Zeitung Heute : Rumänien auf dem Weg zur Tourismusnation

Klaus Klöppel

Durch Einzelengagement und Privatisierung wird der Tourismus wieder in Schwung gebrachtKlaus Klöppel

"Unsere Begleiterin Helga wurde von ihren Freunden gewarnt", erzählt Otto Vogt. "Lass bloß Deinen Schmuck zu Hause." Oder: "Bestimmt kommst Du ganz abgemagert zurück." Otto Vogt hat solche Vorurteile oft gehört. Schließlich reist er seit 17 Jahren nach Rumänien. Auch ihn plagen Gewichtsprobleme: "Jedesmal nehme ich hier ein paar Kilo zu. Wenn wir zu Freunden eingeladen werden, biegen sich die Tische."

Wir treffen Otto Vogt in Tulcea, einer 100 000 Einwohner zählenden Stadt im Osten Rumäniens. Tulcea ist wie Rom auf sieben Hügeln erbaut. Damit sind die Gemeinsamkeiten allerdings bereits erschöpft, denn Tulcea ist vor allem geprägt von grauen Betonfassaden und einem nahegelegenen Aluminiumwerk. Dennoch ist die Stadt als Reiseziel attraktiv: Sie liegt am wichtigsten Zugang zum Donaudelta. Hier starten die Ausflugsschiffe zu den drei Hauptarmen der Donau, hinein in das 4500 Quadratkilometer große Labyrinth aus unzähligen Nebenarmen, weiten Schilffeldern, kleinen und größeren Inseln.

Otto Vogt ist eine Institution in Tulcea. Beim ersten Besuch hatte ihn die einzigartige Naturlandschaft so fasziniert, dass er immer mehr davon erkunden wollte. Inzwischen kennt der pensionierte Krankenpfleger aus Ravensburg das Delta besser als die meisten Einheimischen. Sein Rat ist auch beim Bürgermeister gefragt.

In Tulcea hat er viele Freunde gefunden. Einer von ihnen ist Hristu Caraman, Chef des Hotel Delta, mit 234 Betten das größte Haus in Tulcea. Caraman hatte dort 1973 als Hilfskellner angefangen, wurde Oberkellner, Restaurantleiter, 1992 Pächter des staatlichen Hauses. Vier Jahre später kaufte er es. Otto Vogt habe ihm geholfen, verrät der Hotelier, das restliche Geld kam von einer Bank. "Ich habe zugegriffen, bevor andere wach wurden", sagt Caraman heute. Sein Hotel läuft gut, fast die Hälfte der Gäste kommt aus dem Ausland, meist Gruppenreisende, die für zwei oder drei Tage das Donaudelta erkunden wollen.

Caraman wirkt ähnlich bescheiden und besonnen wie sein schwäbischer Partner. Sämtliche Gewinne investiere er in das Haus, bei einer Inflationsrate von rund 100 Prozent die sicherste Methode gegen Wertverlust. Nachdem Küche, Heizung und Wasserversorgung saniert wurden, sind jetzt die Restaurants und Läden dran. Im nächsten Jahr will er Swimmingpool und Sauna einbauen, später soll die triste Fassade einen neuen Anstrich bekommen.

Wie Hristu Caraman setzt auch Cornel Gaina auf steigende Touristenzahlen im Donaudelta. Um ihn zu erreichen, folgen wir von Tulcea aus dem südlichen Donauarm Sfantu Gheorge. Die mit Schlaglöchern übersäte Landstraße führt eine Stunde lang durch abgeschiedene Dörfer wie aus einer anderen Zeit: einfache, aber gepflegte reetgedeckte Häuser, kaum eine Turmspitze ohne Storchennest, Eselskarren, Wasser aus Ziehbrunnen.

Vom Fischerort Murighiol bringt uns ein Boot zu der abgeschiedenen Insel von Cornel Gaina. Seine Firma Cormoran bietet dort 19 Doppelzimmer auf einem Hotelboot und in einer kleinen Pension. Eine gute, aber wenig bekannte Adresse für Naturliebhaber, Vogelfreunde, Angler und Jäger. Sie starten hier ihre Exkursionen.

Bisher hat Gaina überwiegend Gäste aus Rumänien, doch das soll sich ändern. In diesen Sommer eröffnet er ein Hotel für 68 Gäste mit Sauna, Fitnessraum, Swimmingpool und Tennisplatz. Restaurant und Zimmer sind geschmackvoll eingerichtet, Heizung und Klimaanlage lassen einen ganzjährigen Betrieb zu. Das Gemüse kommt aus dem eigenen Garten, der Fisch fangfrisch aus der Donau. 20 bis 22 Dollar pro Person soll das Zimmer mit Frühstück in dieser Saison kosten, etwa 30 Dollar in der nächsten.

Das Hotel Cormoran sei das erste, das nach 1989 im Donaudelta gebaut wurde, erzählt Cornel Gaina. Es soll um Drei- und Vier-Sterne-Bungalows ergänzt werden, auch an eine Landebahn für kleine Privatjets denkt er bereits. Die Genehmigungen für das Hotel hielten ihn eineinhalb Jahre auf Trab. "Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um hier zu investieren", meint er. Trotzdem hofft er, dass das eingesetzte Geld in zehn bis 15 Jahren wieder zurückfließt.

Noch sind es Einzelne, die mit viel Ausdauer und neuen Ideen den rumänischen Tourismus wieder in Schwung bringen wollen. Zu ihnen gehört auch Toni Messerschmidt. Seine Großeltern waren Griechen, er selbst ist in Rumänien aufgewachsen und lebt - mit einer Deutschen verheiratet - seit Mitte der 80er Jahre in Berlin. Doch von Mai bis September wirbelt er in Mamaia, dem größten Badeort an der rumänischen Riviera.

Wir erreichen Mamaia von Tulcea aus in rund 90 Minuten. Eine gut ausgebaute Straße führt südwärts durch die Dobrudscha, die Kornkammer des Landes, mit scheinbar endlosen Weizen-, Sonnenblumenfeldern und Weingütern. Mamaia liegt auf einer Landzunge zwischen dem Meer und dem Süßwassersee Siutghiol. Der zehn Kilometer lange feine Sandstrand zog schon Anfang des Jahrhunderts Urlauber an. Heute gibt es etwa 21 000 Hotelbetten.

Im Zentrum des Badeortes betreibt Messerschmidt mit seinem Bruder seit vier Jahren eine Strandterrasse, die sich von den meisten unterscheidet: Das Essen, der Service, und das Ambiente stimmen. Zu Toni kommen griechische Studenten aus der nahen Hafenstadt Constanta, rumänische und deutsche Touristen - und manchmal andere Restaurantbesitzer, die sein Erfolgsrezept studieren wollen. Das Rezept des 43-jährigen ist für Rumänien noch ungewohnt: "Alles für die Gäste." Sein Arbeitstag hat selten weniger als 16 Stunden, die Woche immer sieben Tage. Er kümmert sich um jeden Gast, ohne dabei aufdringlich zu wirken.

Seit dem vergangenen Jahr ist Messerschmidt auch als Reiseveranstalter erfolgreich. Die meisten deutschen Gäste auf Tonis Terrasse kommen schon seit Jahren nach Mamaia - vor allem wegen der niedrigen Preise. Ein Fischgericht kostet im Schnitt sechs Mark, der Eintritt in die Disco zwei Mark, die Stunde Surfuntericht 20 Mark. Viele alleinreisende Männer - und manche Frauen - schätzen besonders das gute Preis-Leistungs-Verhältnis bei körpernahen Dienstleistungen.

"Früher kamen so viele Ausländer, dass rumänische Gäste wieder aus den Hotels ausquartiert wurden", erinnert sich Messerschmidt an die späten 70er Jahre. Damals zählte Rumänien mehr als 200 000 Touristen aus West-Deutschland und fast genauso viele aus der DDR. Durch staatliche Drangsalierung und sinkenden Service gingen die Gästezahlen mit den Jahren immer weiter zurück. Auch heute gibt es noch manche Beeinträchtigungen. Graue Fassaden, verfallene Strandbuden oder verrostete Spielgeräte stören den Blick, der Service in den meist noch staatlich geführten Hotels und Restaurants lässt gelegentlich zu wünschen übrig. Besser sieht es in den wenigen bisher privatisierten Objekten aus. Bis nächstes Jahr will die neue konservative Regierung in einem gewaltigen Kraftakt den gesamten Tourismussektor in private Hände überführen. Dann werde auch der Schlendrian verschwinden, hofft Messerschmidt. "Rumänien ist wieder im Kommen." TIPS

Anreise: Die rumänische Fluggesellschaft Tarom fliegt von Berlin direkt nach Constanta. Von dort sind es etwa 20 Kilometer nach Mamaia und etwa 65 Kilometer nach Neptun und Olimp.

Der direkte Weg ins Donaudelta führt von Constanta aus per Bahn nach Tulcea oder per Flugzeug über Bukarest nach Tulcea.

Währung: Die rumänische Währung ist der Lei. Derzeit gibt es für eine Mark etwa 8200 Lei.

Veranstalter: Von den großen Reiseveranstaltern hat derzeit nur Neckermann Rumänien im Programm. Daneben gibt es mehrere kleine Spezialveranstalter, unter anderem Sofrone Reisen, Brauhofstraße 1, 10587 Berlin. Zwei Wochen mit Flug, Übernachtung und Frühstück gibt es ab etwa 650 Mark.

Auskunft: Rumänisches Fremdenverkehrsamt, Budapester Straße 20"a, 10787 Berlin; Telefon: 241 90 41. Siebenbürgen/ RumänienNach fast einem halben Jahrhundert kommunistischer Diktatur geht der Wandel in eine demokratische, marktwirtschaftliche Gesellschaft nur langsam voran. Wie sich dieser Wandel im Alltag bemerkbar macht, können Sie auf folgender Studienreise im Gespräch mit Siebenbürgern erfahren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar