Zeitung Heute : Rundum-Experten für den Bau

Auf dem Arbeitsmarkt für Architekten geht es bergauf. Besonders Spezialisten haben gute Chancen

Carina Groh

Wenn man den Taschenrechner in die Hand nimmt und die Zahl aller Einwohner in Sachsen-Anhalt durch die Zahl der Architekten teilt, kommt man zu dem Ergebnis, dass etwa jeder Dreitausendste ein Architekt ist. Tippt man die Zahlen für Berlin ein, dann ist es jeder Fünfhundertste. Damit hat Berlin deutschlandweit die höchste Architektendichte.

Wer in Berlin als Architekt sein täglich Brot verdient, hat also viele fleißige und findige Kollegen: die Konkurrenz ist groß. „Außerdem kommen die Aufträge hier nicht mehr aus der Steckdose“, sagt Klaus Wiecher von der Architektenkammer und denkt an Zeiten zurück, in denen es Architekten leichter hatten. Doch die seien längst vorbei, seit die Baubranche mit enormen Schwierigkeiten gekämpft hat und mit ihr, Seite an Seite, die Architekten.

Doch: „Die Not hat viele Kollegen erfinderisch gemacht“, erklärt Wiecher, der seit mehr als 15 Jahren ein Architektenbüro in der Manteuffelstraße leitet.

Vor ziemlich genau einem Jahr konnte man in der Excel-Tabelle der Bundesanstalt für Arbeit noch doppelt so hohe Arbeitslosenzahlen ablesen. Es scheint also bergauf zu gehen mit den Berufschancen – oder wenigstens etwas besser zu werden. „Die Architekten haben Überlebensfähigkeiten entwickelt und sind viel robuster geworden. So haben sie lukrative Nischen gefunden“, sagt Klaus Wiecher.

Nischen, die vielen Architekten neben ihrem Hauptberuf als zweites, drittes und viertes Standbein dienen. Der Leistungskatalog, den sie anbieten, ist vielfältig und reicht vom Projektmanagement über die Lichtkonstruktion bis hin zur umfassenden Energieberatung. Immer mehr Architekten sind auch gewerblich tätig oder nehmen Funktionen als Gutachter oder Berater ein.

„Als Brandgutachter hat man derzeit gute Chancen oder wenn man sich im Bereich Denkmalschutz gut auskennt“, weiß der 51-jährige Wiecher. Hier würden besondere Kenntnisse im Umgang mit der Substanz gefordert, beispielsweise wenn es darum gehe, eine denkmalgeschützte Fassade für den Energiepass fit zu machen und eine Wärmedämmung anzubringen.

Den vielfältigen zweiten und dritten Standbeinen entsprechen auch die möglichen Fort- und Weiterbildungswege: Architektenkammern und Verbände, kommerzielle Agenturen, staatliche und private Hochschulen oder einzelne Architekten haben sich auf Weiterbildungen spezialisiert. Es gibt kurze Seminare, lange Seminare, teure und billige, berufsbegleitende Abendkurse oder postgraduale Masterstudiengänge: Die Auswahl scheint nahezu unbegrenzt.

Ein Angebot heißt zum Beispiel: „Fachplaner für vorbeugenden Brandschutz“ und stand vor einem Jahr für rund 1200 Euro bei der Architektenkammer Berlin auf dem Programm. Für den Berliner Architekten Johannes Heyne hat sich diese Investition gelohnt: „Durch das dort erlernte Wissen konnte ich unser Büroangebot erfolgreich erweitern. Inzwischen machen die Brandschutzkonzepte rund ein Drittel unserer Umsätze aus.“

Wer gerne im Hörsaal sitzt und etwa zwei Jahre Zeit mitbringt, für den eignen sich Masterstudiengänge, wie sie beispielsweise die Technische Fachhochschule Berlin (TFH) und die Technische Universität (TU) Berlin anbieten. „Der Masterstudiengang Architektur ist für diejenigen geeignet, die vorher ihren Bachelor in Architektur gemacht haben, aber auch für diplomierte Architekten, die mit dem Master-Zertifikat internationale Anerkennung suchen“, erklärt Mara Pinardi, Prodekanin an der TFH am Leopoldplatz. Je nachdem mit welchem vorhergehenden Abschluss man in den Masterstudiengang gestartet ist, darf man sich nach einem, beziehungsweise zwei Jahren „Master of Arts“ auf die Visitenkarte schreiben.

„Spezialisierungen lohnen sich momentan vor allem im Bereich der Bauerhaltung und im Denkmalschutz“, meint die 51-jährige gebürtige Italienerin Pinardi, die in Florenz Architektur studiert hat. Da immer mehr Nachkriegsbauten modernisiert werden, hätten sich die Arbeitsschwerpunkte gewandelt. „In Berlin gibt es sehr viele Baulücken und von allen Bauarbeiten finden etwa 80 Prozent im Bestand statt“, erklärt Pinardi. Und: In den kommenden Jahren würden Sanierungen und Instandsetzungen noch an Bedeutung gewinnen.

„Auch mit Kenntnissen in der Denkmalpflege kann sich eine Beschäftigungsperspektive für findige Bewerber abzeichnen“, findet Dan Wollschläger von der Weiterbildungsakademie cimdata in Berlin. „Wir haben hier in Berlin so viele schöne Denkmäler, die seit Jahren vor sich hin bröckeln. Das ist ein zukunftsträchtiger Bereich.“ Im Weiterbildungstrend liegen auch Schulungen zur Bauumsetzung und Baudurchführung. „Heute wird eine Baudienstleistung komplett aus einer Hand gefordert. Der Markt verlangt von einem Architekten eine umfangreiche Bauherrenbetreuung, die weit über die bloße Vorlage architektonischer Konzepte hinausgeht.“

Viele Bauherren möchten außerdem zu ihrem „Traumhaus“ eine Architekturvisualisierung in 3D erstellt haben. Die Traumhaus-Grafiken und Berechnungen, in denen für Laien unverständliche Formeln auftauchen, sind beeindruckend. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach Seminaren für Visualisierungsprogramme wie AutoCAD, ArchiCAD und Dreamweaver.

Für Architekten wichtig ist auch, was Klaus Wiecher VOB nennt: Weil sich jedes Bundesland eine andere Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen, kurz VOB, leistet, die sich in regelmäßigen Abständen wieder ändert, haben alle Anbieter außerdem entsprechende VOB-Update-Seminare im Programm. „Heutzutage muss ein Architekt rechtlich immer auf dem Laufenden sein“, betont der Architekt.

Das ist aber noch nicht alles. „Die Bevölkerung wird älter“, sagt Mara Pinardi. Zehn Jahre noch, dann gibt es in Deutschland mehr Alte als Junge. Das werde dazu führen, dass immer mehr Altersheime und Pflegeheime gebraucht werden. „Seniorenresidenzen sind das Thema der Architektur", meint die Prodekanin der TFH. Und: Das finden auch ihre Kollegen Klaus Wiecher und Dan Wollschläger: Vor allem im Alten- und Pflegeheimbau werde es viele Chancen geben.

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