Zeitung Heute : Russland bei Olympia: Das Ende der Diplomatie

Benedikt Voigt

Die Russen meinten es ernst, sehr ernst. Mit acht Mann marschierten sie in den Interviewraum A des Main Media Centers ein, wo bisher die Kunst der Diplomatie gepflegt wurde. Als der russische NOK-Präsident Leonid Tijagatschew das Wort ergriff, war es endgültig vorbei mit den wachsweichen Worten. "Wir sind bereit, das Olympische Dorf zu verlassen", drohte er. Die Schiedsrichter und Offiziellen sollten "aufhören, Marionetten aus unseren Athleten zu machen". Auch der russische IOC-Vizepräsident Witali Smirnow fand deutliche Worte: "Ohne Russland wären die Olympischen Spiele verloren." Im Interviewraum A herrschte eine gespenstische Atmosphäre.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wird die Geister nicht mehr los, die es rief. Seit es am vergangenen Freitag die Wertung im Eiskunstlaufen der Paare nachträglich änderte, um zwei Goldmedaillen zu vergeben, werden bei den Spielen in Salt Lake City sämtliche umstrittenen Entscheidungen angefochten. Litauen protestierte gegen die Wertung bei den Eistänzern, Südkorea gegen eine Disqualifikation im Shorttrack, am massivsten fühlt sich die russische Delegation benachteiligt. Tijagatschew sagt: "Das IOC soll die nicht objektive Einstellung uns gegenüber untersuchen."

Die Russen glauben inzwischen, dass sie gleich in vier Fällen nicht fair behandelt wurden, weshalb sie mit ihrem vorzeitigen Auszug aus dem Olympischen Dorf und mit dem Verzicht auf die Sommerspiele 2004 in Athen drohten. IOC-Präsident Jacques Rogge schrieb daraufhin einen Brief an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Rogge erklärte darin, dass er die Emotionen der Russen verstehen könne. Er versichere ihm aber, "dass die Entscheidungen absolut korrekt waren". Putin hat inzwischen erklärt, dass die russische Mannschaft bis zum Ende der Spiele in Salt Lake City bleiben werde.

Auslöser der sportpolitischen Krise war der erzwungene Rückzug der russischen 4 x 5-Kilometer-Langlaufstaffel der Frauen. Ohne die Favoritinnen gewann die deutsche Staffel überraschend Gold. Die Russinnen konnten nicht antreten, weil Larissa Lasutina den obligatorischen Gesundheitstest des Internationalen Skiverbandes (FIS) nicht bestand. Ihr Hämoglobinwert betrug 16,8 pro Deziliter, erlaubt sind 16,0. Dieser Wert weist zwar auf Blutdoping hin, ist aber offiziell noch kein Dopingvergehen. Der Gesundheitstest gilt als nicht bestanden. Es tritt wie bei Lasutina eine Schutzsperre in Kraft. Nach den Regeln der FIS wird pro Team eine Läuferin zu diesem Test gebeten. So geschah es auch in Soldier Hollow. Dennoch fühlen sich die Russen benachteiligt. Sie glauben, die Offiziellen hätten es auf sie abgesehen. "Wir wollen, dass die Öffentlichkeit weiß, dass wir sauberen Sport wollen und nicht subjektive Urteile", sagte Tijagatschew. Auch beim Eishockeyviertelfinale, das Russland 1:0 gewann, glaubt der NOK-Präsident, sei seine Mannschaft von den Schiedsrichtern nicht fair gepfiffen worden.

Immer noch schmerzt es die russische Seele, dass der Sieg von Jelena Bereschnaja und Anton Sicharulidse im Paarlaufen in der amerikanischen Öffentlichkeit angezweifelt wurde. Nachdem eine französische Preisrichterin Fehlverhalten zugegeben hatte, wurde dem kanadischen Paar eine zweite Goldmedaille verliehen. Die Russen nehmen das nun zum Anlass, ihrerseits gegen die knappe Niederlage von Irina Slutskaja im Eiskunstlaufen der Frauen zu protestieren. Vor diesem erneuten Protest hatte der IOC-Generalsekretär Francois Carrard versucht, das Thema herunterzuspielen. "Die Emotionen sind sehr hoch, wir müssen sehen, was die Zeit mit diesem Thema morgen und übermorgen macht." Das IOC fühlte sich nicht zuständig für die einzelnen Proteste, da die Verbände die Wertungen der Wettbewerbe durchführen. Erst wenn sie, wie im Fall der Kanadier geschehen, an das IOC herantreten und eine neue Bewertung vorschlagen, kann es eingreifen.

Tijagatschew hat die Fälle bereits mit den einzelnen Verbandspräsidenten erörtert. Er sagte: "Wir sind nicht die einzige Nation, die erniedrigt wird: China wird erniedrigt, die Ukraine, Korea." Nach einer umstrittenen Disqualifikation eines Südkoreaners zugunsten des US-Nationalhelden Apolo Ohno wurden die Computer des amerikanischen Olympischen Komitees mit E-Mails aus Asien lahm gelegt. Carrard wollte das aber nicht einer neuen Protestkultur zuschreiben, die das IOC geweckt haben könnte. Im Gegenteil, der Generalsekretär vermutete den "fantastischen Erfolg" der Spiele als Ursache. "Je mehr Leute zuschauen, desto mehr Protest gibt es."

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