Zeitung Heute : Rußland braucht seine Sonderrolle

ALBRECHT MEIER

Bühne frei für Boris Jelzin: Über einen Mangel an Interesse hat sich der russische Präsident bei seinem Auftritt zum Abschluß des G-8-Gipfels in Köln nicht beklagen können. Rußlandhilfe, die Vereinbarung über das Zusammenwirken russischer Truppen mit den KFOR-Kontingenten im Kosovo und die sich abzeichnende Nachkriegsordnung auf dem Balkan - all dies bedurfte in Köln noch einmal der Approbation durch den Kremlherrscher. Die G-7-Staaten, die sieben mächtigsten westlichen Industriestaaten, taten Jelzin den Gefallen gern, die Rolle Rußlands entsprechend den Erwartungen Moskaus auszufüllen: Als gleichberechtigter Partner des Westens, nicht als Bittsteller.

Einen Trumpf hatte der alte Mann aus dem Kreml, der sich in Köln vorsichtig die Gangway hinuntertastete, schon vor seinem Auftritt aus der Hand gegeben. Das russisch-amerikanische Militärabkommen für das Kosovo hat die Temperatur beim Kölner Treffen ganz entscheidend gesenkt. Ein paar Tage lang hat Jelzin, der den russischen Überraschungs-coup von Pristina letztlich billigte, die Verwirrung der Nato genossen und innenpolitische Pluspunkte gesammelt - um der Welt dann wieder ein Rußland-Bild vorzuführen, das zum Abschluß des Kölner Treffens in bekannte Schlagworte gerann: Verläßlicher Partner, angekommen in der Mitte der G-8-Staaten.

Wie zum Beweis der Verläßlichkeit Moskaus verweist der Westen auf den im Jahr 1997 geschaffenen Nato-Rußland-Rat, der die Zeit nach dem Ende des Jugoslawien-Krieges und das soeben in Köln verkündete Tauwetter begleiten soll. Sicher kann sich Moskau, dessen wirtschaftliche Schwäche bei derartigen Gipfelanlässen stets taktvoll kaschiert werden muß, einen Krieg der Worte noch weniger leisten als der Westen. Aber dennoch spricht wenig dafür, daß Rußland und der Westen nun bei der Suche nach Stabilität für den gesamten südosteuropäischen Raum mit einer Stimme sprechen werden. Vor seiner Begegnung mit den westlichen G-7-Staatschefs hat Jelzin die Nato-Militäraktion in Jugoslawien noch einmal mit scharfen Worten verurteilt. Der Streit über eine mögliche Aufbauhilfe für das kriegszerstörte Serbien zeigt an, wo sich demnächst Friktionen über den Umgang mit dem Belgrader Regime auftun dürften. Auch Bundeskanzler Schröder, der gemeinsam mit seinem Außenminister Fischer den russischen Kosovo-Vermittler Tschernomyrdin "ins Boot holte", mochte den russischen Freunden in dieser Frage keine Brücke mehr bauen: Der Westen ist sich in seiner Haltung gegenüber Milosevic einig.

Übergroße Vorsicht im Umgang mit den russischen Partnern ist ohnehin fehl am Platze. Der Ertrag der in Köln angekündigten Initiativen - darunter die zwischen Washington und Moskau vereinbaren neue Abrüstungsgespräche - muß sich erst noch erweisen. Rußland selbst ist schließlich daran gelegen, die west-östliche Kooperation in Grenzen zu halten, um auf der internationalen Bühne weiter eine Sonderrolle spielen zu können. Der Westen wird also weiter damit leben müssen, daß sich Moskaus Aktionen auf dem Feld der internationalen Beziehungen sozusagen im Spannungsfeld zwischen Pristina und Helsinki bewegen - zwischen Großmachtgebaren und goodwill. Zunächst einmal ist aber in Köln der Gesprächsfaden zwischen Rußland und dem Westen wieder neu geknüpft worden. Im kommenden Jahr wird in Rußland ein neuer Präsident gewählt. Wenn Moskaus Diplomatie bis dahin nicht zur Beute der Innenpolitik werden soll, dann bleibt auch dem Westen nichts anderes übrig, als den Gesprächsfaden zu ergreifen.

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