Zeitung Heute : Russkij Berlin 2008

Keine deutsche Stadt bietet so viel russische Kultur wie Berlin. Das hat die Hauptstadt den vielen kreativen Köpfen zu verdanken

In den 1920er Jahren, da gab es schon einmal ein „Russki Berlin“ – Maxim Gorki, Wladimir Majakowski, Boris Pasternak und Wladimir Nabokov und zehntausende Schicksalsgenossen waren auf der Flucht vor den Sowjets in Berlin gelandet. Aber ihr Leben spielte sich in „Charlottengrad“ ab, wo die Russen meistens unter sich blieben. Heute ist das anders. „Russki Berlin“ ist über die ganze Stadt verstreut.

Einer der liebenswertesten Orte ist das „Kino Krokodil“ im Prenzlauer Berg. Der gebürtige Sachse und bekennende Liebhaber russischer Filme Gabriel Hageni hat sich hier, am Ende der Greifenhagener Straße, vor vier Jahren sein eigenes Reich geschaffen. Mit einem alten tschechischen Filmprojektor zeigt er seinen Zuschauern Filme, die man sonst kaum zu sehen bekommt, zum Beispiel den „Panzerkreuzer Potemkin“ oder Ernst Lubitschs „Ninotschka“. Aber das „Krokodil“ bringt auch aktuelle Filme aus Russland wie den auf der Berlinale ausgezeichneten „Rusalka“ nach Berlin, natürlich immer zumindest mit deutschen Untertiteln. Bei geschätzten ein- bis zweihunderttausend russischsprachigen Berlinern – genau weiß das niemand – müssten die Zuschauer ihm doch eigentlich die Bude einrennen? Hageni sagt, die Besucherzahl sei „zufriedenstellend.“ Ein großer Teil der russischen Community sei wohl eher konservativ.

Andere Kinos mit russischem Filmprogramm gibt es praktisch nicht: Hin und wieder zeigt das „Haus der Russischen Wissenschaft und Kultur“ in der Friedrichstraße oder das „Arsenal“ am Potsdamer Platz russische Filme, auch bei den „Russischen Filmtagen Berlin“, die seit 2005 stattfinden, lässt sich ein Blick auf die sich momentan neu erfindende russische Filmkunst werfen.

Mehr Erfolg war dagegen in den letzten Jahren der russischsprachigen Musik vergönnt. Auch wenn die „Original Don Kosaken“ weiterhin von Spandau bis Köpenick ihr Unwesen treiben und mit Balalaika und Kasatschok die Stereotype bedienen – die russische Musik-Szene in Berlin blüht.

Als Katalysator fungierte Wladimir Kaminers inzwischen bundesweit bekannte „Russendisko“ im „Kaffee Burger“. Seitdem steht russische Musik für Ausgelassenheit und gute Laune. In Berlin gegründete Bands tragen Namen wie Ersatzmusika, Bloody Kalinka, Skazka oder Cosmonautix, bestehen meistens aus jungen Musikern mit „russischem Migrationshintergrund“ und mischen in ihrer Musik russische Wurzeln mit Stilen wie Tango, Ska oder Jazz. Eine der wenig experimentellen aber wohl bekanntesten Berliner Gruppen ist das „Trio Scho“, das nun schon seit Jahren auf allen Veranstaltungen mit Russland-Touch russische Klänge beisteuert oder in russischen Restaurants wie dem „Voland“ den Genuss von Pelmeni und Borsch musikalisch krönt.

Um die Schätze der osteuropäischen Musik zu heben, gründeten Alexander Kasparov und Armin Siebert 2004 in Berlin sogar eigens das Label „Eastblok“. Der gebürtige Moskauer Kasparov ist überzeugt: „Berlin ist erster Anlaufpunkt für Osteuropäer in Westeuropa.“ Die beiden stellen russische Elektro-Compilations zusammen oder holen Bands wie „Leningrad“ nach Berlin – und beweisen, dass die Russen mehr als „Wolga Wolga“ können.

Für die Hochkultur fühlen sich andere zuständig. „Gazprom“ holte im vergangenen Oktober das Bolschoi-Ballett in die Staatsoper, für nächstes Jahr ist das St. Petersburger Marinski-Theater geplant. „Kultur stärkt die Brücken zwischen Russland und Deutschland“, erklärt Unternehmenssprecher Burkhard Woelki das finanzielle Engagement des Gasriesen. Ohne Gazprom-Unterstützung hat es dagegen Vladimir Malakhov geschafft: Seit 2004 ist der weltberühmte Tänzer Leiter des Staatsballetts Berlin.

Die Welt der Russen in Berlin ist aber auch eine Parallelwelt, zu der des Russischen nicht Mächtigen der Zugang fehlt: Zeitungen wie „Russkij Berlin“, „Evropa-Express“ oder „Berlinskaja Gaseta“ erscheinen auf Russisch, im Radio dudelt auf 97,2 zumindest halbtags der Sender „Russkij Berlin“ russische Musik und Nachrichten. Die beiden wichtigsten russischen Medienunternehmen, die hinter den Zeitungen und dem Radiosender stehen, haben ihren Ursprung in Berlin: Dmitri Feldman gründete „RusMedia“ 1996, Nicholas Werner sein Verlagshaus „Werner Media“ 2001 in der Hauptstadt. Zu dieser Parallelwelt gehört auch das russische Theater „Russkaja Szena“, das Ilja Gordon im letzten Jahr gegründet hat. Seine Schauspieler spielen in ihrer Muttersprache, dafür aber auch Brecht. Das „Russische Theater“ in der Kulturbrauerei dagegen spielt auf deutsch, allerdings vor allem russische Stücke. Gerade hat es mit dem Wiener Wladimir Jaremenko-Tolstoj einen neuen Direktor bekommen, der dem Theater eine neue Ausrichtung geben will.

Ganz ohne Sprache kommt dagegen die Kunst aus: Dutzende russische Künstler hat es seit der Wende nach Berlin gezogen. Seit 1997 ist Marina Sandmann mit ihrer Galerie „Sandmann“ in der Linienstraße die Schnittstelle zwischen ihnen und Berlin. Die gebürtige Moskauerin hat in den letzten Jahren viele russische Künstler in Deutschland und der Welt bekannt gemacht. Die meisten von ihnen sind Nonkonformisten wie Alexei Kostroma oder Aleksandra Konewa, die inzwischen in Berlin wohnen. Dabei hieß die erste Adresse für russische Künstler noch bis in die 1980er Jahre Köln – vor allem wegen der politischen Verhältnisse. „Erst jetzt bekommt Berlin wieder die Bedeutung wie in den 20er Jahren,“ sagt Sandmann. Die meisten Sammler sitzen zwar im Rheinland, aber in Berlin enstehe schon eine Art „Künstler-Community“. Bis zu 50 russische Künstler haben ihre Ateliers nach Berlin verlegt, „vor allem wegen der billigen Mieten und der kreativen Atmosphäre in der Stadt“, so Sandmann. Manche träumten sicher von einer späteren Karriere in New York oder London, „aber eigentlich lässt es sich in Berlin sehr bequem leben.“

Ein anderer Hort für die russische Kunst verbirgt sich in der Käthe-Niederkirchner-Straße in Prenzlauer Berg. Hier hat der aus Minsk stammende Egor Sviridenko vor wenigen Monaten sein „Tee- und Kunsthaus Tschaikowsky“ eröffnet, ein kleines gemütliches Café, in dem Sviridenko Kunst ausstellt, Tee serviert und Musiker einlädt. Und auch wenn Sviridenko betont, dass er kein reiner „Russenclub“ sein will und nicht nur russische Künstler ausstellt – zum Liederabend sitzen dann doch vor allem Marinas, Swetlanas und Dmitris auf den gemütlichen Sofas. Neugierig geworden?

Die beste Eintrittskarte zum russischen Leben in Berlin ist die Internet-Seite www.007-berlin.de: Sie hat den Vorteil, dass es sie auch auf deutsch gibt. Nur für Russisch-Versteher: www.izum.de, www.berlin-russisch.de

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