Zeitung Heute : Ruppig, aber witzig

Rem Koolhaas’ neue niederländische Botschaft lässt im Innern alle Behutsamkeit fallen

Jürgen Tietz

Eines ist klar: Das Haus ist ein Medienereignis. Schon vor ihrer endgültigen Fertigstellung war die Niederländische Botschaft am Rolandufer in aller Munde. Für die einen ist der kubische Bau mit seiner Fassade aus Aluminium und Glas ein Affront gegen das steinerne Berlin, eine allzu aufgeregte Architekturdiva aus der Hand des Superstars Rem Koolhaas. Für die anderen dagegen ist der Bau schlicht ein Meisterwerk.

Sensationell ist bereits die Lage des Hauses, unmittelbar am Ufer der Spree, so dass sich ganz unversehen ein Gefühl einstellen kann wie an einer Amsterdamer Gracht. Und die Fassade? Sie ist nicht wirklich spektakulär. Aluminium und Glas, das kennt man auch von anderen Bauten, selbst aus Berlin. Kein Grund also um – je nach Gefühlslage – in architektonische Depression oder Ekstase zu verfallen.

Merkwürdig mutet allerdings gleich neben dem frei gestellten Botschaftswürfel der große Freiraum oberhalb der Garage an – der sich bei näherer Betrachtung als Hof der Botschaft entpuppt. Statt kunstvoller Gartengestaltung gibt es hier lediglich einen nackten Asphaltboden. Hinterfangen wird der Hof von einem L-förmigen Gebäudeflügel: Dort befinden sich Wohnungen für Botschaftsmitarbeiter. Verkleidet mit silbrigen Metallgittern gibt sich dieser Bauteil der Botschaft betont industriell rau, aber doch nicht übermäßig extrovertiert. Neugier beim Betrachter weckt dagegen die große Glasbox, die in gut holländischer Art über dem Hof aus der Botschaftsfassade herauswächst – und die den Konferenzsaal des Botschafters beherbergt.

Gibt sich die niederländische Botschaft also auf den ersten Blick vergleichsweise moderat und fügt sich fast brav in den städtischen Kontext am Spreeufer ein, so lässt sie im Inneren alle Behutsamkeit fallen. Das beginnt bereits beim wohl inszenierten Eingang: Die Besucher erreichen ihn treppauf über Stufen mit eingebauten orangefarbenen Lichtern. Eine Willkommensgeste im Reich der Oranjes. Die Eingangstür selbst – ganz ohne Klinke und in die Wand eingelassen – öffnet sich wie von magischer Hand. Doch eigentlich kann man schon gar nicht mehr von einer normalen Tür reden. Handelt es sich doch um eine unterarmbreite Raumskulptur, die da zur Seite schwingt, um den Weg ins Foyer und zum Empfang frei zu geben. Dessen Tresen erinnert in seinem leckeren Himbeerrot verdächtig an geronnene Bonbonmasse.

Spätestens hier wird klar, dass sich die niederländische Botschaft kaum mit dem üblichen architektonischen Maßstab messen lässt. Weder im Gesamtentwurf noch im Detail – nicht einmal der Prinz-Claus-Saal, der sich mit breiter Glasfront zur malerischen Spree orientiert. Auch hier schwingt die Eingangstür auf und lässt den Blick des Besuchers über Sichtbeton, dunkles Zebrano-Holz und die indirekte Beleuchtung hinter einer Glaswand fallen. Hier gibt es endlich den Berliner Naturstein. Allerdings nur auf dem Fußboden. Denn während im übrigen Haus Wand und Boden mit Aluminiumpaneelen verblendet sind, hat Koolhaas hier einen üppig gemusterten Travertin-Boden verwendet.

Der eigentliche Clou der Botschaft ist jedoch der so genannte Trajekt: ein kontinuierlich durch das Gebäude ansteigender, spiralförmiger Weg, der mal verjüngend, mal weitend, mal waagerecht, mal schräg die einzelnen Ebenen miteinander verbindet. Etagen im klassischen Sinne sucht man vergebens. Stattdessen weist der Aufzug insgesamt elf Ebenen aus. Dabei eröffnen sich vom Trajekt aus immer wieder neue Durch- und Einblicke, fast barock anmutende Sichtachsen in tiefer oder höher liegende Ebenen – oder hinaus in die Stadt: auf den architektonisch gerahmten Fernsehturm etwa. So entstehen höchst suggestive Raumbilder, wie sie aus der niederländischen Architektur- und Interieurmalerei des 17. Jahrhunderts bekannt sind.

Zugleich spielt Koolhaas im ganzen Gebäude wie in einem Science-fiction-Film aus den sechziger Jahren mit überraschenden Türöffnungen oder mit farbigen Gläsern in Orange, Grün oder Rot an Boden und Wand, die Farbreflexe durch die Räume senden. Stets aufs Neue gerät der Besucher so ins Grübeln, wo er sich wohl gerade in dem gelegentlich kafkaesk anmutenden Gebäude befindet. Doch das alles geschieht mit witzigem Unterton: Etwa wenn sich zur Abteilung der Öffentlichkeitsarbeit eine meterdicke Tür öffnet – ganz so, als würde sich dahinter die streng geheime Startrampe eines Raumgleiters befinden. Und wenn im Sommer das Botschaftsdach zur Seite gefahren wird und eine Treppe auf den Dachgarten führt, dann mag auch das ziemlich galaktisch anmuten. Allerdings stellt sich in einigen Versammlungsräumen tatsächlich ein unangenehm hermetisches Gefühl ein. Lichtjahre entfernt von der Stadt.

Auf der Kommandobrücke

Ganz anders der Konferenzsaal für den Botschafter. Eine gläserne „skybox“, die vor dem Gebäude hängt und wie auf einer Kommandobrücke einen sensationellen Spree-Blick bietet. Es wirkt, als wäre die Niederländische Botschaft ein Experimentierfeld für offene und geschlossene Räume, für Versuchsanordnungen des (Botschafts-)Alltags. Dabei fordert die Architektur den Mitarbeitern einiges ab. Die müssen schließlich sehen, wie sie mit den schrägen Wänden und sich verjüngenden Räumen zurechtkommen. Architektur als Herausforderung, statt als behauste Bedürfnisbefriedigung.

Wer freilich meint, Koolhaas hätte den Menschen bei seiner Architektur aus dem Blick verloren, den belehrt der Fitnessraum eines Besseren. Kurz unterm Dach, mit quietsch-grünem Boden, bietet er in prominenter Lage für die Mitarbeiter eine hierarchiefreie Erholungszone.

Auf eine spezifisch nationale Materialverwendung, wie sie für viele andere neue Botschaften typisch ist, hat Koolhaas keinen Wert gelegt. Stattdessen zieht sich ein „internationaler“ Material-Vierklang aus Beton, Glas, Aluminium und dunklem Holz durch das gesamte Gebäude. Niederländisch ist der Eindruck, den die Botschaft vermittelt, aber letztlich doch: allein schon durch die wohltuend unkonventionelle Art, mit der sich Architektur hier präsentiert. Ohne tradierte Repräsentationsfloskeln und (fast) ohne Pathos. Zwar werden die verwendeten Materialien wohl kaum in Schönheit ersterben, sondern schon bald die Spuren ihrer Nutzung zeigen. Doch es ist eben auch ein Stück Architektur zum Gebrauch, für den Alltag. Technisch kühl, mit seinen silbrigen Alu- und hellgrauen Sichtbetonflächen, modisch mit seinen farbigen Gläsern, elegant mit dem dunklen Holz und zugleich ironisch gebrochen mit seinen übermächtigen, versteckten Türen. Eine gebaute Skulptur, die dazu auffordert, in Besitz genommen, durchwandert zu werden.

Vor allem aber führt Koolhaas mit der Botschaft die Architektur auf die Kunst des Raumes zurück: vielschichtig und überraschend. So ist sie zu Recht zum Medienereignis geworden, gerade weil es sich bei dem Gebäude um ein Architekturereignis handelt.

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