Zeitung Heute : Russisches Parkett

Moskaus Botschafter Wladimir Kotenev hat mit neuer Offenheit und Leichtigkeit versucht, das alte, strenge Russland-Image zu überwinden. Nach sechs Jahren verlässt ein besonderer Diplomat nun Berlin – und reißt ein Loch in den Party-Kalender

Als Diethelm Doll, der Bonner Pharmaunternehmer, die russische Botschaft in Berlin zu einem Empfang betritt, fällt ihm ein Mann in dunkler Uniform mit goldenen Knöpfen auf. Das muss der Marineattaché sein, den kann man fragen, wo der neue russische Botschafter steckt, denkt er sich und fragt. „Ich bin der neue Botschafter“, sagt der Uniformierte freundlich. Das war im Jahr 2004.

Es hätte Doll auffallen können, dass nichts Militärisches von diesem Mann ausging. Keine Orden an der Brust, keine Rangabzeichen. Es stand ihm ein Herr in mittleren Jahren gegenüber, dessen Revers und Ärmelaufschläge mit goldzüngelndem Muster bestickt waren .

Ganz oben, am Kopf der großen Freitreppe, die in der Russischen Botschaft in die Festsäle führt, war seitdem sein Platz. Da begrüßte Botschafter Wladimir Kotenev in den vergangenen sechs Jahren seine Gäste in fast akzentfreiem Deutsch. Sein Ziel: mit einer Charmeoffensive das Bild Russlands wenden, weg von Gulag, Terror und Menschenrechtsverletzungen, mit denen das riesige Reich im Kalten Krieg und danach oft identifiziert wurde. Kotenevs bestes Argument stand gleich neben ihm. Seine Frau Maria, am liebsten mit offenen langen Haaren und in Cocktailkleidern mit weit schwingenden Röcken.

Ende Juni läuft nach sechs Jahren Kotenevs Berliner Amtszeit aus. Am 11. Juni gibt es zum russischen Nationalfeiertag noch einmal einen großen Empfang im „Russischen Palais Unter den Linden“, wie die Kotenevs die Botschaft umbenannt haben. „Heute steht Russland in Deutschland viel menschlicher und freundlicher da als bei seinem Amtsantritt“, glaubt Diethelm Doll. „Umgekehrt gilt das auch.“

Deutschland ist wichtigster Handelspartner Russlands, und auch Doll macht in Russland sein größtes Auslandsgeschäft. Deshalb gehört er zu den Stammgästen in der Botschaft. Doll ist freilich nicht der Typ, der sich von Glamour in die Irre führen lässt: „Kotenev kann mit liebenswürdigem Gesichtsausdruck sehr hart die Interessen seines Landes vertreten“, sagt er. Auch KPM-Chef Jörg Woltmann glaubt, dass sein Russland-Bild in den vergangenen Jahren positiver geworden sei. Kotenev habe „viel bewegt“. Und der Berliner BMW-Chef Hans-Reiner Schröder schwärmt: „Er hat erstklassige Kontakte und brachte die obersten Wirtschaftsbosse Deutschlands zusammen.“

Seit Kotenevs Amtsantritt wurden seine Einladungen immer begehrter. Kein Wunder, dass sich nun auch sein Abschied über viele Empfänge streckt. „Wir haben bis zum Schluss ganz viel Arbeit zu bewältigen“, sagt der Botschafter. Die Plätze auf seinem Terminkalender reichen nicht für alle Angebote, auf Wiedersehen zu sagen.

Zum ersten Mal tut er das bereits im April, im Garten einer Dahlemer Villa. Weißes Zelt. Fliegendes Büfett. Botschafter, Topmanager, Wissenschaftler. Eingeladen hat eine Dame in Schwarz, die sich im Hintergrund hält. Margarita Mathiopoulos geriet als 29-Jährige in die Schlagzeilen, als Willy Brandt sie zur SPD-Sprecherin machen wollte. Später war sie die Ehefrau des Berliner CDU-Politikers Friedbert Pflüger, wurde FDP-Mitglied und dann stellvertretende Direktorin des Aspen-Instituts, Professorin und Unternehmerin. Heute Abend will sie einen Bogen schlagen von den Anfängen der Ostpolitik bis zum Abschied eines besonderen Botschafters, der sogar eine nach Westen orientierte Transatlantikerin wie sie zu beeindrucken weiß.

Außenminister Guido Westerwelle hält eine Laudatio auf seinen scheidenden Duzfreund Kotenev. „Lieber Wladimir“, sagt er, „du bist nicht nur Repräsentant deines Landes, sondern für viele zum herzlichen Bekannten, zum Freund geworden. Das liegt nicht nur an dir, sondern auch an deiner Frau. Sie ist einfach fantastisch.“ Und beehrt Maria Koteneva mit dem Kompliment: „Du hast das positive Strahlen erfunden.“

Die Kotenevs waren ein Versprechen darauf, was aus Russland werden könnte. Auch, wenn die Schreckensnachrichten oft kein Ende zu nehmen schienen. Kurz nach seinem Amtsantritt das Geiseldrama von Beslan mit hunderten Toten, vor allem Kindern. Im Oktober 2006 die Ermordung der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja unter bis heute nicht geklärten Umständen, im Dezember 2006 der Giftanschlag auf den Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko. Krieg in Tschetschenien. Krieg in Ossetien. Gaskrieg mit der Ukraine.

Mit Skepsis wurde anfangs auch Kotenev begegnet. Er setzte Offenheit dagegen und hob immer wieder hervor, dass sich sein Land seit den Zeiten des Kalten Kriegs grundlegend geändert habe. Und es ist ein riesiges Land. Schwer zu regieren. Alle Menschen dort, er selbst eingeschlossen, mussten angesichts der Umwälzungen komplett umdenken, ihr Leben neu erfinden. Gemessen daran hätten die Russen viel erreicht. „Warum findet so was keinen Niederschlag“, fragte er immer wieder.

Und seine Frau Maria Koteneva schuf die Bilder zu dieser neuen Offenheit. Sie schwebte bei der ersten Valentinsparty mit ihren langen blonden Haaren und im weit schwingenden Kleid tanzend übers Parkett. Mal zog sie diesen, mal jenen Gast vom Rande auf die Tanzfläche. Sie versprühte Charme und führte elegante Dresscodes ein, sie verlieh den Pelmeni des Botschaftskochs den Ruf, die besten westlich des Urals zu sein, sie fasste ihre Gäste wie ein Kind an die Hand: „Kommen Sie“, sagte sie mit lang gezogenem „O“. „Ich möchte Ihnen unbedingt jemanden vorstellen.“

Von den ersten Wirtschaftsbällen in der Botschaft nahm kaum jemand Notiz. Erst Maria Kotenevas Geschick, die Spitzenmanager von BASF und Porsche für die Idee eines prachtvollen Festes zu begeistern, machten den Ball doch noch zu einem Höhepunkt in den Kalendern der Berliner Gesellschafts- wie Wirtschaftsgrößen. Das Chemieunternehmen BASF öffnete seine Weinkeller, um die Gäste mit Riesling aus der Pfalz und mit Bordeaux zu versorgen. Natürlich spielte bei Managern, die mithalfen, den Glanz zu finanzieren, auch die Erfahrung eine Rolle, dass man in Russland selbst in Krisenzeiten gute Geschäfte machen kann. Manches ergab sich dabei wie von selbst. Am Rande einer Gala, zu der Berlins mächtigste Gastgeberin Isa von Hardenberg geladen hatte, standen der Berliner BMW-Chef Hans-Reiner Schröder und Maria Koteneva zusammen. Das Gespräch kam darauf, ob man nicht russischer Mode auch mal eine Plattform in Berlin geben sollte. „Ich bin dabei“, sagte Schröder spontan. Die Russen seien für BMW schließlich exzellente Kunden. Nicht lange danach war Schröder Mitgastgeber der ersten Modegala in der Botschaft.

Nun gelten die Räume der Botschaft auch beim Modevolk als hip. Michael Michalsky, Wolfgang und Jette Joop gehörten in der Ära Kotenev zu den Stammgästen. Vor den Kulturprogrammen mit jungen russischen Musikern, mit Männerchören oder modernen Theatermachern bedankte sich der Botschafter bei den jeweiligen deutschen und russischen Geldgebern, die das anschließende fröhliche Gewusel rings ums russische Büfett mit Lachs und Soljanka ermöglichten. Immer wieder erinnerte er in seinen Ansprachen aber auch an die Bedeutung der russischen Seele für die Kunst.

Public Diplomacy als Networking auf höchstem Niveau. Das Konzept kommt einem bekannt vor. Der ehemalige Schweizer Botschafter, Thomas Borer, und seine amerikanische Ehefrau Shawn Fielding, machten es an der Spree populär. Als Pioniere auf dem Feld der Glamour-Diplomatie wurden sie bald zu einem Fall für die Skandalpresse. Nach einer zufälligen Begegnung mit dem exzentrischen Paar bei der Aidsgala machte Maria Koteneva deutlich, dass die beiden kein Vorbild für sie waren. Man kannte sich aus der Schweiz, wo auch Kotenev mal auf Posten war. Mehr nicht.

Das Spiel mit der öffentlichen Aufmerksamkeit ist gefährlich. Thomas Borer verließ den konservativen Auswärtigen Dienst der Schweiz, den er hatte aufmischen wollen, und wurde Unternehmensberater. Den Kotenevs gelang es, die Balance zwischen Party und Politik zu halten. Man glaubte ihnen, dass sie auch privat harmonieren, weil sie so unkompliziert auftraten.

„Wir haben das Land neu kennengelernt“, sagt Kotenev, 1957 in Moskau geboren, heute über seine Zeit in Deutschland. Es war nicht seine erste. Wladimir Kotenev und Maria Koteneva lebten von 1979 bis 1984 im West-Berliner Konsulat der Sowjetunion in Dahlem. Damals war Berlin Hauptstadt der Spione, unbefangene Kontakte waren weder erlaubt noch möglich. Kotenev entging nur mit Glück einem Anschlag auf das Konsulat. Als der damals noch junge Diplomat von 1984 bis 86 nach Ost-Berlin versetzt wurde, entwickelten sich erste Freundschaften. Er ist oft gefragt worden, ob er Putin, der damals als KGB-Chef in Dresden lebte, gut gekannt hat. Das hat er immer verneint. Seinen Präsidenten habe er wirklich erst kennengelernt, als er schon Botschafter war.

„Ihr habt deutsch-russische Geschichte geschrieben“, ruft Margarita Mathiopoulos an dem ersten Dahlemer Abschiedsabend dem Paar zu. Und dann kommt endlich der Botschafter selbst zu Wort. Kotenev sagt: „In sechs Jahren ist viel passiert. Wir haben viele Freunde gewonnen. Die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sind heute sehr gut. Mein ganzes Leben war eine Vorbereitung auf diesen Posten. Ich bin sehr froh, dass ich hier kreativ arbeiten konnte. Deutschland war geprägt vom Kalten Krieg. Das ist jetzt nicht mehr so.“

Viele rätseln nun über den weiteren Werdegang des Botschafters. „Die Regierung bestimmt, wo sie mich einsetzt“, sagt Kotenev. Erst nach seiner Rückkehr falle die Entscheidung, ob er eine Position im Außenministerium einnimmt oder in die Wirtschaft geht. Ein Gerücht hält sich besonders hartnäckig. Vielleicht werde man Wladimir Kotenev schon bald als Gasprom-Chef wiedersehen.

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