Zeitung Heute : Rummelsburger Bucht: Zögerliches Baugeschehen

Harald Olkus

Die roten Backsteingebäude des ehemaligen preußischen Arbeitshauses an der Rummelsburger Bucht sind immer noch hinter hohen Mauern versteckt. Das vom ehemaligen Berliner Stadtbaurat Herrmann Blankenburg im Stil der Schinkelschule gestaltete Ensemble war schon von den Nationalsozialisten in eine Haftanstalt umgewandelt worden. Die DDR behielt diese Nutzung bei. Als prominentester Häftling saß hier nach der Wende Erich Honecker für einige Tage ein. Während die Gitter, Zellenwände und Anbauten nach der Schließung entfernt und der "hohe ästhetische Anspruch" der Anlage wieder hergestellt wurde, ist die Mauer aber geblieben und schottet das sieben Hektar große Gelände von der Außenwelt ab.

Eigentlich hätte aus dem Ensemble mit dem schmucken Wasserturm aus Backstein ein "Gerichtsgarten" werden sollen: Das Land Berlin hatte geplant, die auf verschiedene Standorte in der Stadt verteilten Sozial-, Verwaltungs-, Mahn- und Arbeitsgerichte hier zusammenzufassen. Doch Justizsenator Eberhard Diepgen und Stadtentwicklungssenator Peter Strieder haben sich auf Druck der Richter im März dagegen entschieden. Für die landeseigene "Wasserstadt GmbH", die das Entwicklungsgebiet rund um die Rummelsburger Bucht betreut, ist das ein "Schlag ins Kontor".

Mit der Nutzung der 19 Gebäude durch die Justiz hätte die Wasserstadt GmbH in einem Schwung einen großen Teil ihrer denkmalgeschützten Altbausubstanz an der Rummelsburger Bucht an den Mann gebracht. Und wäre so dem in mehreren Etappen geplanten Umbau des ehemaligen Industriestandortes in ein attraktives Mischgebiet für Wohnen und Dienstleistung am Wasser ein gutes Stück näher gekommen. Jetzt muss sich die Entwicklungsgesellschaft nach einem neuen Großnutzer für das ehemalige preußische Arbeitshaus umsehen.

"Es wäre ein hervorragender Standort für eine private Universität oder Forschungseinrichtung", sagt Jörn Oltmanns von der Wasserstadt GmbH. Auch als "Headquarter" eines internationalen Konzerns oder eines großen Medienbetriebes würden sich die Backsteinbauten eignen. Der Entwicklungsträger des Landes Berlin will mit dem Areal jetzt unter dem Namen "BerlinCampus" in die Vermarktung gehen. Falls sich kein Interessent finden sollte, könnten die früheren Sozialbauten mit ihren hohen Decken auch in Scheiben unterteilt und in so genannte "Terraces" umgewandelt werden, sagt Oltmanns. Eine zeitgemäße Version solcher "gestapelten Einfamilienhäuser - nach dem Vorbild der englischen Terraced Houses, den Hamburger- und Bremer Bürgerhäusern oder den Grachtenhäusern in Amsterdam - sollen nebenan auf dem Gelände des ehemaligen Friedrichs-Waisenhauses als Neubauten errichtet werden.

Bislang sind etwa ein Drittel der geplanten Bauvorhaben am Rummelsburger Ufer und auf der Stralauer Halbinsel realisiert. Die 500 Wohnungen des Wohngebiets Rummelsburg 1 seien voll vermietet und auch auf der Stralauer Halbinsel sei der Vermietungsstand der geförderten wie auch der frei finanzierten Wohnungen dank der attraktiven Wasserlage hoch, sagt Oltmanns. Aber große Teile des früheren Industriegebiets liegen noch brach. Für das Areal der ehemaligen Glaswerke Stralau existieren zwar Verträge mit einem internationalen Webcenter-Betreiber, der die vier denkmalgeschützten Bestandsbauten durch Neubauten ergänzen will. Der Flaschenturm der Engelhardt Brauerei im Stil der Neuen Sachlichkeit, das Werkstattgebäude der Glaswerke mit ihrer schräg durch das Gebäude angelegten Durchfahrt für Eisenbahnwaggons würden so saniert und in das Projekt integriert. Doch die Talfahrt auf dem Neuen Markt verzögert das Projekt.

Das Gebäude der ehemaligen Teppichfabrik Protzen und Sohn ist ebenfalls denkmalgeschützt und befindet sich im Eigentum der Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft (TLG). Bislang existiert zwar eine Umnutzungsplanung, aber von einem Verkauf oder Baustart ist nichts bekannt. Auch die Viterra tut sich schwer, eine Nutzung für den alten Palmkernölspeicher auf der Halbinsel zu finden: Mangelnde Parkmöglichkeiten stehen einem Umbau in edle Wohnlofts entgegen.

Am "Paul und Paula Ufer", einem Drehort des kultigen DEFA-Spielfilms, wo bislang noch ein altes Pumpenhäuschen steht und "Trecker Becker" seine Bauwagen lagert, plant die Wasserstadt GmbH den Bau des "Quartier Ostkreuz" - ein Komplex mit 111 000 Quadratmetern Laden- und Bürofläche sowie 25 000 Quadratmeter Wohnungen. "Doch bevor die Deutsche Bahn nicht mit der Sanierung des S-Bahnhofs Ostkreuz begonnen hat, ist ein Baubeginn wenig sinnvoll", sagt Oltmanns. Die Investoren näher an der Innenstadt gelegener Baugrundstücke zögern mit dem Bau für Büroflächen zwischen Holzmarkt und Osthafen.

Als Gewerbeflächen werden bislang einige Gebäude auf der Halbinsel Stralau sowie Teile des geplanten Gewerbegebiets Klingenberg auf der anderen Seite der Rummelsburger Bucht genutzt. Hier wurde Industriegeschichte geschrieben: Zum einen gründete der Chemiker Paul Mendelssohn Bartholdy 1867 die Gesellschaft für Anilin-Fabrikation, aus der später die Agfa wurde. Zum anderen erfand hier der Chemiker Paul Schlack 1938 das Perlon, der Stoff aus dem die Kunst-Seidenstrümpfe sind. In Betrieb befindet sich nur das ehemalige Produktionsgebäude der Agfa- und Aceta-Werke. Neben verschiedenen Firmen sitzt in diesem Backsteinbau die AEG.

Die Wasserstadt GmbH will das ehemalige Agfa- und Aceta-Gelände zum Gewerbegebiet mit maritimem Schwerpunkt ausbauen. Die Bestandsbauten aus Backstein sollen durch Neubauten ergänzt werden, in denen sich Reparaturwerften für Yachten und Schubverbände ansiedeln sollen. Auch die Liegestelle der Deutschen Binnenreederei soll hierher verlagert werden.

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