Russische Homophobie : Das Menschenrecht Sport

Der Papst hat in Russland nicht viel zu sagen. Von rund 143 Millionen Russen bekennen sich nur etwa 800 000 zum Katholizismus. Das Pendant zum katholischen Papst Franziskus ist der orthodoxe Patriarch Kyrill. Und der hat unlängst gesagt, dass Homo- Ehen ein Zeichen der Apokalypse sind. Er ist sich in der Sache in etwa einig mit Franziskus’ Vorgänger Benedikt XVI. Nun hat zwar Franziskus selber auch noch keine Homo-Ehe geschlossen. Aber seine Einlassungen zur sexuellen Orientierung manch eines Priesters sind für katholische Verhältnisse fast schon revolutionär. Auf jeden Fall sind sie gedanklich und inhaltlich ein gehöriges Stück weiter als die russische Gesetzgebung. Vor einem Monat hat Präsident Wladimir Putin ein Gesetz zum Verbot von Homosexuellen-Propaganda unterzeichnet. Zur Propaganda zählt schon allein das Reden über gleichgeschlechtliche Lebensweisen in Gegenwart von Minderjährigen. Die deutsche Bundesregierung hat daraufhin eine Reisewarnung für Homosexuelle ausgesprochen. Es ist also sehr schade, dass der Papst in Russland nichts zu sagen hat und nicht gehört wird.

Wahrscheinlich hat die katholische Kirche den größten Einfluss auf die Menschen. Das ist in vielen Punkten ein Fluch. Bei der Frage nach der Macht in der Welt steht die Kirche indes nicht an erster Stelle. Das IOC ist viel mächtiger.

Das Internationale Olympische Komitee hat jetzt bekannt gegeben, dass im kommenden Jahr für die Zeit der Winterspiele in Sotschi das Propaganda-Gesetz außer Kraft gesetzt wird. Das folgt antiker olympischer Tradition, der Waffenruhe während der Spiele. Die zumindest temporäre Aussetzung der russischen Homophobie ist ein solch überraschender Verhandlungserfolg, dass man das IOC auch einmal loben kann. Geht ja sonst nicht. Das IOC teilt in diesem Zusammenhang mit, dass der Sport ein „Menschenrecht“ sei, das „jedem offenstehen sollte, unabhängig von seiner Rasse, seinem Geschlecht oder seiner sexuellen Orientierung“. Was mit den Menschenrechten in Russland nach den Spielen ist, sagt das IOC aber nicht, vielleicht, weil es ihm darum nicht so doll geht. Wenn der Sport so viel Macht hat, dass er Putin für grandiose drei Wochen in die Knie zwingen kann, kann er diese Kraft doch auch woanders ausspielen. Der Fußballweltverband Fifa etwa und sein Chef Josef Blatter könnten beim Emir von Katar vorstellig werden, um den Menschenrechten auf die Sprünge zu helfen. Hat aber noch Zeit. Die WM ist erst 2022. Helmut Schümann

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