Zeitung Heute : Russisch üben

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Es war ein erlauchter Kreis, der sich an der Universität Basel in den neunziger Jahren dem Studium der russischen Sprache widmete. Eine Kommilitonin hat etwa aufgrund von Stings Ballade „I hope, the Russians love their children too“ damit begonnen. Meine Peergroup interessierte sich vor allem für den Sozialismus. Wir sagten immer Leningrad statt St. Petersburg. Ernüchternd war, in „Leningrad“ festzustellen, dass die Menschen dort sozialistische Experimente gar nicht schätzen.

Russisch ist schwer: Einmal wollte ich auf einer Party in St.Petersburg erzählen, dass A., mir beim Devisentausch behilflich sei. A. ist ein muskulöser Typ mit Gelfrisur, der im Auto ständig telefoniert und sich prima mit Wechselkursen auskennt. Gesagt habe ich, dass er mich regelmäßig oral befriedige. Von da an hat mich A. nicht mehr so gerne auf Partys mitgenommen.

Als ich nach Berlin kam, hat mich das „russische Berlin“ besonders angezogen. Charlottenburg soll wegen der vielen russischen Emigranten einst gar „Charlottengrad“ genannt worden sein. Ich habe dort noch nie einen Russen getroffen. Dafür in Moabit. Herrn Kaminer persönlich, den berühmtesten Russen Berlins. Aufrichtig schwärmte ich, wie super seine Geschichten seien. Herr Kaminer sagte nur: „Ich weiß.“ Ich glaube, er plaudert nicht so gerne mit Neuberlinern. Dabei sind Leute wie ich sein Kerngeschäft. Dass ich hier neu bin, merkt man bereits daran, dass ich samstags gerne in seiner Russendisko im Kaffee Burger rumhopse. Die Alt-Berliner, die ich kenne, finden das etwa so hip wie St. Petersburger den Sozialismus.

Ein Russisch-Studium kann ich trotzdem wärmstens empfehlen. Schon wegen des hiesigen Rundfunkprogramms. Seit Wochen höre ich nur noch Radio Russki Berlin: charmante Stampfmusik und tolle Informationen in russischer Sprache über „nasch gorod“ (unsere Stadt). Auch Menschen aus den ehemaligen Bundesländern Russlands gehören zur Zielgruppe. Neulich habe ich etwa gelernt, wie man in „nasch gorod“ seinen ukrainischen Reisepass unbürokratisch verlängern lässt. Nun könnte ich eigentlich eine Ich-AG als Ukrainer-Berater gründen.

Radio Russki Berlin: auf UKW 97,2; Radio MultiKulti 19.00-19.30 Uhr ebenfalls in russischer Sprache: UKW 96,3

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