Zeitung Heute : Russland bei Olympia: Tränen hinterm Vorhang

Benedikt Voigt

Das Publikum im Salt Lake City Ice Center konnte nicht sehen, wie Irina Slutskaja schimpfte. Hinter dem blauen Vorhang, der die Katakomben von der Eisfläche trennt, stand die kleine Russin nach ihrer Kür und weinte. Sie fuchtelte mit der rechten Hand in der Luft und haderte: "Ich habe so hart für meine zweiten Noten gearbeitet, als ich sie dann gesehen habe, war ich geschockt: Sie sind eine Schande."

Bei der Siegerehrung strahlte Slutskaja wieder professionell und sagte nur noch: "Die Preisrichter müssen eine Entscheidung treffen." Knapp mit fünf zu vier hatte die Jury gegen die 23-Jährige entschieden und sie im Eiskunstlaufen der Frauen auf Platz zwei gesetzt. Das russische Nationale Olympische Komitee legte Protest ein. Es forderte, dass ihr wie beim kanadischen Eislaufpaar ebenfalls eine Goldmedaille verliehen werden solle (siehe nebenstehenden Text).

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Doch die Entscheidung bei den Frauen barg noch mehr Dramatik. Slutskaja verlor nicht gegen ihre große Rivalin Michelle Kwan, sondern gegen die 16-jährige Sarah Hughes (beide USA). "Ich hatte nicht damit gerechnet, nachdem ich im Kurzprogramm nur Vierte war", sagte die Olympiasiegerin, "davon habe ich immer geträumt." Michelle Kwan bekam zwar die meisten Teddybären auf das Eis geworfen, holte aber nach einem Sturz beim dreifachen Flip nur Bronze. "Es sollte einfach nicht sein", sagte Kwan.

Sarah Hughes bot die beste Kür aller Läuferinnen. "Manche schaffen es nie, die Darbietung ihres Lebens zu zeigen", sagte die Amerikanerin. Sie hatte zwei doppelte Dreifachsprünge im Programm gemeistert. "Das ist das erste Mal, dass ich das in einem Wettbewerb geschafft hatte." Bei den US-Meisterschaften war Hughes nur Dritte geworden. Nun ist sie Olympiasiegerin. "Nie war vorher von mir die Rede", sagte der Teenager, "immer nur von zwei anderen."

Die eine war Irina Slutskaja. Sie hatte in ihrer Kür Unsicherheiten gezeigt. Bei der künstlerischen Note bekam sie zweimal nur die 5,6. "Das hat mich überrascht, es war die beste Performance dieser Saison für mich", sagte die Russin. Die gesamte Kür der Frauen wurde von der Androhung der Russen überschattet, aus Salt Lake City abzureisen. "Davon habe ich erst nach meinem Lauf erfahren", sagte Slutskaja.

Es bleibt Stoff für viele Geschichten. Etwa die von Michelle Kwan, die als amtierende Weltmeisterin und US-Meisterin angereist war und nun mit einer Bronzemedaille zurückkehrt. Schon in Nagano 1998 war ihr so etwas passiert, damals belegte sie hinter der 15-jährigen Tara Lipinski nur Rang zwei. Ohne Trainer hatte sich Kwan diesmal auf die Spiele vorbereitet. Nach dem Kurzprogramm hatte sie noch geführt, doch der Sturz kostete die Goldmedaille.

Schon vor dem Einlaufen hatten das amerikanische Publikum vor Begeisterung geschrien, als sie auf der Videowand eingeblendet wurde. Es könnte sein, dass die Amerikaner auf ihren Liebling auf dem Eis in Zukunft verzichten müssen. "Ich habe noch nicht entschieden, was ich mache", sagte Kwan. Lipinsky hatte sich nach ihrem Olympiasieg in Nagano entschieden, zu den Profis zu wechseln. Einen ähnlichen Abgang möchte Sarah Hughes nicht machen: "Ich fühle, dass noch eine Menge großer Erlebnisse im Leben auf mich warten." Das größte Erlebnis im Sport kennt sie bereits.

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