RUMPEL-ROCKThe Kills : Magische Gerippe

Jörg W er

Reduktion und Überfluss sind seit jeher gegenläufige Tendenzen der populären Musik. In den Dreißigern existierten in Paralleluniversen knochenklappernder Blues und Broadway-Bombast. In den Sixties stellten Velvet Underground die Soundkathedralen von „Pet Sounds“ und „Sgt. Pepper’s“ in Frage. Heute gibt es Bands wie The Kills, die mit ihren auf ein strukturelles Minimum begrenzten Songs das Muskelspiel vieler Mitbewerber kontern.

Natürlich mussten sich die Amerikanerin Alison Mosshart und der Brite Jamie Hince, die 2000 in London zusammenfanden, Vergleiche mit den White Stripes gefallen lassen: Frau und Mann in unübersichtlichen Beziehungsverhältnissen (wohl eher eine Seelenverwandtschaft, Hince ist seit kurzem mit Kate Moss liiert) fabrizieren rumpelnden Garagenrock mit multiplen Bezügen zur altvorderen Popgeschichte, insbesondere zu archaischen Bluesspielweisen. Aber davon abgesehen, dass The Kills sogar auf die Planstelle der Schlagzeugerin verzichten und ihnen der angestrengte Stilwille von Jack und Meg abgeht, haben sie mit ihrem dritten Album die Nase vorn. „Midnight Boom“ ist eine großartige halbe Lehrstunde in der Kunst des „Less is more“: zwölf auf das kathartische Gerippe von Maschinenrhythmen, Hinces schlängelnden Gitarrenriffs und Mossharts erotisch aufgeladenem Gesang abgemagerte Songexplosionen. Noch die harmloseren klingen wie Hits, die die Breeders oder Yeah Yeah Yeahs zu schreiben vergessen haben. Die besten dagegen, etwa das bitterböse „Last Day of Magic“ oder das machtvoll dröhnende „What New York used to be“, pusten einen schlichtweg um. Jörg Wunder

Maria am Ostbahnhof, Do 3.4., 21 Uhr,

15 € + VVK BJ040

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