Russland und Polen : Die Last der Geschichte

Russlands Premier Wladimir Putin bezeichnet den Absturz von Smolensk als Tragödie auch für sein Land. Wie wirkt sich das Unglück auf die schwierigen Beziehungen der beiden Staaten aus?

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In Trauer vereint. Polens Regierungschef Donald Tusk (links) und der russische Premier Wladimir Putin. Foto: AFPRIA

Vor Polens Botschaft in Moskau liegt ein Teppich aus Blumen. Tausende erwiesen den Opfern der Flugzeugkatastrophe bei Smolensk am Sonntag die letzte Ehre. Es war fast so wie im Herbst 1998, als Raissa Gorbatschowa starb. Zu Lebzeiten hatten die Moskowiter die russische Präsidentengattin geschmäht, vor ihrem Sarg standen sie dann stundenlang Schlange. Viele mit Tränen in den Augen, wie am gestrigen Tag. Vergessen waren da aller Ärger, aller Streit, die das russisch-polnische Verhältnis seit mehr als tausend Jahren belasten.

Die beiden Völker verbindet eine gegenseitige Hassliebe – wie manchmal bei Geschwistern, die sich ähnlicher sind, als sie wahrhaben wollen. Beide gehören der slawischen Sprachfamilie an, die Russen dem östlichen, die Polen dem westlichen Zweig. Intellektuelle können einander in groben Zügen verstehen – guter Wille auf beiden Seiten vorausgesetzt. Und obwohl die einen orthodoxe Christen, die anderen Katholiken sind: Zur Johannisnacht im Juni robben Russen wie Polen in Scharen durch die Wälder auf der Suche nach der Farnblüte, die ihrem Finder jeden Wunsch erfüllt. Dass es die gar nicht gibt, weil Farne sich durch Sporen vermehren, beeindruckt weder die einen noch die anderen.

Die Sonaten des Polen Frédéric Chopin rühren Russen ebenso zu Tränen wie die Klavierkonzerte des Russen Rachmaninow die Polen. Und nirgendwo im Ausland kassierte das Alexandrow-Tanz- und Gesangsensemble der russischen Armee größere Beifallsstürme als in Polen. Trotz Liedern aus dem Zweiten Weltkrieg, den Polen und Russland höchst unterschiedlich interpretieren.

Schon im Mittelalter lieferten sich die Könige Polens und Litauens mit den Moskauer Großfürsten blutige Schlachten. Sie kämpften um die Vorherrschaft in Osteuropa und den Besitz der Ukraine, die beide im 17. Jahrhundert untereinander aufteilten. Später wurde Polen selbst geteilt, den Osten – mit Warschau – verleibte sich das Zarenreich ein. Nach dem Ersten Weltkrieg wieder ein souveräner Staat, mischte Polen zwischen 1919 und 1921 aktiv in den Interventionskriegen gegen die junge Sowjetmacht mit. Neben Freischärlern und weißen Emigranten, die sich nach Lenins Machtergreifung im Oktober 1917 nach Warschau abgesetzt hatten, kämpften auch Einheiten der regulären polnischen Armee gegen die Bolschewiki. Stalin verzieh das nie und sah nach Hitlers Überfall auf Polen 1939 die Stunde der Rache gekommen. Beide Diktatoren teilten Polen erneut unter sich auf. Kaum war die Rote Armee in den Ostteil eingerückt, begannen dort die Massendeportationen der Eliten, die Stalin 1940 exekutieren ließ. Rund 22 000 Polen fielen dem Massaker zum Opfer. 4000 allein bei Katyn.

Moskau lastete das Verbrechen lange der Wehrmacht an. Erst Michail Gorbatschow rang sich 1988 zu einem Schuldbekenntnis durch. Doch so mancher russische Historiker bestreitet dies bis heute: Hitler sei es gewesen und der hätte gut daran getan, heißt es. Denn Polen habe durch fehlende Kompromissbereitschaft bei den Verhandlungen mit Deutschland um einen Korridor nach Ostpreußen den Krieg selbst heraufbeschworen.

Dass die Rote Armee 1944 am rechten Weichselufer stehen blieb und den Warschauer Aufstand nicht unterstützte, haben die Polen ebenso wenig vergessen wie die Zwangsbeglückung durch den Kommunismus nach 1945. Dass die Westmächte Polen an Stalin auslieferten, verdrängen die meisten.

Auch nach dem Ende von Sowjetmacht und Kommunismus besserte sich das Verhältnis nicht. Eher das Gegenteil war der Fall. Polen drängte in die Nato, entwickelte sich dort zu einem der treuesten Verbündeten Washingtons und versuchte auch in der EU, einen Keil zwischen Russland und das alte Europa zu treiben. So legte sich Warschau quer beim Bau einer Ostseepipeline, die russisches Gas unter Umgehung Polens nach Westen pumpen sollte, und unterstützte demonstrativ die Orange Revolution in der Ukraine, die eine prowestliche, Moskau-kritische Regierung an die Macht spülte. Russland rächte sich mit einem Embargo für polnische Fleischimporte. Polen konterte, indem es Washingtons Plänen für die Stationierung von Raketenabwehr begrüßte, durch die Moskau sich bedroht sieht. Warschau dagegen sah sich durch Moskau bedroht und rief zusätzlich nach Patriot-Kurzstreckenraketen, um den vermeintlichen Aggressor zu zügeln.

Beobachter erklärten die schrillen Töne auch mit persönlichen Animositäten zwischen Wladimir Putin und den damals in Polen herrschenden Kaczynski- Zwillingen. Das Eis taute erst, als Donald Tusk 2007 polnischer Premier wurde und beide Seiten die auf Eis gelegte „Kommission für schwierige Fragen“ reanimierten.

Dass Putin und Tusk am vergangenen Mittwoch den Opfern von Katyn gemeinsam die Ehre erwiesen, halten viele Beobachter für einen Wendepunkt im bilateralen Verhältnis. Die Flugzeugkatastrophe von Smolensk drei Tage später sollte daran nichts ändern. Zu hoffen bleibt, dass die Bilder von Putin und Tusk vor den Trümmern der abgestürzten polnischen Präsidentenmaschine, wie sie sich gegenseitig Trost spenden und umarmen, die Beziehung ihrer Länder langfristig verbessern. Auch dass in Russland für den heutigen Montag wie in Polen Staatstrauer angeordnet wurde, ist ein versöhnliches Zeichen.

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