Zeitung Heute : Russische Seelen

Dmitri Medwedew tritt heute sein Amt als Russlands neuer Staatspräsident an. Wie wird er das Land regieren?

Elke Windisch[Moskau]

Sechs Jahre lang stand Dmitri Medwedew als Aufsichtsratschef an der Spitze von Gasprom, dem größten Erdgaskonzern der Welt. Ab heute nun amtiert er als neuer russischer Staatspräsident. Doch die Hauptrolle bei der Amtseinführung heute Morgen im Kreml mit 2400 geladenen Gästen wird nicht er spielen, sondern sein Vorgänger Wladimir Putin. Medwedew wird den Prunksaal erst nach seinem Förderer betreten. Auch bei den Ansprachen hat Putin den Vortritt vor dem künftigen Staatsoberhaupt. Nach seiner Rede wird Putin dem Wunschnachfolger die Amtsinsignien überreichen. Erst danach kommt Medwedew zu Wort, bevor er den Eid ablegt und vom Vorsitzenden des Verfassungsgerichts zum Staatsoberhaupt ernannt wird.

Gleich am Donnerstag wird die Duma Putin dann zum bisher wohl mächtigsten russischen Regierungschef aller Zeiten wählen.In seinen letzten Tagen als Staatsoberhaupt befreite er sein künftiges Amt von lästigen Aufgaben, erweiterte es um Vollmachten und traf wichtige Personalentscheidungen. Obwohl der neue Präsident Medwedew schon im Umgang mit dem Atomkoffer eingewiesen wurde, ist deshalb noch überhaupt nicht klar, wie viel Gestaltungsspielraum er tatsächlich haben wird.

Zumindest in seinem politischen Stil dürfte sich Medwedew aber von Putin unterscheiden. Beamte in Moskau vermuten, der neue Präsident werde Russland so führen, wie er bei Gasprom agiert habe: Als Manager, mit Kriterien wie Effizienz und „Shareholder Value“. In seinen knapp sechs Jahren an der Spitze des Aufsichtsrats machte Medwedew aus dem schwerfälligen Staatsbetrieb Gasprom ein international ausgerichtetes, hochprofitables Unternehmen.

Russland als Staat steht eine solche durchgreifende Reform erst noch bevor. Für Medwedew ist die Aufgabe dabei ungleich schwieriger als die Mission bei Gasprom. Die linke Opposition bezeichnet seinen um Dynamik bemühten Führungsstil bereits als „bloßen Aktionismus“, bei dem die Bewegung alles und das Ziel nichts sei. Auch die demokratischen Kräfte trauen dem neuen Kreml-Chef bestenfalls kosmetische Korrekturen zu: Bei Versuchen, in Russlands Chaos Ordnung zu stiften, seien schon Persönlichkeiten anderen Kalibers gescheitert, darunter politische Schwergewichte mit Visionen wie zum Beispiel Michail Gorbatschow. Und tatsächlich musste sich selbst Wladimir Putin mit Teilerfolgen begnügen – obwohl er mit einer Machtfülle ausgestattet war, die fast schon an alte Zarenzeiten erinnerte.

Seinem Nachfolger hinterlässt Putin zwar einen wiedererstarkten, relativ stabilen Staat, der hohe wirtschaftliche Wachstumsraten erzielt und die schlimmste Armut beseitigt hat. Gleichzeitig aber reicht er an den neuen Präsidenten jene Liste von Problemen weiter, die ihm schon sein eigener Vorgänger Boris Jelzin überlassen hatte: Korruption, Kriminalität, Kaukasus. Nicht nur den drei „K“, auch allen anderen Übeln will Medwedew mit seinen vier „I“ beikommen: Institutionen, Infrastruktur, Innovationen, Investitionen.

Demokratische Kräfte zogen daraus gleich eine Schlussfolgerung für Russlands künftiges Staatsmodell: Maximale Liberalisierung der Wirtschaft und ein Minimum an politischen Freiheiten – ähnlich wie in China. Die Presse in Moskau war dennoch entzückt: Endlich ein richtungweisendes Statement, ein Satz, der zumindest hängen bleibt!

Medwedew spricht den Verstand an, nicht die große russische Seele, die mit solchen abstrakten Kategorien bis heute nichts anfangen kann. Als Medwedew im Wahlkampf vor Gleisbauarbeitern im sibirischen Krasnojarsk gegen den „Rechtsnihilismus“ zu Felde zog, rührte sich keine Hand zum Beifall. Auch dann nicht, als er erklärte, was gemeint war: Die Nichtachtung von Gesetzen und Gerichtsurteilen.

Eher verstockt reagiert Russlands Bevölkerung auch dann, wenn Medwedew, der schon im Juni nach Berlin kommen will, im Stil westlicher Politiker den Kontakt von Mensch zu Mensch sucht. Viele Russen wollen keinen Herrscher zum Anfassen, sondern einen zum Anbeten. Einen Zaren und Zuchtmeister. Wie Putin.

Es sind Anforderungen, die Medwedew nicht bedienen kann. Selbst, wenn er denn wollte. Und er wollte. Zumindest beim ersten Fernsehauftritt als Präsidentschaftskandidat, bei dem er Putin eins zu eins kopierte: Tonfall, Gestik, Mimik. Es war ein PR-Desaster, das an unfreiwilliger Komik nicht zu überbieten war. Zwangsläufig. Mit 43 Jahren ist Medwedew zwar nur ein gutes Jahrzehnt jünger als Putin, trotzdem passt er von seiner Sozialisation eher zu den heutigen Mittdreißigern in Russland. Er teilt deren Vorlieben: Infotainment und Internet, Wellness und Slim-Food.

Medwedews Imageberater haben sich daher offenbar darauf verständigt, ihn als Kopie des frühen Tony Blair und Archetyp des netten Schwiegersohns zu verkaufen: Gut erzogen, gut aussehend, gut angezogen, gut gelaunt. Auf Dima, wie jüngere Russen gerufen werden, die eigentlich Dmitri heißen, fahren daher vor allem ältere Damen ab. Jüngere Russinnen fühlen sich dagegen von einem anderen angezogen: Wladimir, kurz: Wowa. „Wowa, ich halte zu dir“, steht auf T-Shirts, Baseballkappen und sogar auf Designer-Damenslips. Sie sind der Hit der Saison und in Moskaus Boutiquen bereits vergriffen.

Ähnlich reißenden Absatz findet auch die Wodka-Marke „Putinka“. Für „Medwedewka“ dagegen können sich die Alkoholproduzenten bisher nicht so recht erwärmen „Zu lang und spricht sich schlecht“, meint der Marketingexperte beim Branchenprimus „Kristall“ und lächelt kühl: „Flops können wir uns nicht leisten. Wir haben schließlich Marktwirtschaft“.

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