S-Bahn-Chaos : Voll abgefahren: Berlin vor dem Verkehrsinfarkt

Der S-Bahn fehlen 400 Wagen, die restlichen sind überfüllt und unpünktlich, an den Stationen herrscht Chaos. Aussicht auf Besserung steht aus. Stattdessen wird eine Hauptstraße gesperrt - und Berlin steht vor dem Verkehrsinfarkt.

S-Bahn
Bloß nicht einsteigen, es ist doch schon so voll hier drin: Eine S-Bahn erreicht den Bahnhof Friedrichstraße. -Foto: ddp

Kaum ein Unternehmen prägt das Leben in und um Berlin herum wie die S-Bahn Berlin. Die Berlinerinnen und Berliner lieben ihre S-Bahn. Nicht ohne Grund: Sie sind mit ihr bereits durch dick und dünn gefahren …

Die S-Bahn Berlin bewegt die Hauptstadt. Jetzt und in Zukunft. Sie ist der Puls der Stadt und sorgt jeden Tag für Mobilität. Für Berlin und seine Menschen. (Selbstdarstellung der S-Bahn Berlin GmbH)

Die Bahnsteige am S-Bahnhof Gesundbrunnen sind voll, die Lage wirkt entspannt, doch Antje Fleckschuh, 28, ist genervt. Sie fährt mit der S-Bahn täglich zur Arbeit, Richtung Tegel, zum Flughafen, sie sitzt dort am Schalter einer amerikanischen Airline. Wenn sie Frühschicht hat, ist sie schon um zehn vor fünf unterwegs. „Das ist nur noch ein furchtbares Geschiebe und Geschubse, wenn man in Sechserreihen am Bahnsteig steht und dann der Zug einfährt.“ Die Leute seien gereizt, aggressiv.

An diesem Donnerstag hat Fleckschuh Spätschicht, Gott sei Dank, sagt sie. Trotzdem ist sie durch die seltener fahrenden Züge eine knappe halbe Stunde länger unterwegs als sonst.

Zur Erinnerung: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf einen gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr. Nach dem Bruch eines Rades während einer Fahrt am 1. Mai, der einen Zug entgleisen ließ, hatte die vormalige S-Bahn-Geschäftsführung ihrer Aufsichtsbehörde – dem Eisenbahn-Bundesamt – zugesichert, die Räder dieser Bauart alle sieben Tage kontrollieren zu lassen. Weil die S-Bahn sich aber nicht daran hielt, hatte das Eisenbahn-Bundesamt zu Beginn der vergangenen Woche rund 400 Wagen über Nacht aus dem Verkehr ziehen lassen. Seither herrscht im S-Bahn-Verkehr völliges Durcheinander.

Bahnhof Hermannstraße. Eine Mutter mit Kinderwagen und einem Kind an der Hand wartet auf die Ringbahn, die als einzige Linie noch nach Plan fahren soll – um diese Zeit sogar im Fünfminutentakt. Die Konservenstimme aus dem Lautsprecher kündigt „wegen Verzögerungen im Betriebsablauf“ 15 Minuten Verspätung an. Hektisch zückt die junge Mutter ihr Handy, um jemanden über ihre verspätete Ankunft zu informieren. Als sie eine Minute später in Richtung Fahrstuhl eilt, um auf die U-Bahn auszuweichen, fährt die Ringbahn ein. Die Mutter wendet den Kinderwagen, reißt das Söhnchen an ihrer Hand herum und drängt Richtung Zug. Während die Frau noch drängelt, kommt vom Nachbargleis die automatische Ansage: „Zug nach Südkreuz über Südkreuz, Westkreuz.“ Ein Fahrgast sagt deutlich hörbar zu sich selbst: „Die sind ja völlig bekloppt hier.“

Der mitdenkende Fahrgast ist schon immer Kern des unternehmerischen Selbstverständnisses der S-Bahn gewesen. Das zeigt eine Meldung im „Berliner Tageblatt“ vom Tag nach der offiziellen Eröffnung ihres Vorläufers, der Stadtbahn, durch Kaiser Wilhelm I. am 6. Februar 1882.

„Hilf Dir selbst! Das ist, wie wir bereits angedeutet haben, die Parole, nach welcher sich die Passagiere bei dem Verkehr auf der heute eröffneten Stadtbahn zu richten haben. Bei der großen Zahl von Zügen, welche auf der Stadtbahn von morgens 5 Uhr ab bis zur Mitternacht verkehren, ist es selbstverständlich unmöglich, dass der Portier, wie es sonst üblich, zu jedem abgehenden Zuge abruft. Da heißt es: selbst aufpassen, dass man nicht zu spät kommt und hinter dem davonlaufenden Zug das Nachsehen hat. Indessen ist ein solches Malheur nicht allzu schlimm; nur 10 bis 15 Minuten Harrens, und schon wieder ist ein Zug da.“ Ob dieser Takt eingehalten wurde, ist nicht dokumentiert. Es gibt aber berechtigte Zweifel. Einige Tage vor der Stadtbahn-Eröffnung wurde nämlich über deren Fahrplan gestritten. Die „Deutsche Bauzeitung“ beklagte, dass 1. zu wenige Züge im Einsatz seien, 2. der Süden der Stadt nicht ausreichend im Fahrplan vorkomme und überhaupt: „Das Intervall von 20 Minuten zwischen zwei Zügen ist zur Inslebenrufung eines beträchtlichen Lokalverkehrs zu groß.“

Das Intervall von 45 Minuten wahrscheinlich auch. So geschehen am Donnerstagabend, im Berufsverkehr zwischen Adlershof und Grünau.

Gespräch mit einem S-Bahn-Fahrer. Einer von jenen, die im vergangenen Jahr noch als Helden galten, während eines Streiks des anderen großen Massenverkehrsunternehmens der Stadt, der BVG. Leute wie er kompensierten das damals, transportierten in ihren S-Bahn-Zügen täglich bis zu zwei Millionen Menschen statt der werktäglich üblichen 1,3 Millionen.

Er habe gehört, sagt er, dass die Beschwerdeabteilung mit der geballten Wut der Kunden kämpft. Aber sein eigener Job sei gut erträglich: „Die Leute sind zwar gereizt, aber sie wissen ja, dass sie nichts ändern können, wenn sie ihre Wut an uns auslassen.“ Er und seine Kollegen hätten weniger zu tun als sonst. Manchmal nur eine Tour, dann stundenlanges Herumsitzen. Dafür mehr Rangierfahrten als sonst, um die noch einsatzfähigen Wagen bereitzustellen. Die Fahrer warten auf den Notdienstplan zum Notfahrplan. Und rechnen mit viel Freizeit in den nächsten Wochen. Dafür ist der Dienst Dauerstress: Überfüllte Züge wollen vorausschauend gefahren und vor allem gebremst werden. Und beim Abfertigen auf den vollen Bahnhöfen „muss man halt warten, bis alle Türen frei sind. Das kann schon eine Weile dauern.“

Schon die ersten Züge, die auf dem Stadtring fuhren, die allerersten am Tag nach der Eröffnungsfahrt durch den Kaiser und seinen Tross, hatten Verspätung. Und zwar „fast ausnahmslos“, wie die „Vossische Zeitung“ am Tag danach, am Dienstag, den 7. Februar 1882, notierte. Dass das überhaupt bemerkt wurde, ist wohl dem Personal zu verdanken, Fahrgäste haben sich nicht beklagt. Die gab es nicht, wie die Zeitung auch berichtete: „Die 5 Uhr 20, 6 Uhr 40 von Westend abfahrenden Züge gingen bis zum Zoologischen Garten fast vollständig leer, ebenso brachte der vom Schlesischen Bahnhof 7 Uhr 20 am Zoologischen Garten anlaufende Zug nicht einen einzigen Passagier mit.“

Frustriert wendet sich der Radfahrer ab. Keine Chance, auch nur den halben Vorderreifen noch in die S-Bahn zu schieben. In normalen Zeiten kann man abends auf dem S-Bahnhof Bellevue auf einen Sitzplatz hoffen.

Tags zuvor, am Potsdamer Platz, auch dieser Zug ist hoffnungslos überfüllt, so sehr, dass man sich einen Moment lang kräftige Schieber wünscht, die einen fest hineinquetschen in das Menschenknäuel, damit man von dem Din-A5- großen Randplatz an der Tür nicht wieder weggespuckt wird, zurück auf den Bahnsteig. Die Türen gehen endlich zu, die Luft ist so feuchtwarm und stickig, dass man geradezu froh ist, nicht umfallen zu können.

Die Nase hängt unter der Achsel eines baumlangen Typen, dessen Duschrhythmus man lieber nicht erfragen möchte. Jemand niest kräftig vor sich hin, und man versucht hypochondrische Gedanken zu unterdrücken. Morgen geht’s mit dem Auto weiter.

Tempelhofer Damm, am Platz der Luftbrücke, Donnerstagnachmittag. Noch herrscht reger S-Bahn-Alternativverkehr auf einer der größten Ausfallstraßen Berlins. Schaltet die Ampel auf Grün, rasen Pendlerkombis und Lastwagen nach Süden, Richtung Stadtautobahn. Noch.

„9.7.09 –11.07.09 jeweils 19 –24 h Tempelhofer Damm ab Platz der Luftbrücke gesperrt“ steht auf einem großen Schild etwas weiter nördlich, auf dem Mehringdamm. Entlang der Strecke stadtauswärts sind im Abstand von 20 Metern Schilder aufgestellt, die ein absolutes Halteverbot ab Donnerstag 15 Uhr bis 2 Uhr nachts verkünden, das Gleiche gilt für Freitag und Sonnabend. Straßensperren aus weißem Plastik mit rot-weißen Streifen stehen an jeder Einmündung bereit. Sie werden jeweils am frühen Abend aufgestellt. Denn dann ist auf dem Gelände des benachbarten Tempelhofer Flughafens Pyromusikale, das „weltgrößte Festival der Musikfeuerwerke“.

Noch einmal das „Berliner Tageblatt“ vom 7. Februar 1882: „Fast an jeder Station verließ der Kaiser den Salonwagen, um … die Einrichtung zu besichtigen. Auf dem Bahnhofe an der Königsbrücke gab die Kaiserin einem Herrn des Gefolges den Auftrag, der möge den Kaiser ersuchen, einen warmen Mantel anzulegen. Der Kaiser lehnte das vorsorgliche Anerbieten jedoch freundlich dankend ab und schritt trotz der feuchtkalten Witterung noch mehrere Minuten in der Halle auf und ab. Auf dem Bahnhof in der Friedrichstraße, der mit Fahnen, Emblemen und grünen Girlanden ganz besonders reich ausgeschmückt und dessen Perron mit Teppichen belegt war, verließen sämtliche Teilnehmer der Festfahrt die Coupés. Der Kaiser äußerte wiederholt seine außerordentliche Befriedigung über den imposanten Bau … Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, brachten die auf dem Perron versammelten Beamten und Bediensteten der Bahn dem Kaiser ein brausendes Hoch aus.“

Bahnhof Gesundbrunnen, noch ein Hoch. Adrian Tingstad ragt aus der Menge der Wartenden heraus wie ein Turm. Der Norweger ist knapp zwei Meter groß, sein brauner Lockenkopf wippt hin und her, wenn er redet. Der 20-Jährige ist mit drei Freunden nach Berlin gekommen, zwei Tage Sightseeing stehen auf dem Programm. Von einem S-Bahn-Chaos habe er noch nichts mitbekommen, sagt er. „Das Nahverkehrssystem hier ist doch sehr effizient, in Trondheim haben wir so etwas nicht. Dort gibt es nur Busse, und die fahren nicht so oft.“

Und was ist an diesem Donnerstag mit Tegel, dem Flughafen, zu dem Antje Fleckschuh gerade unterwegs ist und wo es seit Tagen Streit zwischen der Flughafengesellschaft und Taxifahrern gibt, wo Chaos herrschte? Es herrscht Ordnung. Vor dem Terminal A stehen die Taxis dicht hintereinander und warten auf Kunden. Die Fahrer sind friedlich, ihre Kontrolleure zufrieden – „Wir haben unseren Streik heute ausgesetzt“, sagt ein Taxifahrer. „Man muss ja auch etwas verdienen.“ Er ist selbstständig, muss sein Auto unterhalten, sehen, wo er bleibt. Am Dienstag hat er noch gestreikt, sagt er, doch heute wird hier keine Zufahrt mehr blockiert, kein Fahrgast stehen gelassen. „Wir warten erst mal das Gerichtsurteil ab“, sagt er. Das soll klären, ob die Flughafengesellschaft 50 Cent von den Tegel ansteuernden Taxifahrern kassieren darf, die sich diese wiederum von den Fahrgästen zurückholen dürfen. Die Justiz ist also bei beiden gefordert, bei den Taxifahrern und der S-Bahn, wenigstens eine Gemeinsamkeit an diesem Donnerstag.

Von Ariane Bemmer, Elisabeth Binder, Lea Hampel, Birte Honsa, Stefan Jacobs, Klaus Kurpjuweit, Vera Pache, Adrian Pickshaus und Katja Reimann

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