Zeitung Heute : Rundum sorglos

Diese Idee hat die Welt verändert: Sie bringt die einen nach Florenz zu den Uffizien, die anderen nach Mallora zu Ballermann 6. Der Abstinenzler Thomas Cook erfand 1841 die Pauschalreise.

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Von Andreas Austilat Das Buch wurde 19-mal neu aufgelegt, hielt sich 60 Jahre lang am Markt. Heinrich August Ottokar Reichards „Der Passagier auf der Reise“ war ein Standardwerk. Dabei hatte Reichard das junge Genre nicht einmal erfunden, als die erste Auflage 1806 erschien. Sein Reiseführer war nur handlicher als dessen Vorgänger, voller nützlicher Tipps und darin vielleicht dem „Lonely Planet“ ähnlich, dem Handbuch der Rucksacktouristen von heute. Sehenswürdigkeiten spielten eher eine untergeordnete Rolle. Wichtiger waren handfeste Ratschläge im Umgang mit Straßenräubern: „Pistolen mit Doppelläufen sind die besten Waffen zur Verteidigung.“ Und weil die Leserschaft mit dem Schießgerät möglicherweise wenig vertraut war, wurde Reichard noch ein bisschen genauer: Erst schießen, wenn „man beim Räuber das Weiße im Auge erkennen kann.“

Ein schwieriger Markt, den der Ahnherr der Reiseführer da bediente. Für unterwegs empfahl Reichard stets ein paar Schrauben im Gepäck zu haben, um damit die Zimmertür zu verrammeln – nur erwischen lassen sollte man sich nicht, logisch, „die Wirte sehen es selten gern“, wenn man Löcher in ihre Türpfosten bohrt. Vorsicht war auf verschmutzten Latrinen geboten, wegen der Krankheiten, die man sich dort einfangen konnte, Reichards Tipp: besser gleich aufs freie Feld hocken. Und zu trauen war auch niemandem, weshalb, wer sicher gehen wollte, dass der Bettbezug wirklich frisch ist, dem Zimmermädchen bei seiner Arbeit lieber zusehen sollte.

Klamme Betten, scheußliche Toiletten, Mord und Totschlag auf den Wegen, das waren gute Gründe, zu Hause zu bleiben. Wer auf sich hielt, machte sich trotzdem auf den Weg. Ganz vorn der Adel, für junge englische Lords gehörte die „Grand Tour“ gewissermaßen zur Menschwerdung, bevor sie sich endlich erwachsen ihrem Job widmeten. Deutsche Standesgenossen wie Hermann Fürst von Pückler waren ebenfalls begeistert, auf Reisen aller Pflichten enthoben zu sein: „Ich bin frei, frei wie der Vogel in der Luft“, jubelte der Fürst in seinem Feriendomizil.

Pückler hatte gut lachen, der vermögende Mann reiste mit der eigenen Equipage, eine Spezialanfertigung, konstruiert nach seinen Vorstellungen. Arme Schlucker mussten laufen. Für eine Postkutschenfahrt allein von München nach Nürnberg waren 1830 sechs Taler fällig, wie Heinrich Krohn, Autor einer Geschichte des Reisens, errechnete. Sechs Taler entsprachen für einen Handwerker etwa einem Wochenlohn. Und wer vergessen hatte, Achsfett einzupacken, musste unter Umständen beim Kutscher noch ein Schmiergeld drauflegen. Für eine richtige Reise, die nach damaligem Verständnis leicht ein Jahr dauern konnte, veranschlagte Reichard in seinem Buch etwa 1800 Taler. Selbst ein preußischer Regierungsrat, der etwa 1000 Taler im Jahr bezog, musste für solch ein Unterfangen ein Weilchen sparen.

Reiseführer gab es also in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und die Sehnsucht nach der Ferne auch. Aber für die musste man allerhand in Kauf nehmen und trotzdem teuer bezahlen. Die Vorstellung, dass einmal Massen sich in Bewegung setzen würden, war absurd. Doch ein Mann plante genau dies und verwirklichte vor gut 150 Jahren eine Idee, mit der heute Milliarden umgesetzt werden. Allein in Deutschland buchten im vergangenen Jahr über 39 Millionen Menschen eine Pauschalreise. Und wenn sich in der kommenden Woche die Branche in Berlin zur weltgrößten Tourismusbörse trifft, dann werden noch mehr Aussteller kommen als im Vorjahr.

Thomas Cook war 33 Jahre alt und bekennender Abstinenzler, als er am 9. Juni 1841 sein Haus verließ und sich auf den Weg ins 20 Kilometer entfernte Leicester machte. Als baptistischer Missionar war Cook schon früh ziemlich rumgekommen, allerdings nie über die Midlands um Coventry und Nottingham hinaus. Obwohl er allein in einem Jahr im Rahmen seiner Missionsarbeit 4332 Kilometer zurückgelegt hatte, zu Fuß natürlich. Abstinenzler war er wohl aus leidvoller Erfahrung, sein erster Lehrherr war schwerer Trinker, der zweite auch. Inzwischen verdiente Cook sein Geld als Drucker und Schreibwarenhändler sowie mit der Veröffentlichung einer Zeitschrift der Temperenzler, wie sich die Anhänger einer alkoholfreien Lebensführung nannten. Außerdem gab er noch den „Anti-Smoker“ heraus, aber die Nichtraucherpostille lief nicht so gut.

Cook war unterwegs, ein Abstinenzlertreffen vorzubereiten. Und ungefähr auf halbem Weg kam ihm die Idee. Was, wenn man für das im kommenden Monat geplante Treffen ein noch neues Beförderungsmittel benutzen würde: die Eisenbahn. Die Midland Counties Railway hatte erst im Jahr zuvor ihren Betrieb zwischen Derby und Rugby aufgenommen. Cooks Kampfgefährten waren von der Idee begeistert. Also nahm er die Verhandlungen mit der Bahngesellschaft auf.

Die Eisenbahn bedeutete für die Zeitgenossen ungefähr das gleiche wie die Billigflieger heute. Eine Bahnfahrt kostete nur noch ein Drittel dessen, was für die Postkutsche aufzuwenden war, Tendenz weiter fallend. Und erheblich schneller ging es überdies. Allerdings hatten noch nicht alle Bahnmanager das Potenzial richtig erkannt. In ihrer frühen Zeit transportierten sie vor allem Kohle. Fahrgäste versprachen kein gutes Geschäft. Zwischen Portsmouth, einer Stadt von 30 000 Einwohnern, und London fuhren gerade mal genug Kutschen hin und her, um 200 Menschen transportieren zu können. Warum sollten es nun plötzlich mehr werden? Cook orderte 500 Tickets auf einmal, organisierte Schinkenbrote und ein kleines Besichtigungsprogramm – der 20-Kilometer-Trip von Leicester nach Loughborough wurde zum Event, begleitet von Blaskapellen und staunenden Massen.

Merkwürdig, dass ein Anti-Alkoholiker und Laienprediger zum Wegbereiter des Pauschaltourismus wurde, aber folgerichtig. Karl Marx hielt die Religion für eine Art Opium fürs Volk, der praktizierende Baptist Cook wusste, was für eine schwache Droge der Glaube sein konnte. Dem unermüdlichen Aufklärer in Sachen Alkohol hatten aufgebrachte Trinker sogar schon Ziegelsteine durch die Scheiben geworfen. Bier war Lebensmittel im industrialisierten England, der Alkoholismus in der hart schuftenden Arbeiterschaft eine Bedrohung für das Volkswohl, wie Krone und Kabinett nicht ganz zu Unrecht fürchteten. Denn der preiswerteste Weg raus aus Manchester ist ein ordentlicher Rausch, scherzte man in der Stadt der rauchenden Schlote.

Cooks Ziel wurde es, Reisen anzubieten, die nicht teurer als ein strammer Pub-Besuch sein sollten. Er veranstaltete Exkursionen in die Seebäder, und wenn der Proletarier bei zwölf-Stunden-Schichten tagsüber keine Zeit für solche Eskapaden hatte, dann nahm Cook ihn eben mit auf seine Mondscheinfahrten bei Nacht.

Wie groß sein Organisationstalent gewesen sein muss, illustriert ein Trip mit 700 Teilnehmern 1849 nach Schottland. Weil es keine staatliche Eisenbahn gab, jeder in seinem eigenen Sprengel seine eigenen Gleise befuhr, hatte Cook mit einem halben Dutzend Bahnmanagern verhandeln müssen. Und dann drohte er auch noch zum Master of Desaster zu werden. Erst schüttete es ohne Unterlass in die offenen Wagen, dann brach eine Kupplung, und mehrere Anhänger blieben in der Dunkelheit zurück. Bis die neue Lok eintraf und die fehlenden Passagiere abholen konnte, war es tief in der Nacht. Gegen zwei erreichte man im immer noch strömenden Regen Edinburgh, erst dann konnte Cook seine Schützlinge auf die Gasthöfe der Stadt verteilen.

Warum nur, warum taten Touristen sich das an? Wahrscheinlich, weil für sie galt, was schon der Fürst Pückler empfunden hatte: Der Wunsch, frei zu sein. „Je mehr sich die bürgerliche Gesellschaft schloss, desto angestrengter versuchte der Bürger, ihr als Tourist zu entkommen“, schrieb Hans Magnus Enzensberger 1958 in seinem legendären Essay „Vergebliche Brandung der Ferne“, in dem er eine „Theorie des Tourismus“ entwarf. Enzensberger hielt den Massentourismus für eine ständige Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen. Soziologen nach ihm sahen das nicht mehr so streng: Mag sein, dass der Reisende auf der Flucht ist. Aber wenn diese Flucht doch seinem Wohlbefinden dient?

Unstrittig ist, dass Cook den Tourismus zum Massenphänomen machte. 165 000 Briten transportierte er zur Weltausstellung 1851 nach London, die ohne ihn wohl ein Flop geworden wäre. Weil auf dem heimischen Markt andere seine Ideen kopierten, expandierte er über den Kanal. 20 000 brachte er zur ersten Pariser Weltausstellung 1867, beim zweiten Mal, 1889, waren es 200 000. Die Schweiz machte Cook zum bevorzugten Resort für Briten, das Rheinland in englischen Augen zum Synonym für Deutschland.

Spötter wie der Amerikaner Mark Twain, Erfinder von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, bewunderten ihn dafür. Weil es ohne Cook kaum möglich gewesen wäre, Europa zu bereisen. Allein der Versuch, eine Bahnkarte zu erwerben, treibe einen in den Wahnsinn, schrieb Twain. Vorausbuchungen gab es nicht, man hatte sich eine Viertelstunde vor Abfahrt auf dem Bahnsteig einzufinden und wenn es einem nicht gelang, in dieser Zeit das Gepäck aufzugeben, blieb es eben zurück. In den Wirrungen europäische Währungssysteme fand sich erst recht kein Fremder zurecht. Allein im Kleinstaaten-Bund Deutschland kursierten Mitte des 19. Jahrhunderts Dutzende verschiedener Münzen, deren Wechselkurs mitunter schon in der nächsten Stadt kaum jemandem vertraut war. Da erfand Cook 1868 den Voucher, einen allseits akzeptierten Gutschein, den man in Geld, Hotelzimmer, Mietkutschen oder Fahrkarten verwandeln konnte. Mark Twain war derart voll des Lobes, dass er sich am Ende seiner Eloge mit den Worten entschuldigte, „ich kriege dafür keine Kommission, ich kenn den Mann nicht mal“. Allerdings wusste er da auch nicht, dass Cook’s Travel Agency wenig später sein Gepäck verlieren würde.

Anderen wie Theodor Fontane, dem Dichter der guten alten Zeit, war der aufkommende Massentourismus eher ein Ärgernis. „Sonst reisten bevorzugte Individuen, jetzt reist jeder und jede“, schrieb er. Die Folgen seien unübersehbar, statt Gastfreundschaft habe der Andrang allerorten eher das Gegenteil erzeugt. Wieder andere fürchteten um ihren guten Ruf. Allen voran ein Mann, der sich in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts einen Namen als „Reiseschriftsteller“ gemacht hatte. Karl Mays Abenteuergeschichten von Winnetou und Kara Ben Nemsi waren zwar allesamt am Schreibtisch zusammenfantasiert, wurden aber vom Publikum für bare Münze genommen. Und May tat wenig, etwas daran zu ändern. Im Gegenteil.

„Auch reise ich lieber nach Timbuktu oder Tobolsk als nach Nizza oder Helgoland“, ließ er seinen Kara Ben Nemsi in „Durch die Wüste“ sagen, „ich verlasse mich auf keinen Dolmetscher und keinen Baedeker“, und alle vermuteten hinter dem Abenteurer den Autor selbst, denn Kara Ben Nemsi stand für Karl, Sohn der Deutschen. Karl May war darin dem Alternativtouristen, der sich heute gern Traveller nennt und sich vom Pauschalurlauber abheben will, nicht unähnlich. Der Nachweis aber, wirklich ein Weltmann zu sein, war zunehmend schwerer zu erbringen, je mehr Leser selbst einen Eindruck von der weiten Welt bekommen hatten. Das Publikum wurde misstrauisch.

So fuhr May 1899 von Genua mit dem Reichspostdampfer „Preußen“ nach Port Said und traf in Ägypten auf eine solide touristische Infrastruktur. Vor allem das Reisen auf dem Nil war kein Abenteuer mehr, seit die Firma Thomas Cook & Sohn dort regelmäßig Schiffe verkehren ließ. In Kairo wohnte May im Hotel Bavaria, schickte Postkarten nach Hause, ein Foto zeigt ihn auf dem Kamel vor den Pyramiden, doch als Abenteurer ging er da schon nicht mehr durch. In Assuan sendet er aus dem „Bischari-Lager, sechs Reitstunden von Schellal in Nubien entfernt“, seine Grüße. Der Baedeker, Ausgabe 1897, beschreibt das Lager als Ausflugsziel am Stadtrand von Assuan: „Eine Viertel Stunde östlich der Stadt (Esel hin und zurück 5 Piaster)“. Und darben musste der Tourist in Assuan auch nicht: „Man findet Porter und Ale, ja selbst erträgliche holländische Cigarren“. Karl Mays Ruf als Abenteurer wurde durch die Reise nachhaltig beschädigt. Das alte Wort von Matthias Claudius, wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen, mag auch im Zeitalter des Pauschaltourismus noch gelten. Es ist nur schwieriger geworden, einen Zuhörer zu finden. Denn immer zahlreicher werden die, die abwinken: Kenn ich schon.

Dass aber auch die Pauschalreise mit ihren Rundum-Sorglos-Paketen noch Risiken birgt, den Beweis erbrachte auf tragische Weise ausgerechnet Thomas Cooks Sohn. Die Cooks, Ende des 19. Jahrhunderts eine weltumspannende Firma, verschifften muslimische Pilger zu Tausenden nach Mekka. Sie hatten den unglücklichen General Gordon den Nil hinauf mitten in den Mahdi-Aufstand im Sudan transportiert und gleich noch ein komplettes Expeditionsheer hinterher. Das britische Kriegsministerium hielt es für unklug, derart komplizierte logistische Aufgaben selbst in die Hand zu nehmen. Dass Gordon massakriert wurde und die zu seiner Rettung entsandte Truppe zu spät kam, dafür konnte der Reiseveranstalter nichts. Jetzt, 1898, klopfte der deutsche Kaiser, Wilhelm II., persönlich an. Denn er plante einen Trip ins Heilige Land.

John Mason Cook, der das Geschäft von seinem inzwischen verstorbenen Vater übernommen hatte, löste seine Aufgabe mit Bravour. Die Firma organisierte 800 Maultiere und 116 Kutschen. 290 Kellner servierten in der Wüste opulente Menüs auf englischem Silber. „Thomas Cook & Son“ berechneten für ihre Bemühungen 48 130 Pfund, 2 Shillinge und 3 Pence und das Geschäft wurde ein voller Erfolg. Beinahe wenigstens. John Mason Cook, der das Unternehmen persönlich begleitet hatte, fing sich eine böse Diarrhoe ein, von der er sich nicht mehr erholte. Er starb bald nach seiner Rückkehr.

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