Zeitung Heute : Rutschen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Ist es nicht herrlich im Moment? Frühling lässt sein blaues Band undsoweiter, wie es im Buche steht. Natürlich wartet nach den tristen Berliner Wintern jeder sehnsüchtig auf die ersten Sonnenstrahlen, das Sprießen der Blumen, das Grünen der Bäume. Aber wir in diesem Jahr ein bisschen mehr als alle anderen, da bin ich überzeugt. Denn mit diesem Frühjahr hat Jans und Josefines erste richtige Spielplatzsaison begonnen. Letztes Jahr waren die beiden noch Babys und sind in Strümpflingen durch den Sand gerobbt. Jetzt zerren sie schon in aller Frühe ihre Schuhe aus dem Regal und lassen nicht den kleinsten Zweifel an ihrem Vorhaben. Ununterbrochen rufen sie: „Anssiehn!“, „Piehlblatz“, „Rutschääh“.

Zum Glück haben wir es nicht weit zum Piehlblatz. Der Heinrich-Lassen-Park befindet sich geradewegs über die Straße, in dem bis vor kurzem trübselig nur zwei Schaukelpferde auf ihren ausgeleierten Sprungfedern im kalten Wind wackelten. Irgendwie muss es Eingebung gewesen sein, eine geniale Fügung der Pläne des Tempelhof-Schöneberger Gartenbauamtes, dass eigens zur Buddelpremiere der Novizen Jan und Josefine dort ein nagelneuer Spielplatz eingerichtet wurde. Unsere Freude teilen allerdings auch die Eltern fünfzig weiterer Steppkes, die ebenfalls Tag für Tag die hölzerne Eisenbahn besteigen und unverdrossen den Mini-Bahnhof mit der Aufschrift „Berlin“ zu erreichen versuchen. Jan bietet da gerne seine Hilfe als Lokomotivführer an, während Josefine hingebungsvoll mit einer Plastikschippe den Bahnsteig umpflügt.

Viele Mütter packen ihre dicken Schmöker aus oder vertiefen sich ins Gespräch mit der Banknachbarin. Ich habe das mittlerweile aufgegeben, denn die ersten Augenblicke stillen Glücks währen bei Jan und Josefine nie lange. Im ersten unbeobachteten Moment ist Josefine auch schon durchs Spielplatz-Gatter entschlüpft und Jan zum Testessen von Forsythienblüten geschlichen. Eigentlich habe ich nichts gegen die Entdeckungsfreude der beiden, aber irgendwie beneide ich doch jene Mütter, die in solchen Augenblicken, ohne weiter aufzuschauen, ihre Thermoskannen rausholen. Jan und Josefine kann jetzt nur noch eines von weiteren Untaten abhalten: die Rutsche. Kein Problem im Heinrich-Lassen-Park; dort gibt es sowohl eine Metallröhre als auch eine Plastikspirale. Das sieht alles sehr schön aus, stellt aber auch höhere Ansprüche. Nicht so sehr an Jan und Josefine, nur ich habe noch nicht raus, wie ich auf der einen Seite oben Jan davon abhalten soll, kopfüber in den Sand zu rutschen, und auf der anderen Seite unten Josefine rechtzeitig aus der Bahn bringe. Mein Äußeres ähnelt dabei zunehmend dem von Jan und Josefine. Vermutlich werde ich mir noch in dieser Spielplatzsaison eine eigene Buddelhose zulegen. Und all die Mütter mit Seidenschals und schickem Schuhwerk, pah, die sehe ich dann auch nicht mehr.

Der Spielplatz im Heinrich-Lassen-Park (Belziger Ecke Gothaer Straße) ist einer von insgesamt 160 im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Die neuen Spielgerüste wurden unter anderem mit dem Geld der neuen Parkraumbewirtschaftung finanziert.

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