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Die erste bundesweite Studie zu Ganztagsschulen liegt vor. Wie erfolgreich ist dieses Modell?

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Als eine der größten Bildungsreformen feierte die damalige Bundeswissenschaftsministerin Edelgard Bulmahn die rot-grünen Pläne zur Ganztagsschule. Vier Milliarden Euro gab die Regierung her, um von 2003 bis 2009 die Zahl solcher Schulen auszubauen. Per Definition sind Ganztagsschulen Lehreinrichtungen, die an mindestens drei Tagen der Woche ein ganztägiges Angebot haben.

Das Projekt der rot-grünen Regierung war allerdings von Anfang an umstritten. Ähnlich wie bei der jetzigen Debatte über Krippenplätze, glaubten Kritiker, Ganztagsschulen könnten dem Familienleben schaden – denn durch die Ganztagsbetreuung würden die Kinder ihren Eltern entzogen. Und Deutschlands Vereine fürchteten einen erheblichen Nachwuchsmangel, sollten Kinder und Jugendliche auch ihre Nachmittage in der Schule verbringen.

Nun ist die erste bundesweite „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ veröffentlicht – und sie räumt mit einer ganzen Reihe der Vorurteile von damals auf. Allerdings weist sie auch auf Schwachpunkte des Konzepts hin. Für die Studie wurden im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mehr als 30 000 Schüler, 22 000 Eltern und 8800 Lehrer an insgesamt 373 Ganztagsschulen befragt.

Die wenigsten der 8226 deutschen Ganztagsschulen haben ein verpflichtendes Nachmittagsprogramm an allen fünf Wochentagen im Angebot. Die Mehrheit bietet dreimal in der Woche eine Nachmittagsbetreuung an – allerdings ist die nicht verpflichtend. Die Freiwilligkeit trägt dazu bei, dass Eltern die Ganztagsschule leichter akzeptieren. Allerdings wird dadurch eine kontinuierliche Arbeit mit den Schülern erschwert.

40 Prozent der Schüler, die Ganztagsschulen besuchen, nutzen auch das Nachmittagsangebot. „Angesichts der kurzen Zeit bei der Entwicklung der Ganztagsschulen ist das ein Erfolg“, sagen die an der Studie beteiligten Wissenschaftler. Allerdings bilden diese 40 Prozent keine stabile Teilnehmergruppe: Machen an den Grundschulen noch die meisten Kinder an drei oder mehr Tagen den Ganztagsbetrieb mit, nimmt die Schülerzahl zwischen der fünften und zehnten Klasse rapide ab. In der schwierigen Zeit der Pubertät wollen sich offensichtlich viele Jugendliche nicht am Nachmittag auf eine angeleitete Lern- und Freizeit einlassen, sondern ziehen die Ungebundenheit außerhalb der Schule vor. In der Pubertät nutzen 41 Prozent das Ganztagsangebot an einem einzigen Wochentag, 36 Prozent an drei Tagen in der Woche und nur neun Prozent an allen Wochentagen.

Es ist vor allem die Hausaufgabenbetreuung, die Eltern – besonders berufstätige Mütter – an Ganztagsschulen schätzen. Individuelle Förderangebote oder Projekte, die den Brückenschlag zum vormittäglichen Unterricht schaffen, gebe es aber noch zu wenig. Selbst Ganztagsschulen, deren Nachmittagsprogramm verpflichtend ist, würden ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen, schreiben die Wissenschaftler.

Deutlich geworden ist durch die Studie, dass sich der Besuch einer Ganztagsschule nicht negativ auf das Familienleben auswirkt. Zwar gibt es weniger gemeinsame Mahlzeiten – Ganztagsschüler essen in der Schule zu Mittag –, ansonsten aber verbringen die Kinder und Jugendlichen nicht weniger Zeit mit ihren Eltern als Halbtagsschüler. Allerdings haben Kinder und Jugendliche, die auch nachmittags in der Schule sind, weniger Zeit für ihre Freundescliquen.

Anders als die Freunde leiden die Vereine nicht unter dem Ganztagsangebot. Der Grund: Viele Schulen kooperieren beim Nachmittagsangebot mit ihnen. So erhielten Vereine und Jugendwerke durch die Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen Zugang zu Jugendlichen und Kindern, die sie bisher nicht erreichen konnten, heißt es in der Studie.

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