Zeitung Heute : Runzlige Kartoffeln aus der Brandenburger Erde

Bio-Produkte und Öko-Strom bringen uns zwar näher an eine nachhaltige Lebensweise, doch wer sie im Alltag umsetzen will, muss manche Hürde in Kauf nehmen

Heiko Schwarzburger

Damals leistete man sich noch Träume: Ende der 60er und Anfang der 70er zog es junge Intellektuelle in Scharen auf’s Land. Nach den Pleiten der Großstadtkommunen kamen nun die Landkommunen in Mode. Überall sprossen sie aus der Erde, Symbol des alten Traumes, mit der Erde in Übereinstimmung zu leben, sie künftigen Generationen als Paradies zu hinterlassen.

Doch das harte Leben in der Landwirtschaft war auf Dauer nichts für die weichen Hände der Intelligenzia. Die Landkommunen verödeten, der Traum verblasste. Zurück blieben die Ökobewegung, ein paar hartnäckige Biobauern und einige junge Stadtbewohner, die von der industriellen Produktion von Nahrungsmitteln nichts mehr wissen wollten. Es schlug die Geburtsstunde der nachhaltigen Ernährungsweise aus dem Supermarkt, und die hält bis heute an: „Unsere Kunden sind vor allem junge Familien und Menschen zwischen zwanzig und fünfzig“, sagt Janin Werth, Chefin der Biodrogerie Rosavelle in der Schönhauser Allee, gleich hinter der Volksbühne am Rosenthaler Platz. „Rentner kommen eher weniger. Zu uns kommen oft Kunden, die nebenan im Biomarkt bereits ihre Lebensmittel kaufen.“

Ein Vierteljahrhundert nach ihren Anfängen kennt die Biobranche kaum noch eine Lücke, die sie nicht besetzt hätte. In den Regalen der neuen Drogerie liegen Gesichtscremes aus Naturstoffen, Öko-Waschmittel und kompostierbare Windeln für den kleinen Popo. „Auch Babynahrung geht ausgezeichnet“, bestätigt Janin Werth. „Wir haben viele junge Mütter, die ihren Kindern nicht den Brei aus der Retorte vorsetzen wollen. Darunter sind auch Studentinnen, die nur ein schmales Budget haben.“ Das ist längst kein Widerspruch mehr, denn der Markt boomt, das lässt die Preise purzeln. „Wir haben unser Geschäft vor vier Monaten eröffnet“, erzählt Werth. „Es läuft sehr gut. Hier in Prenzlauer Berg leben viele Menschen, die bewusst darauf achten, was sie essen und welche Kosmetik sie verwenden.“

Weil sich Bioprodukte langsam zu einem nachgefragten Massenmarkt entwickeln, sind sie oft kaum noch teurer als Produkte aus dem Supermarkt. Im Gegenteil: Viele Handelsketten haben ihre anfängliche Scheu überwunden und versuchen, kleine Öko-Ecken einzurichten oder eine zahlungskräftige Klientel mit Öko-Regalen zu halten.

Dabei schwirren unzählige Bio-Etiketten vor den Augen der Verbraucher. Die Labels beschwören die naturnahe Herstellung, die natürliche Reinheit oder die garantiert überprüfte Verwendung von Naturstoffen aus Ländern der so genannten Dritten Welt. Findet der alte Traum von der nachhaltigen Lebensweise somit doch seine Erfüllung?

Im Biomarkt neben der Drogerie Rosavelle stehen Blütenhonig aus Kuba, Naturfleisch aus dem Chiemgau und Pizzas aus Italien, die in ihrer bunten Verpackung genauso aussehen wie die Pizza beim Supermarkt um die Ecke. All das wurde über Tausende Kilometer herangeschafft: mit dem Schiff und dem Lkw. Um Frischfleisch aus Bayern nach Berlin zu bringen, sind überdies starke Kühlaggregate notwendig. Wahre Energiefresser. Über die dabei erzeugten Schadstoffe geben die Biosiegel auf den ersten Blick keine Auskunft. Für die Vergabe der Siegel gibt es unterschiedliche Kriterien – und die sind mal mehr mal weniger streng. Wer sich da auskennen will, muss sich ausgiebig einlesen.

Ein anderes Bild bietet die Theke für frisches Gemüse. Etwas angeschmuddelt zwar, die Kartoffeln staubig von der Brandenburger Erde, klein und runzlig. Aber Öko. Wer wirklich nachhaltig leben will, muss wohl kleinere Kreise ziehen: mit Gemüse und Frischfleisch aus dem näheren Umland. In Berlin gibt es immer mehr Ökomärkte, bei denen sich die Bauern mit ihren Waren in der Stadt präsentieren.

Man kann den Spieß aber auch umdrehen: Immer mehr Menschen bilden Einkaufsgemeinschaften, die direkt bei den Bauern ordern. „Wir haben rund 250 Mitglieder“, erzählt Herwart Lindner, der Geschäftsführer der Einkaufsgemeinschaft „Wurzelwerk“ in der Oderstraße in Friedrichshain. „Wir liefern die Waren bis nach Köpenick.“ Bei dem Friedrichshainer Verein kommt die alte Kooperative zu modernen Ehren: Die Mitglieder zahlen eine einmalige Einlage und einen monatlichen Beitrag, der die Unkosten deckt. Auf diese Weise setzt „Wurzelwerk“ pro Jahr Lebensmittel im Wert von rund 350 000 Euro um. „Wir ordern bei den Berliner Großhändlern wie die Bio-Supermärkte auch. Daneben haben wir direkte Verträge mit Bauern in Brandenburg. So kommen beispielsweise Frischgemüse, Obst und Säfte aus einem Ökohof im Oderbruch.“ Solche Gemeinschaften können sogar kurzfristige Bestellungen ausliefern. „Da wir beim Großhandel einkaufen, brauchen wir keine größeren Lagerbestände. Trockenware wie Öle, Hülsenfrüchte oder Getreideprodukte kommen einmal in der Woche. Der Frischedienst ist jeden Tag unterwegs“, sagt Lindner.

Wer sich nicht in einem Verein binden möchte, kann sich aber auch einer so genannten Food Coop anschließen, eine mittlerweile in allen Berliner Bezirken bekannte Einkaufsorganisation. „Bei der Food Coop bestellen die Hausgemeinschaften zusammen ihren Bedarf“, sagt Nike Reutling, die ihr Gemüse über eine Food Coop in Friedenau bezieht. „Jeder ist mal dafür verantwortlich, die Kisten im Keller zu verwalten und die Knete einzutrommeln“, sagt sie. Doch da kann schon mal Knatsch entstehen. Die Food Coop als Überbleibsel der Großstadtkommune: Das hält wohl nur aus, wer die Grundregeln der Gruppendynamik beherrscht.

Doch nicht nur an den Lebensmitteln entscheidet sich nachhaltige Lebensweise. Öko-Strom, verbrauchssenkende Kurzzeitspültasten an der Toilette oder Öko-Geschirrspüler: Auf fast allen Gebieten des täglichen Lebens finden sich mittlerweile technische Lösungen, die uns ein wenig näher an den Busen der Natur drücken. Doch ob Stromspar–Fernseher, Car-Sharing oder recycelbarer Computer: Wirklich nachhaltig lebt, wer das alles gar nicht braucht. Oder nur verschwindend wenig davon. Denn das ist die eigentliche Idee hinter allem: Wenn wir den nachfolgenden Generationen eine intakte ökologische, soziale und wirtschaftliche Welt hinterlassen wollen, müssen wir uns heute konsequent von überflüssigem Ballast befreien.

Weitere Infos im Internet unter:

www.biomarkt.de

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