscher Bundestrainer identifiziert ist.

Vergangenen November war es, da betrat dieser Herr eilig das Geschäft, wehrte jede Beratung ab, nahm sich sechs schwarze Boss-Jeans aus dem Regal und wollte sofort zahlen. Als Klinsmanns Augen aber auf ein Armani-Jackett zum Preis von 2500 Dollar fielen, habe sich dann doch ein längerer Dialog entsponnen. „Das ist so ein Typ, der Schrauben in dich dreht“, erinnert sich Ludwig. Als der gewünschte Rabatt nicht gewährt wurde, habe Klinsmann seine Jeans gepackt und den Laden fluchend verlassen. Nicht, dass es Ludwig kümmern müsste. Er hat da ganz andere Kunden, die an einem „guten Tag auch mal 50 000 Dollar im Laden lassen“. Newport Beach eben. „Chi chi“, sagt Ludwig und hält den Zeigefinger von unten an die Nasenspitze.

Er selbst sagt von sich, dass er ja eigentlich auch ganz gut verdiene, so um die 150 000 Dollar im Jahr. Ein Domizil in Newport kann er sich deshalb noch lange nicht leisten, nicht einmal zur Miete. Eine Klinsmann-Adresse findet sich dafür in der Kundendatei. „Via Lido, direkt am Yachthafen.“

Klinsmanns amerikanische Anschrift entpuppt sich als Schließfach in einer Postfiliale, direkt vor den Toren der Halbinsel Via Lido. Wie 40 Prozent des Stadtgebietes von Newport Beach ist auch dieses Villenviertel eine „gated community“, ein dem öffentlichen Raum praktisch entzogenes, sorgsam überwachtes Wohngebiet, in dem private Sicherheitsdienste mit ihren Wagen patrouillieren. Nach der dritten Inselumrundung im Mietwagen taucht denn auch ein schwarzer Jeep im Rückspiegel auf und will partout nicht weichen. Es ist Zeit zu gehen. Hier kommt keiner unerkannt rein, oder raus.

Abgesehen von der Überwachung präsentiert sich Via Lido als das perfekte amerikanische Wohnidyll. In den Vorgärten flattern die Sternenbanner, die Doppelgaragen sind edel bestückt, auf futuristisch designten Spielplätzen toben Kleinkinder. Ab und an sieht man sogar einen Fahrradfahrer. Und auch für kulturelle Bedürfnisse scheint hier ausreichend gesorgt. Das Nachbarschafts-Theater bringt zum Ibsen-Jahr das „Puppenheim“ auf die Bühne, im nahe gelegenen Kino wird „Sophie Scholl – die letzten Tage“ im Original mit Untertiteln gezeigt.

Das wird er wohl sein, Klinsmanns wahr gewordener Traum von der ganz normalen Existenz, von der wohl behüteten, sorgenfreien Jugend, die er seinen Kindern in Amerika ermöglichen will. Oder hat eine Familie, die in solch einer Siedlung lebt, sich nicht eher ganz gezielt gegen die so genannte Normalität entschieden?

Ein Besuch beim Immobilienmakler komplettiert die Vorstellung von einem Leben in Newport Beach. Wie viel für ein Familienheim hier in der Gegend anzusetzen sei? „Da fangen wir bei fünf Millionen Dollar an.“ Nach oben sei die Grenze naturgemäß offen. Der Schauspieler Nicholas Cage habe hier unlängst ein 25-Millionen-Dollar-Anwesen mit Privatstrand erworben. Und der Basketballstar Kobe Bryant wohne gleich oben in den Hügeln.

Es sind aber nicht in erster Linie Berühmtheiten, die sich in Newport Beachs besten Lagen tummeln, sondern vielmehr Menschen, die, wie der Makler sich ausdrückt, „wirklich Geld haben“. Firmenbesitzer, Medienunternehmer, Chefs aus der IT-Branche. Gerade die Häuser an den Hängen seien einfach einmalig. Die Newporter Hügel veredeln das ohnehin traumhafte Klima Süd-Kaliforniens und von den dortigen Sonnenterrassen öffnet sich der Blick erhaben auf den Ozean. „Es ist hier wirklich wie im Paradies“, schließt der Makler seinen Vortrag.

„Paradies“, dieses Wort hört man immer wieder, wenn die Einwohner von Newport Beach ihre Stadt beschreiben. Auch die Traumfabrik Hollywood hat mittlerweile Gefallen an der Gemeinde gefunden. Unter dem Titel „The OC – Orange County“ wird jeden Dienstagabend die Nachfolgestaffel der legendären Kultserie „Beverly Hills 90210“ ausgestrahlt. Die Handlung, Adoleszenzkrisen im Milieu der Superreichen, spielt in Newport Beach.

Dabei hat die Stadt selbst erstaunlich wenig zu bieten. Genau genommen ist Newport Beach gar keine Stadt, sondern ein loser Verbund in sich abgeschlossener Siedlungen, der sich über 15 Kilometer den Pazifik entlangschlängelt. Der Yachthafen lädt zu schönen Bildern ein, und natürlich strahlt auch hier der Strand breit und weiß. Ist die Sonne aber erst einmal im Pazifik verschwunden, erweist sich Newport Beach als öde. Lediglich einige Bars entlang des Highway Number One haben bis 23 Uhr geöffnet, wer dann noch immer Durst hat, dem bleibt eigentlich nur noch der Gang zu Rodman’s – eine gewollt schäbige Sportbar, die vom exzentrischen Basketballprofi Denis Rodman betrieben wird.

Nach drei Tagen immer gleich bezaubernden Sonnentagen im Paradies hat sich das Notizbuch mit weiteren Erkenntnissen gefüllt: Im Paradies arbeiten nur Mexikaner körperlich. Im Paradies zahlt man für eine abgelaufene Parkuhr 52 Dollar Strafe. Im Paradies floriert die plastische Chirurgie. Und im Paradies reden und lächeln die Menschen tatsächlich so positiv wie Jürgen Klinsmann. Hier wünscht man einander keinen guten, sondern gleich einen „großen“ Tag („Have a big day!“), und selbst der Gang zur Restauranttoilette wird von einer unironischen Anfeuerung begleitet („Go for it!“). Newport Beach und Jürgen Klinsmann, da haben sich zwei gefunden.

Ist er das? Da drüben, dieser Schlanke mit der Baseballkappe, der einsam am Meer entlangjoggt und dabei die Füße immer ein wenig höher als nötig hebt. Der Bundestrainer im Sonnenaufgang, Klinsmann on the Beach?

Nein, das ist er nicht. Das kann er nicht sein. Denn Klinsmann ist längst in Deutschland eingetroffen. Früher als geplant. Gegen seinen Willen. Dort sitzt er, jetzt wahrscheinlich, auf einer Tribüne in irgendeinem Fußballstadion und zeigt Präsenz. Immer wieder fallen ihm während der Partie die Augen zu – und er kehrt zurück an den Strand seiner Träume.

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