Zeitung Heute : Rumänien: Dracula und Disney

Knoblauch, Kruzifix und Weihwasser - wüsste Graf Dracula, dass sein Heimatland Rumänien sein Erbe touristisch ausschlachten will, fände er im Grab keine ruhige Minute mehr. Nach dem Willen der Regierung in Bukarest soll der seit über 500 Jahren tote Graf mit seinem Namen einen gigantischen Freizeitpark veredeln, der im kommenden Jahr in Transsylvanien eröffnet werden soll: "Dracula-Land".

Der Vorzeige-Vampir, so hofft die Regierung unter Präsident Ion Iliescu, könnte sich als Heilsbringer erweisen. Schließlich war sie im Dezember mit dem Versprechen angetreten, der maroden rumänischen Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Dracula spielt dabei eine Hauptrolle. Mangels Bodenschätzen und angesichts einer nicht vorhandenen Dienstleistungsindustrie müssen Touristen das Geld ins Land bringen, lautet die einfache Rechnung aus Bukarest. Der Blutsauger soll zum Dollar-Sauger werden.

Eine Vorstellung, die Dracula-Kenner schaudern lässt. "Soll es ein Vampir-Land werden, ein geschmackloser Freizeitpark, in dem die Mickey-Maus-Ohren durch Graf-Dracula-Zähne ersetzt werden?", fragt sich die kanadische Dracula-Forscherin Elizabeth Miller. "Eine grausame Vorstellung. Man könnte es schon gut machen. Aber wird es gut gemacht sein?" Das will Miller noch im Mai auf einem Kongress internationaler Dracula-Experten in Rumänien klären.

Für Raul Mihai, Leiter von Schloss Bran - besser bekannt als Schloss Dracula - stellen sich solche Fragen nicht. "Dieses Projekt führt direkt zum Wohlstand", glaubt er. Sein fotogenes Schloss liegt 180 Kilometer nördlich von Bukarest, inmitten der fast immer schneebedeckten Karpaten. Bereits jetzt kommen jährlich 200.000 Besucher und kaufen begeistert Vampirpuppen oder "Schloss-Dracula-Baseball-Schläger". "Es könnten aber noch weitaus mehr Menschen sein, besonders Ausländer", ist Mihai überzeugt. Über die Gestaltung von "Dracula-Land" laufen bereits Verhandlungen mit deutschen, amerikanischen und holländischen Firmen. Ob Schloss Bran den Zuschlag bekommt, ist aber noch alles andere als sicher. Denn es hat einen Nachteil: Dracula hat hier nie gelebt.

Ohnehin hat der nach Blut lechzende Vampir, der erst durch den 1897 erschienenen Roman des Iren Bram Stoker zu Berühmtheit gelangte, mit dem historischen Grafen kaum etwas zu tun. Vlad Tepes, wie "Dracula" laut Stammbuch hieß, mag brutal gewesen sein. Seiner Vorliebe, Feinde aufzuspießen, verdankte er immerhin den Beinamen "der Pfähler". In ihre Hälse biss er hingegen nicht - zumindest, wenn man den Dokumenten der Zeit glaubt. Vielmehr verehren die Rumänen den von 1456 bis 1462 herrschenden Grafen, weil er gegen die türkische Invasion in Europa kämpfte. Und weil er als Vorbild der Moral und Rechtschaffenheit gilt - ganz anders als die als korrupt verschrieenen rumänischen Politiker von heute.

Miller fürchtet, "Dracula-Land" könne dem Bild des historischen Grafen Kratzer zufügen. "Das wäre eine Katastrophe - das Land würde damit seine Kultur und Geschichte verleugnen." - "Die Wirklichkeit ist manchmal nicht entscheidend", kontert Mihai. Er verweist auf das Sherlock-Holmes-Museum in London oder die touristischen Stätten rund um Romeo und Julia in Verona. Doch neben Schloss Bran konkurrieren noch andere transsylvanische Orte um den Rang der besten Dracula-Gedenkstätte. Darunter ist auch das mittelalterliche Dorf Sighisoara, Tepes& Geburtsort. Es gehört zum Welt-Kulturerbe der Unesco. Außerdem im Rennen: Bistrita. Dort soll der Roman-Dracula gelebt haben.

Tourismus-Minister Matei Dan hält sich bedeckt. Seine Pläne sind genauso mysteriös wie der fiktive Dracula. "Alle, die sich dafür interessieren, wird das Ergebnis überraschen", sagte sein Sprecher kürzlich. "Debatten wie "Dracula gegen Vlad Tepes" können wir ruhig der Rumänischen Akademie der Wissenschaften überlassen. Wir sind nur an einem erfolgreichen touristischen Produkt interessiert, das Profite bringt."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben