RUSSISCHES KLAVIERGENIEGrigory Sokolov spielt Mozart und Chopin : Der Traum der Schildkröte

Ulrich Amling

Es gibt Starpianisten, Klavierartisten und Pedalfetischisten, die Arenen mit Leichtigkeit füllen. Und es gibt jene stillen Giganten, denen nichts an einem großen Auftritt liegt, alles jedoch an der Kunst. Wie Grigory Sokolov. Während andere auf gigantische Tourneen gehen und funkelnde CDs pressen lassen, ist der Petersburger mit dem ungezähmten Grauschopf ein unbeirrbarer Individualist. Und er weiß, wie Unabhängigkeit zu erreichen ist: durch reuelosen Verzicht. Keine Jetset-Dirigenten, keine trägen Traditionsorchester, keine hundertfach geschnittenen Studioaufnahmen. Jene, die Sokolov live hören, werden den Mann, der sich vor dem Klavier in eine riesige träumende Schildkröte verwandelt, als Ereignis feiern. Und manch einer hält den 57-jährigen Russen schlicht für den größten Pianisten der Welt.

Für Sokolov, der sich ganz als Diener der Kunst versteht, ist das kein Maßstab. Seine Akribie und seine Hingabe an die Musik führen zu einer zauberhaften Leichtigkeit, die nur jene erreichen, die sich mit ganzer Seele dem ernsten Spiel verschreiben. Unter Sokolovs Händen entsteht ein poetisches Universum, in dem kein Ton, keine Phrase gesucht klingt. Wie weit und wie schön diese Welt ist, erzählt er mit nie gehörter Fülle von Details, die den Zuhörer fassungslos glücklich machen. Der Berliner Konzertagentur Adler gelingt es immer wieder, Sokolov in den Kammermusiksaal der Philharmonie zu locken. Dort lässt er auf zwei Mozart-Klaviersonaten die Préludes von Chopin folgen. Der Zauber des Einfachen begegnet den Abgründen der Seele. Ein passendes Programm für Grigory Sokolov.

Ulrich Amling

Kammermusiksaal, Di 15.4.,

20 Uhr, ab 20 €

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