Zeitung Heute : Russlands rechter Rand

Bei Ausländern geht die Angst vor Neonazis um

Elke Windisch[Moskau]

Als Amaro Lima am vergangenen Samstag im Park von Woronesch von Spaziergängern gefunden wurde, war er schon verblutet. Sein Leben dauerte 24 Jahre – er kam aus Guinea-Bissau, gerade studierte er Medizin –, bis jemand ihm viele Male ein Messer in den Unterleib stieß.

Auf dem Campus von Amaro Limas Universität scheint seither alles möglich. Die ausländischen Studenten sind außer sich. In Woronesch, 900 Kilometer südlich von Moskau, wo schon zu Sowjetzeiten Spezialisten aus Entwicklungsländern ausgebildet wurden, ist immer noch jeder dritte Student Ausländer. Aber heute fühlen die sich unsicherer als je zuvor, fordern von der russischen Regierung Schutz vor Übergriffen rechtsextremer Jugendorganisationen und vor allem auch ein „aktiveres“ Vorgehen der Polizei. Eineinhalbtausend Studenten ausländischer Herkunft boykottieren nun die Vorlesungen, und sie drohen mit Studienabbruch.

Das ist für Wladimir Putin, der sich mitten im Wahlkampf befindet, unangenehm und könnte, wenn die Studenten wirklich zurück in die Heimat gehen, auch Löcher ins Budget reißen. Zu Sowjetzeiten war die Ausbildung von Fachkräften aus „national befreiten Staaten“ Teil des revolutionären Weltprozesses. Bezahlt wurde dieser „proletarische Internationalismus“ in der Regel von den sowjetischen Steuerzahlern. Aber inzwischen lässt sich Moskau die Ausbildung mit harten Devisen bezahlen. Deshalb hängen Staatsanwaltschaft und Außenministerium den Mord an Amaro Lima tief und schließen rassistische Motive dafür fast völlig aus. Obwohl es schon mehrere solche Übergriffe gab.

Für viele Bürgerrechtler sind die Ereignisse in Woronesch nur die Spitze des Eisbergs. Sie scheinen Recht zu haben: Gleich nach dem Terroranschlag in der Moskauer Metro Anfang Februar forderte ein hoher Beamter der Petersburger Stadtregierung mehr Strenge gegen die Kaukasier. Kurz darauf wurde dort ein zehnjähriges Mädchen aus Tadschikistan erstochen und ihre Verwandten schwer verletzt. Das Mahnmal für die Opfer der Leningrader Blockade war am 60. Jahrestag mit Hakenkreuzen beschmiert. Ein Putzkolonne schrubbte sie, kurz bevor Putin dort seinen Kranz niederlegte, schnell mit der Wurzelbürste weg. Skinheads, die zum Geburtstag Hitlers 2002 auf einem Moskauer Markt armenische Händler krankenhausreif geschlagen hatten, kamen jüngst mit erstaunlich milden Urteilen davon, und direkt vor der Kremlmauer verkaufen fliegende Händler die russische Ausgabe von „Mein Kampf“.

Leider würden auch immer mehr radikale Kleriker der russisch-orthodoxen Kirche die Zusammenrottungen der Neonazis durch ihre Anwesenheit adeln, sagt der Menschenrechtler Alexej Litischewskij. Und während demokratische Parteien und Bewegungen in Russland unter der allgemeinen Lethargie und dem politischem Desinteresse leiden, engagieren sich laut offizieller Statistik über drei Prozent der Russen in extremistischen Organisationen – die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen. Alexej Simonow, der Vorsitzende der Stiftung Glasnost, fürchtet, dass bis zu 60 Prozent der russischen Bevölkerung mit extremistischen Organisationen sympathisieren, auch erstaunlich viele Journalisten.

Verboten sind bisher lediglich die „Legion Werwolf“ und in einigen Regionen die „Russische Nationale Bewegung“. Nicht verboten ist hingegen die „Patriotische Volksfront Pamjat“ (Gedächtnis), deren Manifest die Reinhaltung der Rasse fordert und die Tötung von Juden, Kommunisten und Obdachlosen mit der Vernichtung von Schaben gleichsetzt.

„Pamjat“ und Co., behauptet der Publizist Alexej Surkow, seien während der Perestroika vom KGB gegründet worden. Als Unruhestifter, denen die neuen Eliten nur mit Hilfe der alten Geheimdienstler hätten beikommen sollen. Dafür spricht zumindest, dass ihrem gemeinsamen Vorläufer „Russkij sabor“ (Russische Versammlung) der ehemalige KGB-General Alexander Sterligow vorstand. Der Mann, der inzwischen mit einem Bestattungsunternehmen reich geworden ist, wollte bei den Präsidentenwahlen eigentlich gegen Putin antreten und scheiterte nur knapp an den erforderlichen zwei Millionen Unterschriften.

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