Zeitung Heute : Rumble in the Jungle

Das Große Tropenhaus im Botanischen Garten muss gründlich saniert werden

Michael Krebs

Hundert Jahre gehen an niemandem spurlos vorüber. Dies gilt auch für das Große Tropenhaus des Botanischen Gartens Berlin-Dahlem, das in den Jahren 1905 bis 1907 nach Plänen des Königlichen Baurates Alfred Koerner erbaut wurde. Der Zahn der Zeit hat mächtig genagt: Korrosion an der Stahlkonstruktion, Materialermüdung der Verglasung, enorme Energieverluste durch eine undichte Hülle und eine völlig überalterte Technik. Eine umfassende Grundsanierung ist dringend notwendig, wenn das denkmalgeschützte Wahrzeichen nicht in absehbarer Zeit für Besucher und Wissenschaftler geschlossen werden und der wertvolle Pflanzenbestand verloren gehen soll.

Im mit Abstand ältesten „Berliner Dschungel“ können die Besucher seltene exotische Pflanzen bestaunen, für die man sonst gleich mehrere Expeditionen in unterschiedliche tropische Länder der Alten und Neuen Welt unternehmen müsste. Die letzte Inventur ergab 1358 verschiedene Pflanzenarten. Viele der für ein Gewächshaus geradezu riesigen Exemplare sind kostbare Seltenheiten, die – wie der Leberwurstbaum (Kigelia africana) – in ihrer Heimat vom Aussterben bedroht sind. Mit dem Großen Tropenhaus kommt der Botanische Garten seiner ureigensten Aufgabe nach, „Arche Noah“ für gefährdete Pflanzenarten zu sein. Gleichzeitig begeistert er breite Bevölkerungsschichten für botanische und ökologische Zusammenhänge. Auch Wissenschaft, Lehre und Forschung, besonders zur Biodiversität, kommen in der „Schildkröte“, wie das Gebäude von den Gärtnern liebevoll genannt wird, nicht zu kurz.

Nicht weniger imposant ist der Bau aber auch aus architektonischer Sicht. Das Große Tropenhaus gilt bis heute international als Rarität, unter anderem, weil seine eiserne Tragwerkskonstruktion außen liegt und die Glasfassade innen eingehängt ist. Mit einer Grundfläche von 1740 Quadratmetern, einer Höhe von 25 Metern und einem Rauminhalt von nahezu 40 000 Kubikmetern zählt das Gebäude bis heute zu den größten freitragenden Gewächshäusern der Welt.

Die letzte grundlegende Sanierung des Großen Tropenhauses liegt inzwischen über 40 Jahre zurück. Der Wiederaufbau erfolgte von 1963 bis 1968, nachdem das Haus bei einem Luftangriff im Herbst 1943 weitgehend zerstört worden war. Bis auf einige gerettete Palmfarne (Cycadeen), die, den Anekdoten der Gärtner zufolge, auf privaten Küchentischen überlebten, gingen damals alle Pflanzen verloren. Glück im Unglück: Die eingesetzten Sprengbomben zertrümmerten zwar die komplette Verglasung, beschädigten die eiserne Tragkonstruktion jedoch kaum, da kein Feuer ausbrach. Das mächtige Stahltragwerk – alleine die Hauptbögen sollen nach bauzeitlichen Angaben etwa 400 Tonnen wiegen – ist noch heute in so gutem Zustand, dass es auch nach einer Sanierung weitgehend erhalten bleiben kann.

Bei anderen Teilen des komplexen Bauwerks gilt das Gegenteil. Alle technischen Anlagen sind stark überaltert und entsprechend störanfällig, das Ausfallrisiko ist hoch. Die kranartige Befahranlage zur Pflege der riesigen Pflanzen und zur Wartung der Glashülle von innen kann nicht mehr eingesetzt werden. Zahlreiche feine Haarrisse durchziehen die großflächigen Acrylglasscheiben und reduzieren die Lichtausbeute für die Pflanzen. Größere Risse und fehlende Dichtungen lassen Wind und Kälte eindringen, was nur durch übermäßigen Einsatz teurer Heizenergie kompensiert werden kann. Das Große Tropenhaus verbraucht gegenwärtig etwa ein Drittel des gesamten Energiebedarfs des Botanischen Gartens.

Für die dringend anstehende Grundsanierung haben sich die Generalplaner „Haas Architekten“ aus Berlin in einer europaweiten Ausschreibung gegen international renommierte Wettbewerber durchsetzen können. Das Projekt wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Botanischen Garten, der Bauabteilung der Freien Universität Berlin, dem Landesdenkmalamt und den beteiligten Senatsverwaltungen vorbereitet. Sollte der Hauptausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses am 15. Februar grünes Licht geben, könnte noch in diesem Jahr mit den vorbereitenden Baumaßnahmen begonnen werden.

Die Kosten für die Sanierung belaufen sich auf 16 Millionen Euro. Finanziert werden soll das Vorhaben aus Mitteln des Umweltentlastungsprogramms (UEP) und der Hochschulbauförderung (HBFG), die unterschiedliche EU-, Bundes- und Landesanteile enthalten. Weitere Mittel stellen die Deutsche Klassenlotterie Berlin und die Freie Universität Berlin beziehungsweise der Botanische Garten als Eigenanteil zur Verfügung.

Das Hauptaugenmerk der Sanierung wird auf der Halbierung des Energiebedarfs liegen. Die großflächigen Acrylglasscheiben der 1960er Jahre werden durch eine hochwertige Wärmeschutzverglasung ersetzt. Dem Denkmalschutz lag viel daran, dass die Glasscheiben deutlich kleinteiliger werden, so dass sich der optische Gesamteindruck des Großen Tropenhauses wieder dem historischen Zustand annähert. Eine innovative, kaum sichtbare Fassadenheizung ist wichtiger Bestandteil des neuen Heizsystems. Es wird im Zusammenhang mit dem Einsatz modernster Lüftungstechnik zur effizienten Verteilung der Wärme beitragen und die Glasfassade weitgehend kondenswasserfrei halten.

Die augenfälligste Neuerung dürften zwei bis kurz unter die Decke reichende senkrechte Lüftungsrohre mit etwa anderthalb Metern Durchmesser sein. Sie werden als riesige Urwaldbäume perfekt getarnt und sollen die nach oben steigende warme Luft wieder nach unten absaugen. Die zur Kühlung und zur Erhöhung der Luftfeuchtigkeit benötigte Vernebelungsanlage wird auf den neuesten Stand gebracht und die Regenwassernutzung für das Große Tropenhaus ökologisch sinnvoll optimiert. Im Zugangsbereich entsteht durch Ersatz des alten Zwischenbaus ein neues weiträumiges Foyer als Anbindung zwischen Victoriahaus und Großem Tropenhaus.

Bauen im Bestand ist immer ein Abenteuer – und für die Gärtner des Botanischen Gartens eine Herausforderung. Die Pflanzen in den Fassade nahen Randbeeten müssen, teils per Gabelstapler, in riesige Kübel umgesetzt und in Provisorien geparkt werden, um Platz für das Baugerüst und die Tiefbauarbeiten in den unterirdischen Katakomben zu schaffen. Das erfordert das ganze Können der Gärtner, damit die liebevoll herangezogenen Gewächse im Großen Tropenhaus möglichst keinen Schaden nehmen. Die kostbaren Riesen in den Mittelbeeten dagegen, etwa der Riesenbambus (Dendrocalamus gigantea) oder die Silberweiße Beeren-Dreizackpalme (Coccothrinax argentea), dürfen während der Bauphase an Ort und Stelle weiter wachsen. Um sie zu schützen, wird eine klimatisierte Traglufthalle gebaut, in der sie „eingehaust“ werden.

Während der Sanierungsarbeiten bleiben das Große Tropenhaus und das Victoriahaus geschlossen, die übrigen 14 Schauhäuser sind nicht betroffen. Zum Ausgleich sind für interessierte Besucher spezielle Events mit fachkundigen Führungen geplant. Sie sollen einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen – bis das Wahrzeichen Ende 2008 in neuem Glanz erstrahlt.

Der Autor ist promovierter DiplomAgraringenieur und Betriebsleiter/Technischer Leiter am Botanischen Garten und Botanischen Museum der Freien Universität Berlin.

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